30. Dezember 1998 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Lyle Lovett

Country im Designer-Jacket

Lyle Lovett verneigt sich vor seinen Vorbildern

Es gibt ein Photo im Beiheft dieser Doppel-CD, das sagt alles: Drunter steht Knoxville, Tennessee, und drüber sieht man im Vordergrund den stämmigen, bärtigen Robert Earl Keen in Jeansjacke mit Bierdose in der Hand, in Country-Ausgehuniform sozusagen, und im Hintergrund steht der lange Lulatsch Lyle Lovett und knöpft sich mit eher mondäner Geste sein Jacket zu, das nach Lage der Dinge von Armani oder Comme des Garçons sein muß. Zumindest dankt er beiden Firmen im Abspann.

Wenn man boshaft ist, könnte man also sagen, daß Lovett zur Armani-Fraktion der Countrymusik gehört und seine Songs die Prêt-à-porter-Collection derselben sind. Wenn man das als Lob meint, dann stimmt es auch.

Eine gewisse Weltläufigkeit hat sich Lovett angeeignet a) als ziemlich unwahrscheinliche Besetzung der Rolle von Julia Roberts’ zeitweiligem Ehemann und b) als Kleinschauspieler in Robert Altmans SHORT CUTS beispielweise, wo er einen tobsüchtigen Bäcker spielte. Gut war er jedoch vorher schon, als er Platten mit Titeln wie „Pontiac” oder „Joshua Judges Ruth” mit einer Stimme besungen hat, die irgendwo zwischen untermotorisierter Romantik und bitterernst vorgetragener Ironie schwankte. In jedem Fall ist er eine der kuriosesten Figuren dessen, was man im weitesten Sinne Country-Musik nennen könnte und was mit Leuten wie dem Multiseller Garth Brooks nichts am Hut hat.

Lovett wurde 1956 in einem texanischen Kaff namens Klein geboren, das den Namen von seinem Großvater Adam Klein hatte. Er studierte Journalismus und Deutsch, schrieb Songs und wurde bei einem Interview für seine Schulzeitung von Nanci Griffith ermutigt, es doch auch mal selbst zu versuchen. Auf einem Festival in Luxemburg lernte er die J. David Sloan Band kennen, die ihn auf einem Demo-Band unterstützte, das wiederum der wunderbare Songwriter und Gitarrenbauer Guy Clark an die Leute von MCA weitergab. Das ist gar kein so eigenartiger Anfang, wenn man mal begriffen hat, daß Countrymusik längst nicht mehr nur von Cowboys bestritten wird.

Auf „Step Inside This House” erweist Lovett nun seinen Heroen die Reverenz und trägt Songs von Leuten wie Townes Van Zandt, Willis Alan Ramsey, Steven Formholz, Walter Hyatt oder eben Keen und Clark vor. Das klingt nicht nur gut, sondern erzählt auch Geschichten, von denen man im Kino oft nur noch träumen kann: „She bought me good whisky in Memphis / She bought supper and paid for the room / And as best as I can remember / She paid dearly for loving me too. ” Der Text stammt von Eric Taylor, und so wie Lyle Lovett davon singt, ist Memphis, Tennessee, eine Stadt, in der man unbedingt mal einen Whisky trinken sollte.

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