27. Juni 1998 | Süddeutsche Zeitung | Kommentar, Weitere Festivals | Filmfest München 1998

Filmfest München 1998

Das Filmfest – irgendwie multiplex

Wieder mal Eröffnung, wieder mal ein Film, der keine Honoratioren verschreckt und auch sonst niemandem wehtut. Iain Softley versenkt sich in „The Wings of the Dove” ( Maxx 2, 20 und 22. 30 Uhr ) erstens in die hohlwangige, glutäugige Schönheit von Helena Bonham Carter, die einem symbolistischen Gemälde entstiegen zu sein scheint, und schwelgt zweitens in malerischen Ansichten von Venedig, wohin sich zwei Frauen und ein Mann flüchten, um herauszufinden, wer zu wem gehört. Kein schlechter Film, auch kein ganz guter, aber sicher einer, der keinen aufregt. Wieder mal.

Warum sollte man sich auch aufregen, wo doch alles wie am Schnürchen läuft. Gut 200 Filme: ein paar Vorpremieren aus dem Kinoprogramm der nächsten Monate, aber nicht zu viele. Ein paar Filme aus Cannes und Venedig, aber nicht zu viele. Deutsche Filme, Independents, britisches, französisches und sonstwelches Kino, irgendwie übersichtlicher als sonst geordnet. Dazu verdienstvolle Retrospektiven zu Rosi und Hellman, wo diesmal tatsächlich alle Filme gezeigt werden. Das Filmfest hat dazugelernt, und es ist auch wirklich für jeden was dabei.

Warum zögert man dann, in echte Begeisterung zu verfallen? Weil das Programm nicht wirklich zwingend ist, keine Handschrift erkennbar ist? Das ist schließlich auch in den Wettbewerben von Cannes und Berlin nicht der Fall, wo fast noch mehr Willkür regiert. Außerdem ist das Münchner Filmfest ohnehin nur ein Publikumsfestival, das sich den Gegebenheiten anzupassen hat. Und da ist es sogar so, daß man ohne Wettbewerb eben eher an Filme kommt.
Bleibt der Hypo-Förderpreis, der stets heiß umkämpft ist und eine Zeit lang die wichtigeren deutschen Filme nach München brachte. Das ist offenbar nicht mehr so, weil die hiesige Branche diesem Format entwachsen ist. Die deutsche Reihe läuft vorwiegend im Maxx 3, also in einem Kino unter vielen. Hätte ja auch das Sendlinger Tor sein können. Aber so ist eben das Festival – irgendwie multiplex.

Alles so schön bunt hier: Würde nicht schaden, wenn sich das Filmfest durch irgendwas hervortun, auch für ein Fachpublikum unumgänglich machen würde – vielleicht sollte man tatsächlich einen Wettbewerb für deutsche Filme einführen, der nicht nur fördert, was noch kommen soll, sondern feiert, was schon da ist. Sonst bleibt das Filmfest, was es war: irgendwie und sowieso.

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