22. Juli 1993 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | Jean Negulesco

Die Welt gehört der Frau

Jean Negulesco gestorben

Seinerzeit in Rumänien, so beginnt Jean Negulesco seine Autobiographie, habe alles andere als ein Sohn als Katastrophe gegolten. Vielleicht hat er deshalb in seiner Karriere immer zu den Töchtern gehalten – und zu den Frauen überhaupt. Daß sein Frauenbild dennoch etwas überholt war, sieht man schon an dem Titel eines seiner berühmtesten Filme: WIE ANGELT MANM SICH EINEN MILLIONÄR?

Jean Negulesco war so alt wie das Jahrhundert. 1900 in Craiova geboren, hatte er mit 19 in Bukarest seine erste Ausstellung. Der junge Maler ging dann nach Paris und arbeitete als Bühnenbildner. Er malte jedoch weiter und bekam 1927 eine Ausstellung in New York, die erfolgreich genug war, um ihm die Weiterreise nach Kalifornien zu finanzieren. Dort geriet er in die Fänge des Films, dem er sein Gespartes opferte, indem er einen Experimentalfilm realisierte, der nie zur Aufführung kam: THREE AND A DAY.

Die Drei wurde zur magischen Zahl, die sein Werk durchzog: DREI FREMDE (1946), DREI KEHRTEN HEIM (1949), DREI MÜNZEN IM BRUNNEN (1954) oder DREI MÄDCHEN IN MADRID (1964). Dabei ging es weniger um die Spannungen, die in einem Dreieck entstehen, als um die Einsicht, daß sich die Welt mit Entweder-oder nicht mehr fassen läßt. Für einen einfachen Dualismus waren die Grenzen in seinen Filmen ohnehin viel zu fließend.

Nachdem Negulesco in den Dreißigern an Kurzfilmen und Drehbüchern gearbeitet hat, wurde er von Warner verpflichtet, dem Studio der schnellen, harten Geschichten. Aber dort schon entzog er sich dem allzu direkten Zugriff auf die Welt, indem er mit den expressivsten Darstellern arbeitete: Peter Lorre und John Garfield, Ida Lupino und Joan Crawford. Und schon an der Art, wie letztere in HUMORESKE am Ende zu Wagners Liebestod ins Wasser geht, konnte man sehen, daß er zum Sentimentalen neigte. In den Fünfzigern ging er zur Fox, drehte kleine Geschichten im großen Format, mit Farben von DeLuxe. Der ehemalige Bühnendekorateur inszenierte seine Frauenfilme von da an wie Ausstellungsräume einer überholten Eleganz. Den Kommentar dazu bildet DER UNTERGANG DER TITANIC.

Vor zwei Jahren war Jean Negulesco noch Jurypräsident in Taormina. Da lief er mit einem Sonnenhut und Stock mit Silberknauf seinen über neunzig Jahren zum Trotz noch sehr aufrecht herum, ganz dem Geist einer untergegangenen Bohème verpflichtet. Gestern ist er in Marbella, wo er seit dem Ende seiner Karriere 1970 lebte, gestorben. Die letzten Worte seiner Autobiographie lauten: „Nun laßt uns ein Glas Wodka trinken!“ So soll es sein.

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