25. Juni 1998 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Don Simpson

Kriegsspiele im Schnee

Die Achtziger auf Hochtouren: Die Exzesse eines Produzenten

Wenn man in dem Örtchen Anchorage in Alaska groß wird und an der High School zu wenig Hoffnungen Anlaß gibt, dann landet man entweder im Fischfang oder im Alkoholismus – oder man kommt groß heraus. Don Simpson wurde einer der erfolgreichsten Produzenten in Hollywood und hatte Anchorage weit hinter sich gelassen, aber er ließ es sich nicht nehmen, mit seiner Vergangenheit abzurechnen und es allen zu zeigen.

Zum 20jährigen Klassentreffen landete er mit dem Hubschrauber mitten auf dem Football-Feld der West Anchorage High School, mischte sich mit zwei Penthouse-Pets unter die Menge, um sicher zu gehen, daß wirklich jeder seine kalifornische Sonnenbräune zur Kenntnis genommen hatte, und entschwebte dann wieder so schnell, wie er gekommen war.

Das war 1981, und Simpson war gerade zum Produktionschef von Paramount ernannt worden. Von den neun Filmen, die gerade in Produktion gingen, konnte man acht vergessen, aber einer der Filme besaß das, was ihn für Simpson interessant machte: EIN OFFIZIER UND EIN GENTLEMAN war die Sorte Film, die er sehen wollte: Ein Held mit strahlender Uniform und dunkler Vergangenheit, Motorrad und Mädchen, Krise, Triumph und Erlösung. Simpson terrorisierte den Regisseur Taylor Hackford, bis er bekam, was er wollte: einen Hit.

Aber selbst für Hollywoods Verhältnisse verbrauchte Simpson zuviel Kokain, um seinen Motor in Schwung zu halten. Deshalb entschied Michael Eisner, den Wonder Boy zu feuern, setzte ihn aber noch auf ein Projekt an, von dem sich keiner viel versprach: FLASHDANCE. Simpson schmollte, tat sich mit seinem alten Freund Jerry Bruckheimer zusammen, nahm noch mehr Drogen und verwandelte das lahme Tanz-Märchen in einen riesigen Erfolg: volle Bässe, schnelle Schnitte, griffiges Konzept. Das waren die Achtziger.

Charles Fleming, der Simpsons Geschichte unter dem Titel „High Concept – Don Simpson and the Hollywood Culture of Excess” (Doubleday, 23. 95 Dollar) aufgeschrieben hat, sagt über das Jahrzehnt der Maßlosigkeit: „Wenn es in den Achtzigern etwas gab, was man dafür verantwortlich machen kann, daß alle noch mehr durchdrehten als in dieser Stadt ohnehin üblich, dann war das die schnelle Anhäufung von Geld. Das Filmgeschäft warf so viel Gewinne ab, daß alle auf einmal mehr verdienten, als sie ausgeben konnten. Das gab jedem die Gelegenheit, dem eigenen Geschmack über die Grenzen jedes Anstands hinaus zu frönen und böse Geister aller Art in sich zu entfesseln. ” Bei Simpson hieß das, daß er seine Levi’s stets nur einmal trug, grundsätzlich nur mit Nutten (er nannte sie MAW, „model, actress, whatever”) verkehrte, „aus Angst vor Zurückweisung”, zwei Porsches zu Schrott fuhr und am Ende 60 000 Dollar allein für legale Drogen ausgab.

Simpsons Image als böser Junge war kein Geheimnis, aber so lange er Erfolg hatte, fand sich keiner, der ihn in Schranken wies. Seine sadomasochistischen Spielchen, schrieb 1995 Faye Resnick in einem Buch, hätten ihn „ins Gefängnis bringen müssen”. Es wurde nur noch schlimmer: Tagelang verließ Simpson nicht mehr sein Haus in den Hollywood Hills, überzeugt, daß die Mafia auf seinen Kopf eine Prämie ausgesetzt habe. An Wochenenden nahm der Waffennarr an Kriegsspielen teil, tauchte aufgerüstet wie General Patton auf und war immer der erste, den es erwischte.

Das Schlimmste war jedoch die Erkenntnis, daß er sich mit all dem Geld nicht die Art von Anerkennung kaufen konnte, die den Stars seiner Filme zuteil wurde. Also setzte er sich in den Kopf, Schauspieler zu werden. Er ließ sich die Backen, Lippen, das Kinn (und natürlich auch den Penis) aufspritzen, die Stirn und den Hintern liften und das Fett am Bauch absaugen. In DAYS OF THUNDER spielte er Tom Cruises Rivalen, aber das Material erwies sich als unbrauchbar – er konnte einfach nicht schauspielern.

In den Neunzigern ging es weiter bergab: An BAD BOYS, DANGEROUIS MINDS, CROMSON TIDE und THE ROCK war er kaum mehr beteiligt. Schließlich trennte sich sogar sein unendlich geduldiger Partner Bruckheimer von ihm, sein persönlicher Arzt erlag in seinem Badehaus einer Überdosis Morphium, und auch die teuersten Entziehungskuren zeigten keine Wirkung mehr.

Am 19. Januar 1996 wurde Don Simpson auf dem Boden seines Badezimmers gefunden, auf der Toilette einem Herzinfarkt erlegen, während er in einer Oliver-Stone-Biographie las. Er war der schärfsten Droge von allen erlegen: dem Erfolg.

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