08. Februar 1995 | Süddeutsche Zeitung | Porträt | Jack Lemmon

Das Nervenbündel

Jack Lemmon wird 70

Am besten ist er, wenn er nicht mehr aus noch ein weiß. Wenn sein Mund nach Worten schnappt, und seine Seele um Antworten ringt. Diese Fassungslosigkeit wurde bei ihm nicht zur Routine, sondern zu einer Kunst. Da ist er in seinem Element: Wenn ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Wenn sein Redefluß so plötzlich zum Erliegen kommt, als wäre er gegen eine Wand gerannt, weil ihm schlagartig klar wird, daß Worte ihm auch nicht mehr helfen können. Wenn er ins Schwitzen kommt und seinen Kopf hin und her wendet wie ein in die Enge getriebenes Tier. Wenn er auf einmal erkennt, daß er in einer Nußschale sitzt und um ihn herum nichts ist als Meer.

Jack Lemmon hat aus peinlichen Situationen eine Kunstform und eine Karriere gemacht. Ständig steht er kurz vor dem Selbstmord, der Scheidung oder der Entlassung. Er spielt den Jedermann, der gnadenlos an den Rand seiner Existenz getrieben wird, wo er so lange die Augen verschließt, bis er sie endlich mal öffnet und feststellt, daß auch jenseits ein Leben möglich ist. Bis dahin steckt er eine Demütigung nach der anderen ein, weint und greint, jammert und wimmert, ehe er sich endlich dazu aufrafft, von seinem Stolz zu retten, was zu retten ist. Man muß sich nur mal vorstellen, jemand anderer als Lemmon hätte C. C. Baxter in DAS APPARTEMENT gespielt, dann begreift man, wie einzigartig er ist. Das hätte kein anderer geschafft, diesem Wurm so viel Würde und Witz zu verleihen.

Jack Lemmon war schon ein Stadtneurotiker, als es diesen Ausdruck noch überhaupt nicht gab. Ob als Miesepeter, Speichellecker, Reisemuffel, Hypochonder oder Ordnungsfanatiker, stets ist er der Gefangene seiner Macken und Marotten, vor allem aber seines Körpers gewesen. Man muß ihm nur mal zusehen, wie er mit seinem Stirnhöhlenkatarrh in Ein seltsames Paar seinen Dauerpartner Walter Matthau zur Raserei treibt. Für jemanden, dessen Figuren so häufig unangenehme Eigenschaften verkörpert haben, ist Jack Lemmon ziemlich liebenswert geblieben.

Das heißt aber nicht, daß er sich gescheut hätte, verachtenswert zu wirken. Die Tatsache, daß es ihm in seiner Komik immer bitterernst war, hat ihm bei den anderen Rollen geholfen, in denen er sich nicht auf seinen linkischen Charme verlassen konnte. Als Alkoholiker in DIE TAGE DES WEINS UND DER ROSEN etwa oder als verzweifelter Vater in VERMISST. Gerade in letzter Zeit ist das Erbärmliche seiner Figuren in den Vordergrund getreten: Seine Kurzauftritte als mal verbitterter, mal jämmerlicher Versager in JFK und SHORT CUTS gehören zum Eindrucksvollsten, was er gemacht hat. Er hat auch manches weniger Eindrucksvolle in seiner Karriere gespielt, aber selbst dann begrüßte man ihn wie einen Freund. Bei kaum einem Menschen, der sich so unwohl in seiner Haut fühlt, fühlt man sich so wohl wie bei ihm.

Bei all den großen Rollen sollte man vielleicht die erwähnen, die ihm entgangen sind. „Robert Rossen hat mir mal einen Roman gegeben. Nachdem ich ihn gelesen hatte, erklärte ich ihm, daß kein Mensch dafür zahlen würde, zwei Kerlen einen ganzen Film lang dabei zuzusehen, wie sie Billard spielen. Als THE HUSTLER/HAIE DER GROSSSTADT dann ins Kino kam, war der einzige Grund, warum ich mir nicht die Kehle durchgeschnitten habe, die Tatsache, daß Paul Newman so gut war, wie ich nie hätte sein können.“

Wie heißt es am Ende von MANCHE MÖGEN’S HEISS? Nobody is perfect. Keiner ist auf so hinreißende Weise nicht perfekt gewesen wie Jack Lemmon.

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