01. Juli 1990 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | Manuel Puig

Träumen in Technicolor

Zum Tode des argentinischen Schriftstellers Manuel Puig

Die Frauen sind Orchideen und die Männer Pfauen. Ihre Tränen sind aus Diamant, und ihre Liebe ist ein Kuß im Mondenschein. Das ist der Stoff, aus dem bei Puig die Träume sind. Von einem schweren süßlichen Duft sind diese Landschaften der Sehnsucht durchzogen, von einem Geruch, den nur die Begierde kennt und das Kino. Was die Menschen im Schlaf der Vernunft ausschwitzen, sind Traumbilder aus Technicolor, in denen die Farben und Gefühle überschäumen. Für all die mehr oder weniger armseligen Existenzen in diesen Romanen gibt es nur diese eine Perspektive, die der Kamera im Kino. Ihr Horizont heißt Hollywood.

Schon als Kind fand Puig „die Wirklichkeit der Leinwand weit überzeugender als die eigene“. Er hat davon in VERRATEN VON RITA HAYWORTH erzählt, hat das Kino zum Fluchtpunkt der hochfliegenden Träume eines Heranwachsenden in der Provinz gemacht. Als der dann nach Buenos Aires kommt, sieht er sich getäuscht von den Versprechungen Hollywoods. Wie ein Regenguß bricht die Wirklichkeit über ihn herein, und er bleibt stecken im Schlamm seiner Illusionen. So wie der Homosexuelle Molina im KUSS DER SPINNENFRAU seiem Mitgefangenen Valentin von alten Filmen vorschwärmt und damit so lange der Enge seiner Zelle entflieht, bis ihn die Realität unwiderruflich eingeholt hat. So wie all die anderen, in DIE ENGEL VON HOLLYWOOD, DER SCHÖNSTE TANGO DER WELT oder HERZBLUT ERWIDERTER LIEBE.

Die Muster des Trivialen sind das Netz, mit dem Puig die Wünsche, Hoffnungen und Träume seiner Helden einfängt. In all den großen Worten und Gefühlen der Radioserien und Kitschfilme bilden sich aber auch die Grenzen ab, die diesen Biographien gesetzt sind. In der Art, wie sie sich aus ihrem Leben hinausträumen, gewinnen sie Konturen. Über das, was sie nicht sind, erfährt man, was sie eigentlich sind. Das ist das Schönste an den Büchern des Argentiniers: Daß die Menschen über ihre Träume definiert werden; daß sie im Reden ihrem Leben Wendungen geben dürfen, die es in Wirklichkeit nie genommen hat; und daß in diesem Land der Imagination noch die billigsten Vorstellungen ernster genommen werden als die Kritik an diesen kleinen Fluchten.

Puigs Romane sind Jukeboxen des Erzählens. Es gibt einen roten Faden, aber keine festen Erzählperspektiven. Es gibt Tagebücher, Dialoge, Aufsätze, Telegramme, Plaudereien, Stückwerk. Die Fragmente des Hoffens und Scheiterns werden aneinandergereiht, als könne „ich im steten Wechsel von Form und Blickwinkel zusammenfügen, was längst auseinandergefallen ist“. In dem Reigen verschiedener Stimmen bleibt nur der Autor selbst stumm. Er leiht seinem Personal die Stimme und hält sich ansonsten heraus. Es gibt keinen Erzähler, der in diesen Büchern einen Sinn stiftet, nur eine ordnende Hand, die dem Erzählen einen Rhythmus und eine Reihenfolge verleiht. In den Sechzigern hat Puig an der Filmhochschule in Rom studiert, das hat seine Methoden geprägt. Er montiert sein Material wie am Schneidetisch. Manchmal merkt man, daß er selber überwältigt wurde vom Reichtum seines Schreibens.

Am Sonntag ist Manuel Puig im Alter von 57 Jahren im mexikanischen Cuernavaca an den Folgen einer Operation gestorben. Er hat einmal geschrieben: „Ich wäre zufrieden, wenn der Tod einfach ein Ausruhen wäre, wie Schlafen. Manchmal, bei vollkommener Dunkelheit, ist es angenehm, die Augen aufzumachen und den Blick ausruhen zu lassen, aber nur eine kurze Weile, denn sonst artet das Ausruhen zur Schlaflosigkeit aus, und die ist eine Folter. Wenn ich also Ausruhen sage, dann meine ich Schlafen. Es wäre ein Segen, wenn der Tod wie ein ewiger Schlaf wäre.“

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