26. Juli 1997 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Blake Edwards

Weinen im Regen

Blake Edwards wird 75 
– und alles bleibt im Fluß

Wenn man nicht weiter weiß, helfen chinesische Sprichwörter immer. Der Lieblingsspruch von Blake Edwards lautet: „Du mußt nur lange genug am Flußufer sitzen, um die Leichen deiner Feinde vorbeitreiben zu sehen.” So ist es immer mit diesen Geschichten: Kein Mensch versteht sie wirklich, aber sie klingen irgendwie wahr und richtig.

Edwards hatte einen guten Grund, sein Seelenheil in so einem Spruch zu suchen. Denn Anfang der siebziger Jahre hat das einstige Wunderkind, der Regisseur von Klassikern wie FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY und DER ROSAROTE PANTHER in Hollywood plötzlich Schiffbruch erlitten. Seine Studios und Produzenten hatten sein Lieblingsprojekt DARLING LILI verstümmelt und an WILD ROVERS herumgeschnitten, und Edwards war mit seiner Weisheit am Ende. Depressionen, Mordgedanken, Selbstmordabsichten. Dann habe er allerdings begriffen, daß es flußabwärts vermutlich Leute gab, die darauf warteten, seine Leiche vorübertreiben zu sehen. Sie warten noch immer.

Wenn man in dieser Branche 75 wird, dann hat man am Ufer des Lebens eine Menge Feinde vorbeitreiben sehen – und auch viele Freunde. Als Peter Sellers starb, hat er ihm mit zwei Clouseau-Filmen, die er aus Resten der vorangegangenen fünf zusammengeschnitten hat, ein Denkmal gesetzt; und zuletzt einen achten Clouseau mit Roberto Benigni als eher blassen Nachfolger besetzt. Für Leute wie seinen Freund und früheren Mitautor Richard Quine oder den Komponisten Henry Mancini gab es allerdings keinen Ersatz.

Quine gehörte zu jenen Regisseuren, die in den Sechzigern mit ihren Filmen die unbeschreibliche Leichtigkeit des Seins verewigt, aber im New Hollywood dann keinen Platz mehr gefunden haben. Edwards hat den Sprung dann doch noch geschafft, indem er seine Serie um den vertrottelten Inspektor Clouseau wieder aufgewärmt hat. Nach den deprimierenden Erfahrungen mit Produzenten, hat er diese Filme selbst produziert und ist damit ein reicher Mann geworden. Und nach 10 – DIE TRAUMFRAU hat er es in den achtziger Jahren, als andere Regisseure seines Alters sich langsam zur Ruhe setzen, immer noch geschafft, jedes Jahr mindestens einen Film zu drehen: In S.O.B. und SUNSET hat er nochmal mit Hollywood abgerechnet, in A FINE MESS und BLIND DATE dem Slapstick gehuldigt und mit THAT’S LIFE! und SKIN DEEP wunderbare Filme über Freundschaft und Familie, Chaos und Krise gedreht. Sie gehören zu den schönsten Filme des Jahrzehnts.

Was Männer und Frauen zusammenhält und auseinander treibt, hat keiner mit so leichter Hand erzählen können wie er. Durch ganz simplen Rollentausch hat er den Spieß im Kampf der Geschlechter umgedreht und Männlein und Weiblein den Spiegel vorgehalten. In SWITCH wurde ein Macho als Frau (Ellen Barkin) wiedergeboren und in ein kurioses Happy-End getrieben, indem er schwanger wird. Und in seinem Erfolg VICTOR/VICTORIA, den er zuletzt für den Broadway nochmal auf die Bühne gebracht hat, spielt eine Frau einen Mann, der als Frauendarsteller auftritt. So verflüssigen sich nicht nur die Grenzen zwischen den Geschlechtern, sondern es wird auch in Frage gestellt, was Identifikation im Kino bedeutet.

Gibt es Sublimeres im Kino, hat ein Kenner mal gefragt, als jemanden im Regen weinen zu sehen? Da muß man nur an Audrey Hepburn am Ende von Tiffany denken oder an Edwards’ Frau Julie Andrews in DARLING LILI. Alles fließt bei Edwards. Er hat nicht ohne Grund ein Remake von Truffaut gedreht: DER MANN, DER DIE FRAUEN LIEBTE.

Hoffentlich weiß Blake Edwards an seinem heutigen Geburtstag, daß flußabwärts keine Feinde mehr sitzen. Nur noch Freunde.

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