28. Juni 1997 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Susan Sarandon

Die Sache mit den Zitronen

Jedermanns Lieblingsschauspielerin: Susan Sarandon ist diesmal der Stargast in München

Tun wir nicht lang rum: Im Kino führen viele Wege zum Ruhm – schauspielerisches Können ist nur einer davon. Susan Sarandons Kunst steht ohnehin außer Frage. Vier Nominierungen und ein Oscar in fünf Jahren beweisen auch, daß das eine durchaus mehrheitsfähige Auffassung unter Kollegen und Kinogängern ist. Aber in die Herzen der Menschen dringt man damit allein nicht vor. Das läuft anders. Beispielsweise indem man sich allabendlich vor dem offenen Fenster den bloßen Oberkörper mit aufgeschnittenen Zitronen abreibt und dabei die Zuschauer – und Burt Lancaster – im Unklaren läßt, ob das reine Unschuld oder auch ein bißchen Berechnung ist, sich so zu zeigen. Nicht nur der abgehalfterte Gangster Lancaster war Susan Sarandon von da an verfallen.

Die Rolle der Austernkellnerin in Atlantic City , die jeden Abend den Fischgeruch auf der Haut loskriegen will und davon träumt, der erste weibliche Croupier in Monte Carlo zu werden, gehört zweifellos zu jenen Auftritten, mit denen man sich für immer in die Phantasien der Kinogänger einhakt. Das war 1980; Susan Sarandon wurde zum ersten Mal für den Oscar nominiert, und die Zeitschrift Film Comment schrieb: „Zugegebenermaßen scheint sie eine gewisse Neigung dazu zu haben, ihre Brüste zu zeigen, als sollten sie eigentlich in einem Museum hängen und nicht irgendw o zwischen Hals und Hüfte. ” Wer einen Sinn fürs Museale hat, kann das am Montag um 20 Uhr im Filmmuseum nachprüfen.

Wenn aus so einer Karriere nur fünf Filme gezeigt werden, dann ist das natürlich eine Herausforderung zum Widerspruch, zum Gegenentwurf, zur Träumerei. Das „Oh, Janet” aus der Rocky Horror Picture Show hat ohnehin jeder im Ohr, obgleich dabei kaum jemand an Susan Sarandon denkt. Daran sieht man schon, wie weit sie sich von diesen Anfängen als blondes Ding entfernt hat. Dann gab es die Rolle in Tony Scotts Begierde , zu der man mit Fug und Recht sagen konnte: „Wenn Susan Sarandon von einem Mann verführt wird, ist das schon schön. Wenn sie jedoch von Catherine Deneuve verführt wird, ist es Kunst. ”

Wie schwierig es für Frauen in Hollywood noch immer ist, von einem gewissen Alter an Rollen zu bekommen, ist bekannt. Daß es Susan Sarandon geschafft hat, spricht schon für sie. Daß es ihr dabei auch noch gelang, ihre Sexualität zu wahren, ist ein besonderes Kunststück. Wenn die Verfühbarkeit ein Markenzeichen ihre frühen Jahre war, so ist die Verführung ein Merkmal ihrer Rollen im letzten Jahrzehnt. Wie sie sich James Spader in White Palace oder Tim Robbins in Bull Durham zur Brust nimmt, ist das reinste Vergnügen. Mit Robbins lebt sie seither zusammen, und er war es auch, der sie als Regisseur zu ihrem überfälligen Oscar führte.

Der schönste Satz dieser barmherzigen Schwester Helen Prejean in Dead Man Walking stammt von ihr: „Ich habe während der Dreharbeiten viel gebetet. Es ist schließlich nicht leicht, ohne Makeup, mit seltsamen Kleidern und einem schlechten Haarschnitt herumzulaufen. ” Diese Frau weiß, was sie sich schuldig ist.
MICHAEL ALTHEN

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