16. Februar 1998 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Ben Kingsley

Im Profil

Ben Kingsley 
Oscar-Preisträger und 
Jury-Präsident der Berlinale

Wer Jury-Präsident bei einem großen Filmfestival wie der Berlinale wird, muß immer auch ein guter Botschafter für die Belange des Kinos sein. Was das angeht, hätte die Wahl dieses Jahr auf keinen besseren fallen können: Ben Kingsley ist seit seinem Oscar für die Titelrolle in GANDHI ein unermüdlicher Streiter fürs Kino als völkerverständigende Kunst. In diesem Sinne sagte er zum Auftakt der 48. Internationalen Filmfestspiele Berlin, der beste Weg, eine andere Kultur kennenzulernen, sei es, im Kino mit anderen Menschen „zu lachen, zu lieben, Sehnsüchte zu teilen und in den Spiegel zu schauen”.

Kingsleys Karriere spiegelt dieses Bedürfnis, andere Kulturen und Epochen zu verstehen und zu vermitteln, wie kaum eine andere. Seit er als GANDHI 1983 zu Weltruhm gelangt ist, wechseln seine Rollen stets zwischen Tätern und Opfern, Verführern und Verführten: Er hat Lenin und Moses gespielt, den Nazi-Jäger Simon Wiesenthal und den jüdischen Gangster Meyer Lansky, einen KZ-Häftling in Steven Spielbergs ScHINDLERS LISTE und einen lateinamerikanischen Folterknecht in Roman Polanskis DER TOD UND DAS MÄDCHEN. Wenn es etwas gibt, was diese Rollen verbindet, dann ist es der Verzicht auf große Gesten und das Wissen, daß er sich im Zweifelsfall immer auf seinen hypnotischen Blick verlassen kann.

Die Vielfalt in der Rollenwahl ist natürlich auch der Versuch, sich der Festlegung auf ein bestimmtes Image zu entziehen. Schließlich war er vor GANDHI schon Mitglied der Royal Shakespeare Company und hat auf der Bühne als Hamlet und Othello Erfolge gefeiert. Womöglich hat Kingsleys Hang zum Multikulturen aber auch seinen Ursprung in der abenteuerlichen Familiengeschichte. Sein Großvater wurde als Waise im Alter von neun Jahren von einem reichen Gewürzhändler in Sansibar adoptiert, übernahm nach dem Tod des Ziehvaters das Geschäft und ging nach Südafrika. Der Sohn wiederum wurde 1927 im Alter von 14 Jahren zur Ausbildung nach England geschickt. Als zwei Jahre später der Vater starb, übernahm der Aga Khan als Oberhaupt der ismaelitisch-muslimischen Gemeinschaft die Kosten für die Ausbildung, an deren Ende sich Kingsleys Vater als praktischer Arzt in Manchester niederlassen konnte.

Sein Sohn Ben, Silvester 1943 als Krishna Bhanji geboren, folgte als Chemie-Laborant erst dem Vater, schloß sich gleichzeitig jedoch einer Laienspieltruppe an und gab schließlich vollends seiner Leidenschaft fürs Theater nach. Kingsley hat immer die Parallelen zwischen den beiden Professionen betont: Wie die Medizin besitze auch das Theater Heilkräfte, zumal es vom Kontakt zu den Menschen lebt.

Nach dem Geheimnis seiner Kunst befragt, verweist Kingsley gerne auf seine Tochter, die mit Keramik arbeitet: „Sie formt den Ton auf der Drehscheibe, kann aber nicht erklären, wie. Denn ihre Hände reden nicht. Es gelingt ihr einfach. ” Gerade das einfache Gelingen ist im Kino jedoch das Schwerste. Der Schauspielerei gelte deshalb seine ausschließliche Beschäftigung. Daneben bleibe in seinem Leben, sagt Kingsley, höchstens noch für ein bißchen Gartenarbeit Platz.

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