18. August 1993 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | Stewart Granger

Ein Offizier und Gentleman

Stewart Granger ist tot

Es sei schlimm genug, hat er gesagt, sein Leben damit zu verbringen, annehmbare Filme zu machen: „Aber so wie ich, mit schlechten Filmen, ist es doch ziemlich entmutigend.“ Das ist eine ziemlich ernüchternde Bilanz für einen, der mit Lang und Dieterle, Brooks und Cukor, Hathaway und Thorpe gearbeitet hat und dessen sechzig Filme das England der Vierziger, das Amerika der fünfziger und das Europa der sechziger Jahre umfassen. Diese Unzufriedenheit bringt aber auch zum Ausdruck, was das Publikum unterschwellig spürte: die Kluft zwischen Anspruch und Ausdruck, Image und Selbstverständnis, Möglichkeit und Wirklichkeit. Stewart Granger gehörte jener verlorenen Generation des späten Hollywood an, die zwischen Rom und Madrid ihr Leben mit ihren Filmen auszusöhnen versuchte: Abenteurer mit beschränkter Haftung.

Sein wirklicher Name war James Stewart. Und vielleicht zehrte schon das an seiner Selbstachtung, daß ein anderer mit diesem Namen Rollen spielte, die ihm als Stewart Granger verwehrt blieben. Noch bezeichnender wirkt jedoch sein Mittelname Lablache, der durchaus seine Entsprechung fand im kolonialen Snobismus und der graumelierten Outriertheit seiner Rollen. Wo seinem Landmann Cary Grant die englische Herkunft Klasse verlieh, da schien sie Granger immer zu behindern. Als Draufgänger war er immer zu sehr Gentleman und als Gentleman zu sehr Schönling. Er war kein tasmanischer Teufel wie Errol Flynn, sondern ein Londoner, der in Epsom auf dem College war und am Old Vic gespielt hatte – auch wenn er 1956 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. In den Salons fühlte er sich weiterhin eher zuhause als in den Saloons, aber manchmal machte gerade diese Deplaziertheit den Reiz seiner Rollen aus.

Stewart Granger spielte in DIE LETZTE JAGD (1955) und in DIE LETZTE SAFARI (1967), hat Löwen, Wale und Büffel gejagt und dabei jenen Sportsgeist an den Tag gelegt, der das Britische Empire aufbauen half. Er glänzte mit Mantel und Degen in SCARAMOUCHE und BEAU BRUMMELL, in DER GEFANGENE VON ZENDA und MOONFLEET, weil er dort mit Eleganz seinen Mangel an Leichtfüßigkeit wettmachen und seine Schwermut mit Leichtsinn paaren konnte. Und Granger war ein idealer Old Surehand, weil das, was ihn von einem Cowboy unterschied, ziemlich genau das war, was die Filme von einem Western unterschied.
„Das Leben ist eine Hure“, hat er unlängst gesagt, „und dann stirbt man.“ Im Alter von 80 Jahren ist er jetzt in Santa Monica gestorben.

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