08. Oktober 1993 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Toni Morrison

Gegen den Widerstand des Erinnerns

Die afroamerikanische Erzählerin Toni Morrison bekommt den Nobelpreis

Sie war fast vierzig, als 1970 ihr erster Roman erschien. Sie habe, sagt Toni Morrison, lange gedacht, es seien schon alle Bücher geschrieben: ‚Dann wollte ich ein bestimmtes Buch lesen, und dieses Buch gab es nicht.‘ Das ist ein schöner und gar nicht so selbstverständlicher Gedanke, daß jemand die Bücher schreibt, die er selbst gerne lesen würde. Es zeugt davon, daß Toni Morrison etwas zu erzählen hat, und daß dieses Erzählte in ein Niemandsland hineingeschrieben ist, das vor ihr noch niemand betreten hat.

I am a black woman writer: Darauf besteht sie. Weil sie nicht so tun will, als gäbe es keine Unterschiede zwischen Schwarz und Weiß, Mann und Frau. Weil sie will, daß diese Unterschiede akzeptiert werden. Sie kam am 18. Februar 1931 als zweites von vier Kindern eines Werftarbeiters in Lorain in Ohio zur Welt. Da hieß sie noch Chloe Anthony Wofford. Den Vornamen hat sie der Verständlichkeit halber geändert, den Nachnamen der Ehe halber. Sie studierte in Washington, unterrichtete in Texas, ließ sich scheiden, ging zurück nach Lorain und wurde dann Lektorin bei Random House in New York. Wenn sie also sagt, das Buch, das sie lesen wollte, habe es nicht gegeben, dann weiß sie, wovon sie spricht.

Sechs Romane hat sie seither geschrieben: The Bluest Eye (Sehr blaue Augen, 1970), Sula (1974), Song of Solomon (Solomons Lied, 1977), Tar Baby (Teerbaby, 1983), Beloved (Menschenkind, 1987) und Jazz (1992). Sie sind dem Gefühl entsprungen, ’niemand spräche oder schriebe über schwarze Menschen so, wie ich wußte, daß sie seien. Und ich wollte dabei niemandem etwas erklären müssen.‘ Wenn man sich auf das konzentriert, was man zu sagen hat, meinte sie, dann geht das auch alle an. So wurde sie vor Alice Walker, Ernest J. Gaines, Ralph Ellison, James Baldwin, Ishmael Reed oder LeRoi Jones zur bedeutendsten schwarzen Stimme in der amerikanischen Literatur.

‚Die Zukunft läßt sich nicht verändern‘, hat sie gesagt, ‚die Vergangenheit schon.‘ In einem Land, dessen Geschichtsschreibung von Anfang an eine einzige Unterschlagung war, mußten und müssen die Schwarzen erst einmal die eigene Geschichte zurückerobern. Wenn man erfahren will, wer man ist, muß man zuerst einmal wissen, wer man war: ‚Das ganze Problem mit dem Erinnern ist vermutlich der Widerstand. Keiner will sich erinnern: die Schwarzen nicht, weil es zu schmerzhaft, die Weißen nicht, weil es zu schuldbehaftet ist.‘ So hat Toni Morrison Schicht um Schicht die Vergangenheit freilegt und den gesichtlosen schwarzen Massen ihre Geschichte zurückgegeben. Die Widmung in Beloved, in dem die Sklavin Sethe ihre Tochter umbringt, um ihr die Demütigungen zu ersparen, lautet schlicht: ‚Sechzig Millionen und mehr.‘

The Bluest Eye handelt von dem Mädchen Pecola Breedlove, das vom Vater vergewaltigt wird und daran zugrunde geht, daß es keine blauen Augen und blonden Haare wie die weißen Mädchen hat. Schon in ihrem ersten Roman schlug Morrison ihre Themen an: die Abhängigkeit von Rasse und Klasse, Aussehen und Geschlecht. Deshalb sind ihre ersten vier Romane bei uns auch in Rowohlts Taschenbuchreihe neue frau erscheinen, ehe sie auch als Autorin für ein breiteres Publikum entdeckt wurde. Und natürlich ist Toni Morrison alles andere als eine Autorin, die Nischen braucht, um ihr Publikum zu finden.

Fliegen lernen

‚Ich finde bestimmte Szenen, die klar vor mir stehen, für die ich ein Gefühl, eine Sprache, eine Metapher habe. Diese schreibe ich, und sie können an irgendeiner beliebigen Stelle im Roman erscheinen. Ich habe noch nie mit der ersten Seite eines Buches angefangen, ich beginne einfach irgendwo.‘ Man merkt den Büchern diese organische Vorgehensweise an: Sie wachsen und verzweigen sich, treiben an allen Ecken und Enden aus und schlagen ihre Wurzeln in die Vergangenheit. Man hört in ihnen die ungezügelte Kraft der Überlieferung, die ihre Geschichten vorantreibt, und die erzählerische Lust einer Kultur, die für ihre Geschichten von jeher populäre Formen gefunden hat. Daß ihr letzter Roman Jazz heißt, weißt schon auf die Verwandtschaft ihrer Sprache zur Musik hin: ‚Ich sollte fort von hier. Das Fenster meiden, das Loch verlassen, das ich in die Tür gesägt habe, um anderer Leute Leben hereinzuholen, statt selbst eines zu leben. Die Liebe zur Stadt hat mich abgelenkt und mir Flausen in den Kopf gesetzt. Hat mir den Gedanken eingegeben, ich könnte ihre laute Stimme werden und diesen Klang menschlich klingen lassen.‘

Wenn man kann, sollte man das im Original lesen, diese Sprache, die fortwährend kurz vor dem Überschlag steht, dieses Sprechen, das alle halblang in Gesang umschlagen kann, diesen Stil, der sich immer wieder zu Bildern aufwölbt. Die Tradition schwarzer Musikalität hat Toni Morrison mit einer großen erzählerischen Kunstfertigkeit verbunden. Auch das ist eine Art, schwarzes Erbe zu retten.

In einem Artikel von Bettye J. Parker heißt es, Toni Morrison habe Mitte der Siebziger auch an der Autobiographie von Muhammad Ali geschrieben: ‚Es war fast, als würde man die Bibel herausgeben; jedes Komma wurde zum Streitsatz. Nun ist das fertig, und ich kann zu meiner Arbeit zurückkehren.‘ Das ist der einzige Hinweis auf diesen Seitensprung, aber wenn es stimmt, sollte man dieses Buch wieder ausgraben. Eine Nobelpreisträgerin, die das Schicksal so vieler schwarzer Frauen beschrieben hat, hätte dann einem der berühmtesten Schwarzen überhaupt ihre Stimme geliehen.

Ali wäre dann eine von Toni Morrisons mythischen Figuren, einer wie Robert Smith in Song of Solomon, der beschließt, mit selbstgemachten Flügeln von der Kuppel eines Krankenhauses über den Michigansee zu fliegen. Das Datum im Roman ist der 18. Februar 1931, der Geburtstag von Toni Morrison. Der Junge, der im Roman an diesem Tag geboren wurde, so wir erzählt, verliert jedes Interesse an sich, ‚als er entdeckte, was Mr. Smith vor ihm gelernt hatte, daß nämlich nur Vögel und Flugzeuge fliegen konnten‘. Aber am Ende erzählt ihm jemand von einem afrikanischen Vorfahren: ‚Konnte fliegen. Doch, wie ein Vogel. Richtete sich eines Tages im Feld auf, rannte einen Hügel hinauf, drehte sich ein paarmal um sich selbst und wurde in die Luft gehoben.‘ Vielleicht geht es in den Büchern der Toni Morrison vor allem darum: Fliegen zu lernen.

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