05. Februar 1996 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | Gene Kelly

Der Mann im Regen

Zum Tode des Schauspielers und Tänzers Gene Kelly: Er konnte die Sonne aufgehen lassen

Dieser Mann konnte die Sonne aufgehen lassen. Und daß das nicht nur eine Sache der Technik, sondern auch eine der Einstellung war, konnte man am schönsten in einer Szene von Jacques Demys Mädchen von Rochefort sehen. Da fällt Françoise Dorléac ihre Tasche zu Boden, aber ehe sie sich bücken kann, ist ihr schon jemand zuvorgekommen. Der freundliche Helfer reicht ihr die Tasche und hebt seinen Blick, und in diesem Moment ist es tatsächlich so, als würde die Sonne aufgehen.

Dieser Mann ist natürlich Gene Kelly, und das Strahlen, das von seinem Gesicht ausgeht, ist definitiv nicht von dieser Welt. Und das liegt keineswegs nur daran, daß dieser Mann so ungefähr der letzte ist, den man in einem französischen Film von 1967 erwarten würde. Es war nicht nur der Glanz Hollywoods, der diese Szene erhellte, sondern ein Naturereignis von ganz eigener Kraft. Dabei war Gene Kelly damals auch schon 55 Jahre alt.

Gene Kelly war vor allem eine Naturgewalt. Was ihm an Leichtigkeit abging, machte er durch Einfachkeit wieder wett. Er tanzte und spielte und sang, weil es ihm Spaß machte. Das konnte man in jeder Szene sehen. Fred Astaire bot vielleicht die subtileren Vergnügungen, aber Kellys Tänze verbreiteten ansteckend gute Laune. Sie brachten die Welt zum Lächeln. Man wollte mittanzen und mitspielen und mitsingen.

Wenn er nichts anderes getanzt hätte als jene berühmte Szene im Regen, wäre er vermutlich auch schon in den Himmel gekommen. Wenn man so will, ist das unter tausend schönsten Szenen der Filmgeschichte die allerschönste. Sie wird nicht älter, nicht schwächer und garantiert nie langweilig. Die Szene hatte anfangs allen Kopfzerbrechen bereitet, weil der Regen im Studio die Arbeit ziemlich erschwerte. Als man aber Kelly fragte, wie er zu tanzen gedenken, sagte er nur: ‚Keine Sorge, etwas ganz Einfaches.‘

Ein Reigen durch Paris

Vielleicht ist das das Geheimnis. Kelly führt keinen Tanz auf, sondern läßt sich von seinem Glück treiben. Und wenn dann die Musik anschwillt und es ihn auf die Straße hinaustreibt, kreiselt er mit seinem Regenschirm so übermütig herum, daß die Kamera wie von der Fliehkraft gezogen mit einer wunderbaren Bewegung in die Höhe steigt. Noch Generationen werden im Regen davon träumen und verstohlen zu einer unhörbaren Melodie über den Rinnstein hüpfen.

Die Szene aus Singin‘ in the Rain macht auch einen entscheidenden Unterschied zwischen Kelly und seinem Idol Astaire deutlich. Wo Fred vor allem im Duett seinen Zauber entfaltete, hatte Kelly seine größten Momente allein. Natürlich hat er mit Judy Garland in Der Pirat und Rita Hayworth in Es tanzt die Göttin und Cyd Charisse in Brigadoon und Leslie Caron in Ein Amerikaner in Paris mit der nötigen Hingabe getanzt, aber sein wahres Talent lag im Solo. Wo Astaire seine Partnerin Ginger Rogers hatte, die ihm Sex verlieh, da kam Kelly auch ohne aus. Lieber tanzte er wie in Cover Girl mit seinem eigenen Spiegelbild. Seine Nummern lebten nicht von erotischen Untertönen, sondern von ihrer unbändigen Kraft und Lebensfreude. Gene Kelly war ein Clown, der dem Kind im Manne Ausdruck verlieh. Und wie ein spielendes Kind ging er völlig in seiner Welt auf und war sich zumeist selbst genug.

Sein Vater war Tourmanager von Al Jolson, dem ersten Musical-Star aller Zeiten, seine Mutter kam von der Bühne. Der junge Eugene Curran Kelly hatte aber keineswegs nur Musik im Blut – und davon abgesehen auch nicht den Körperbau eines Tänzers -, sondern befaßte sich mit allerlei anderem, ehe er die Tanzschule seiner Mutter in Pittsburgh übernahm. Auch als Tänzer blieb er später immer auch Lehrer und Choreograph. (In Let’s Make Love war er als Yves Montands Tanzlehrer dann auch passend besetzt.) Seine Partnerin Debbie Reynolds mußte sich die Füße blutig tanzen, ehe sie seinen hohen Ansprüchen genügte. Anders als Astaire bestand Gene Kelly stets auf der künstlerischen Kontrolle seiner Arbeit. Immer wieder führte er auch selbst Regie oder teilte sie sich mit Stanley Donen. Der Reigen durch das Paris der Maler in Minnellis Film und die Lehrjahre des Tänzers aus der Provinz am Broadway in Singin‘ in the Rain waren sicher seine größten Choreographien: Gotta Dance!

Als Amerika nach dem Krieg in düsteren Filmen seine Wunden leckte, stieg Kellys Stern so schnell, daß er schon 1951 einen Oscar für seine Verdienste um den Tanz bekam. Danach ging es mit der großen Zeit des Musicals langsam zu Ende. Für Gene Kellys Hingabe an die Sache spricht die Tatsache, daß sein Lächeln ewiger Jugend auch im Alter nicht zur Maske erstarrte, und er als Botschafter des Tanzes stets eine gute Figur machte. In der Nacht zum Samstag ist Gene Kelly im Alter von 83 Jahren in Beverly Hills gestorben. Wenn in dieser Welt alles mit rechten Dingen zuginge, dann müßte es in dieser Nacht eigentlich geregnet haben.
MICHAEL ALTHEN

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