22. Januar 1993 | Süddeutsche Zeitung | Nachruf | Audrey Hepburn

Die Frau, die vom Himmel fiel

Zum Tode der Filmschauspielerin Audrey Hepburn

Eine Frau von einem anderen Stern, ein Wesen aus einem anderen Stoff, vielleicht ein Schmetterling: Audrey Hepburns Schönheit war nicht von dieser Welt, ihre Erscheinung besaß jene Erdenferne, die nur das Kino kennt. Sie tauchte zu einer Zeit auf, als Hollywood anfing, an seiner verlorenen Unschuld zu verzweifeln. Gerade als in den Fünfziger Jahren immer grellere Farben und schrillere Töne die Bilder prägten, erfand sich das amerikanische Kino Audrey Hepburn. Sie war eine Trotzreaktion auf die Pin-ups und ihre unaufhörlich anschwellenden Formen. In der Geometrie der Leidenschaften setzte sie die sanft geschwungene Linie gegen scharfe Kurven. Das ist die einzige Formel, auf die sich ihr Aussehen bringen läßt.

Die Frau, die vom Himmel fiel, wurde 1929 in Brüssel geboren. Man muß gar nicht wissen, daß ihre Mutter einer niederländischen Aristokratenfamilie entstammt, um Audrey Hepburn eine Art natürlichen Adels zuzusprechen. Ihr schottisch-irischer Vater verließ die Familie früh, und so wuchs die Tochter der Baronin von Heemstra in Brüssel, Arnheim und Amsterdam auf. Ihren Ballettunterricht setzte sie nach dem Krieg in London fort und besuchte die berühmte Schule von Marie Rambert. Der schwebende Schritt der Ballerina prägte später auch die Gangart ihrer Rollen, mit der eine Generation junger Mädchen später Schritt zu halten versuchte. Und die blütenweiße Jungfräulichkeit des Balletts war die Grundierung, vor der sich dann ihre Rollen abzeichneten. So wurde sie zur zweiten Frau in der Menschheitsgeschichte, der man auch eine unbefleckte Empfängnis abgenommen hätte.

Nach ersten Rollen als Tänzerin in kleinen Revuen wurde Audrey Hepburn in Monte Carlo von der Schriftstellerin Colette entdeckt, die nicht nur darauf bestand, daß Audrey die Gigi am Broadway spielte, sondern der jungen Freundin auch gleich testamentarisch ihren gesamten Schmuck vermachte. Nach dem Bühnenerfolg meldete sich Hollywood und verpflichtete sie für EIN HERZ UND EINE KRONE, der ihr dann prompt einen Oscar einbrachte. Die Prinzessin, die sich einen Tag Urlaub von der Etikette nimmt, verwies Audrey Hepburns Karriere von Anfang an ins Reich der Märchen, in dem es nur Aschenputtel und Traumprinzen gibt. Wo sich anderswo die Rebellion der Jugend mit großer Geste ankündigte, da genügte es ihr, beim Festbankett unterm Tisch einen Schuh auszuziehen, um den Eindruck groben Ungehorsams zu vermitteln. Die alltäglichsten Dinge verwandelte sie in ein Fest fürs Leben. Das war ihre große Kunst: Sie ließ das Unerreichbare normal erscheinen und verlieh der Normalität Grazie und Anmut.

Nachdem sie sich mit ihrem Verzicht auf Gregory Peck auf ewig in den Herzen der Zuschauer eingenistet hatte, spielte sie in einer Reihe von Filmen an der Seite älterer Männer: Mit Humphrey Bogart und William Holden in SABRINA, mit Henry Fonda und ihrem ersten Ehemann Mel Ferrer in KRIEG UND FRIEDEN, mit Fred Astaire in FUNNY FACE oder mit Gary Cooper in ARIANE – LIEBE AM NACHMITTAG. Sie gaben ihr ewige Jugend, sie verlieh ihnen Leidenschaft. Audrey Hepburns Affären in diesen Filmen waren Gratwanderungen, die nur ihr gelingen konnten. Weil nur sie als Frau und Kind zugleich glaubhaft wirken konnte, und weil nur bei ihr Unschuld und Leidenschaft keine Widersprüche waren. Und immer wieder gab es jene Momente des Erblühens, die einem den Atem raubten: Wenn sie aus ihrem Kokon schlüpft und der Bücherwurm auf der Modenschau zum Paradiesvogel oder aus dem Blumenmädchen eine feine Dame wird.
Die Demut ihres Blicks und der Hochmut ihrer Züge bildeten eine lebhaftere Mischung, als es die Photos festhalten können. Da sieht man dann auf frühen Bildern nur das Reh, und sie wirkt manchmal beinahe wie eine Figur von Walt Disney. Das änderte sich mit FRÜHSTÜCK BEI TIFFANY und setzte sich fort in CHARADE und ZWEI AUF GLEICHEM WEG. Natürlich behielt sie ihre unverwüstliche Mädchenhaftigkeit, aber ihre Schatten wurden länger und das Lächeln seltener. Sie ging an die Ränder dessen, was ihr Image vorgab, spielte hier eine Nonne, dort eine Blinde: Rollen, die ernst machten mit dem, worüber sie sonst so leicht hinwegglitt.

Holly Golightly, das ist ein wunderschöner Name für jene Leichtigkeit, die ihr so schwer fällt in Frühstück bei Tiffany. Kennen Sie die Tage, fragt sie da, wenn sie das rote Grausen gepackt hat? Ob das das Gleiche sei, wie die blaue Melancholie, fragt George Peppard. Nein, entgegnet sie, die kriege man, wenn man zu dick wird oder es zu lange regnet. Das rote Grausen hingegen sei die Hölle, und man wisse nicht einmal, warum.

Gestern ist Audrey Hepburn im Alter von 63 Jahren am Genfer See gestorben. Blaue Melancholie. Rotes Grausen.

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