02. Februar 1995 | Focus Magazin | Porträt | Alain Delon

Der Panther

"Ein Herz aus Schnee schlägt unter meiner schwanenweißen Haut. Ich hasse die Bewegung, die die Linien verschiebt, und niemals weine und niemals lache ich.“

Das hat zwar nicht Delon gesagt, sondern Baudelaire in einem Gedicht über eine Sphinx, aber es paßt deswegen nicht weniger gut.

Natürlich hat er auch mal gelacht, wenn er Jugend und Übermut, Draufgänger und Abenteurer spielen mußte, aber immer wirkte es wie ein Zugeständnis an das, was man von ihm erwartete. Nur einmal schien sein Lachen von Herzen zu kommen – das war in der Schlußszene von DER EISKALTE ENGEL, wenn er mit einer Kugel im Bauch stirbt.

Sicher hat Delon auch mal geweint, in Godards NOUVELLE VAGUE zum Beispiel, aber auch das schien mehr ein Zugeständnis an die Gepflogenheiten und hat sein Herz aus Schnee sicher nicht zum Schmelzen gebracht. Was am Ende zählt, ist ohnehin nur das Bild, das seine Zuschauer von ihm haben – und da lacht und weint er ganz gewiß nicht.

Wenn es so etwas wie ein perfektes Gesicht überhaupt gibt, dann wäre es bei den Frauen das von Greta Garbo und bei den Männern das von Alain Delon. Beide scheinen sie wie Baudelaires Sphinx die „Bewegung, die die Linien verschiebt“, zu hassen.

Das heißt: Sie widersetzen sich dem Alter. Ihre in Marmor gehauenen Züge reifen nicht, sondern scheinen hinter der Maske der Schönheit nur zu verwittern.

Fast hat man den Eindruck, als warteten sie wie Schlangen darauf, sich endlich häuten zu können. Damit darunter wieder ein neues, junges Gesicht sichtbar wird.

Es heißt von Delon, er besitze eine unglaubliche Fingerfertigkeit. Er sei sofort in der Lage, die Taschenspielertricks eines Profis nachzumachen. Und es gibt Leute, die gesehen haben, daß er, obwohl seine Zeit als Fleischerlehrling schon über 40 Jahre zurückliegt, bei Tisch eine beeindruckende Virtuosität beim Entbeinen, Tranchieren und Aufschneiden an den Tag legt.

Ein unglaublicher Ehrgeiz, bei allem und jedem der Beste zu sein, treibt ihn um. Als wäre ihm sein perfektes Äußeres ein steter Ansporn, auch in allem anderen nichts weniger als perfekt zu sein.

In einem Porträt hat es einmal geheißen: „Außer bei Tieren habe ich niemanden gesehen, der mit seinem Körper so vollkommen in die Welt integriert ist. Seine Bewegungen sind immer harmonisch. Das ist nicht Talent, sondern seine Natur.“

„Sie müssen ganz und gar Tier sein“, hat auch Joseph Losey zu ihm gesagt, als Delon bei ihm MONSIEUR KLEIN spielte: „Sie müssen eine Art enorme Raubkatze aus dem Dschungel sein, auf dem Sprung, um zu töten.“

Vielleicht liegt da der Schlüssel zu seiner beinahe unmenschlichen Schönheit, zu seiner Art, eher dem Instinkt als den Worten zu trauen, und zu diesem undurchdringlichen Blick, der mehr verbirgt, als er offenbart.

Dazu nochmal ein Gedicht, diesmal von Rilke: „Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf. Dann geht ein Bild hinein, geht durch der Glieder angespannte Stille – und hört im Herzen auf zu sein.“ Eigentlich geht es da um einen Panther, aber vielleicht ist das auch Alain Delon.

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