21. November 1998 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Alan J. Pakula

Kino kann sehr kalt sein

Ein Augenzeuge der Verschwörungen: Zum Tod des Filmregisseurs Alan J. Pakula

Er sei, meldet AP, 50 Kilometer östlich von New York auf dem Long Island Expressway gefahren, „als eine auf der Straße liegende Eisenstange von einem vor ihm fahrenden Fahrzeug hochgeschleudert wurde und seine Windschutzscheibe durchschlug. Pakula wurde tödlich am Kopf getroffen.” Dazu wird vermerkt, daß zahlreiche seine Darsteller Oscars gewonnen hätten. So viel dazu. Der Name Pakula, der im April seinen 70. Geburtstag feierte, wird den meisten dennoch nicht viel sagen.

Dabei hat er zwischen 1971 und 76 mit KLUTE, zEUGE EINER VERSCHWÖRUNG und DIE UNBWESTECHLICHEN drei der besten amerikanischen Filme der letzten 30 Jahre gedreht und auch später noch mit SOPHIES ENTSCHEIDUNG, AUS MANGEL AN BEWEISEN oder DIE AKTE durchaus von sich reden gemacht. Wie kommt es also, daß er nicht bekannter war? Warum sind Regisseure, die auch nicht wesentlich erfolgreicher waren – wie Scorsese, Coppola oder selbst Bogdanovich und Brian De Palma –, stets wesentlich präsenter als er gewesen? Vielleicht hat es ja damit zu tun, daß es in seinen Filmen häufig eine unsichtbare Macht gab, die einen stärkeren Eindruck hinterließ als die Stars, die wie Marionetten an Fäden zu zappeln schienen. Wenn es um Paranoia ging, hat Pakula selbst notorische Verschwörungsfanatiker wie De Palma oder Stone, aber auch Filme wie Pollacks DREI TAGE DES CONDOR oder Coppolas DER DIALOG in den Schatten gestellt.

Robert Redford und Dustin Hoffman erwecken in DIE UNBESTECHLICHEN vielleicht den Eindruck, sie würden sie den Watergate-Skandal im Alleingang aufdecken – in Wirklichkeit ist die stärkste Figur „Deep Throat”, jener Schattenmann, dessen Identität bis heute im Dunkeln ist. Und es gelingt Pakula, in einer grandiosen Sequenz die Rolle der beiden Reporter in diesem Machtspiel zu illustrieren: Da sitzen sie in der Library of Congress über den Ausleihzetteln, und die Kamera entschwebt immer weiter nach oben, bis die beiden nur noch winzige Figuren in diesem riesenhaften Netz von Tischen und Gängen sind.

Mit Einstellungen wie diesen hat Pakula sein Kino der Paranoia begründet: wenn in KLUTE Jane Fonda in der Ferne am nächtlichen Fenster telefoniert und sich plötzlich im Vordergrund eine Hand ins Bild schiebt; wenn in ZEUGE EINER VERSCHWÖRUNG immer wieder die Kamera auf Distanz geht und im nächsten Moment Explosionen das Bild erschüttern; wenn Julia Roberts in DIE AKTE vom Teleobjektiv ins Visier genommen wird. Keiner hat den kalten Blick der Kamera so umbarmherzig inszeniert wie Pakula – außer vielleicht Fritz Lang.

„Wir sind alle Gefangene einer Welt, die wir nicht gemacht haben”, hat Pakula gesagt, als er vergangenes Jahr zur Promotion von VERTRAUTER FEIND in München war. Er war ein aufmerksamer älterer Herr, der wohlüberlegt Auskunft gab und dessen dunkle, wache Augen von tieferen Leidenschaften zeugten. Ab 1957 war er Produzent für Robert Mulligan gewesen, ehe er sich im Alter von 40 Jahren der Regie zuwandte. Natürlich war nicht nur in seinen Filmen die Reaktion auf Vietnam, die Attentate und später dann Watergate zu spüren – aber keiner fand überzeugendere Bilder als er.

Am Ende von PARALLAX VIEW läuft Warren Beatty, der Zeuge einer Verschwörung geworden ist, auf eine Türe zu, um sich vor seinen Verfolgern ins Freie zu retten. Als er das lichtdurchflutete Rechteck erreicht hat, bleibt das Bild stehen – und man hört nur noch die tödlichen Schüsse. Heutzutage werden solche Filmenden schon verworfen, ehe es überhaupt zu Testvorführungen kommt.

Daß in der Suche nach Wahrheit dennoch ein Trost liegt, haben Woodward und Bernstein bewiesen. Auch wenn der deutsche Titel die Reporter in den Mittelpunkt rückt, wo im Original ALL THE PRESIDENT’S MEN die Hauptrolle spielen – selten wurde aus so wenig so viel, aus so komplizierten Zusammenhängen eine so einleuchtende Geschichte gemacht. Wer danach nicht Journalist – oder wenigstens Filmkritiker – werden will, ist selber schuld. Man sollte Pakula zum Heiligen der Redaktionsstuben ernennen.

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