03. November 1993 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | River Phoenix

Asche zu Asche

River Phoenix gestorben

Ein Name wie ein Gedicht: River Phoenix. Wenn man dazu weiß, daß seine vier Geschwister Liberty, Summer, Leaf und Rainbow hießen, dann bekommt man eine Ahnung davon, daß River keine Kindheit wie andere verbrachte. Die Eltern gingen als Missionare von Oregon nach Südamerika, trennten sich dort von ihrer Kirche, schlugen sich erst in Venezuela durch und zogen dann nach Los Angeles. Eine Aussteigergeschichte wie in Peter Weirs MOSQUITO COAST, wo Phoenix Harrison Fords Sohn spielte. Später besetzte Spielberg ihn auch noch in der Rolle des jungen Indiana Jones, was vor allem deshalb paßte, weil River Phoenix in seiner ernsten Art Harrison Ford nicht unähnlich war. Daß einer wie er das Holz sein soll, aus dem später Helden geschnitzt werden, war eine irgendwie tröstliche Vorstellung. Schon in seiner ersten großen Rolle in STAND BY ME strahlte er nicht kindliche Unbeschwertheit aus, sondern eine Verlorenheit, die um ihn bangen ließ. Mit 17 bekam er eine Oscarnominierung für Sidney Lumets FLUCHT INS UNGEWISSE, wo er den Sohn einer Familie spielte, die seit Jahren auf der Flucht vor dem FBI lebt, immer wieder ihre Identität wechseln muß und ständig um Unauffälligkeit bemüht ist. In dieser Geschichte einer verlorenen Jugend fand er einen Ausdruck, der davon erzählte, daß sich der Bruch mit der Welt in seinem Herzen fortsetzte.

Stets war River Phoenix in seiner Rollen von der Auslöschung bedroht, und man hatte den Eindruck, er könnte jeden Moment verschwinden oder entschlafen, wenn nicht diese wache Neugier in ihm glimmen würde. In Gus Van Sants MY OWN PRIVATE IDAHO wurde seine an den Rand der Nacht gebaute Existenz zum Thema. Er spielte einen von Narkolepsie befallenen Strichjungen, der auf Streß mit Schlafanfällen reagierte. Kein anderer hat aus Abwesenheit ähnlich viel Präsenz gewonnen.

Als nächstes sollte er INTERVIEW WITH A VAMPIRE drehen, zusammen mit Tom Cruise, dessen Gegenentwurf er sozusagen darstellte. Denn River Phoenix verlieh jenen jugendlichen Empfindungen ein Gesicht, von denen Tom Cruise nicht mal träumen kann. Seine wachen Fuchsaugen konnten eine fast animalische Scheu an den Tag legen und im Schatten verharren.

Als River Phoenix vorgestern den Nachtclub seines Kollegen Johnny Depp verließ, brach er aus noch ungeklärter Ursache zusammen und starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Er war 23 Jahre alt.

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