05. September 1992 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Sönke Wortmann

Die Freiheit nach dem 2:0

Ein Gespräch mit dem Regisseur Sönke Wortmann über Fußball und Filmemachen

Seit ALLEIN UNTER FRAUEN völlig unerwartet mehr als eine Million Zuschauer ins Kino lockte, gilt Sönke Wortmann als Shooting-Star des deutschen Kinos. Der 1959 in Marl geborene ehemalige Fußballer hatte zuvor schon mit FOTO-FINISH, DREI-D und EINE WAHNSINNSEHE Aufsehen erregt. Und während gerade sein neuer Film KLEINE HAIE im Kino läuft, hat der am Ammersee lebende Regisseur schon seinen nächsten Film RUN OF HEARTZS für Luggi Waldleitner abgedreht. Mit Sönke Wortmann sprach Michael Althen.

SZ: Wer wird deutscher Meister?
Wortmann: Ich befürchte Bayern München, ich hoffe Borussia Dortmund.
SZ: Sie haben selbst mal Fußball gespielt. Wie ernst war das?
Wortmann: Sehr ernst. Ich habe damit sogar mal mein Geld verdient. Zwischen 17 und 20 habe ich höherklassig gespielt und für die SpVgg Erkenschwick seinerzeit sogar das entscheidende Tor für den Aufstieg geschossen. Das war mein einziges Tor in der ganzen Saison, weil ich sonst Abwehrspieler war. Und dann habe ich überlegt, wie es weitergehen sollte. Ich konnte nie so schnell laufen, und als der Fußball athletischer wurde, habe ich gedacht, für die Bundesliga wird es nicht reichen und für die zweite Liga wollte ich nicht den Lebenswandel führen, den man dann führen muß: immer früh ins Bett gehen. Man ist da schon sehr limitiert, was die eigene Freiheit angeht. Aber ich habe dabei viel fürs Filmemachen gelernt. Das ist auch ein Mannschaftssport.
SZ: Was ist der Regisseur dann, Libero oder Trainer?
Wortmann: Ich würde sagen Spielertrainer.
SZ: Als die Laufbahn geopfert war, was haben Sie unternommen, um diesen Schritt vor sich zu rechtfertigen?
Wortmann: Man ist dann schon unter Zugzwang. Mein Schritt hat damals alle sehr überrascht. Denn in der Gegend, wo ich gewohnt habe, war eigentlich schon vorgezeichnet, wie das weitergehen würde. Das fand ich nicht spannend genug.
SZ: Und sind Sie tatsächlich so zur Kunst gekommen, wie das in KLEINE HAIE erzählt wird?
Wortmann: Ziemlich genau. Ich arbeitete in Gelsenkirchen auf einer Gala, wo eine Flamencogruppe spielte. Die vergaßen ihren Stuhl, und ich mußte ihn zurückbringen. Dort angekommen, wollte ich eigentlich in die Tanzabteilung, aber da riefen zwei im Fenster: hierher. Und ich dachte, das wird wohl die Tanzabteilung sein. Und die dachten, ich wollte zum Vorsprechen und wollten mich nicht nervös machen, weswegen sie das Thema einfach nicht auf die Prüfung gebracht haben. Es gab Kaffee und Kuchen, und alle waren ganz nett zu mir. Erst kurz bevor ich reingerufen wurde in die Prüfung, hat sich das Mißverständnis dann aufgeklärt. Eine der Studentenbetreuerinnen ist am nächsten Tag nach München gefahren, und da bin ich mitgefahren. Weil es mir damals hier noch gefallen hat, bin ich dageblieben.
SZ: Was heißt: damals noch?
Wortmann: Ich bin jetzt zehn Jahre hier, und in der Zeit hat München schon gewaltig verloren, im Vergleich mit Köln etwa, wo ich gerade gedreht habe. Die Stadt hier hat einiges verschlafen.
SZ: Zum Beispiel?
Wortmann: Man hat die Hallen abgerissen. An Subkultur ist auch sonst gar nichts da, denn das wurde ja systematisch blockiert und verhindert. Und irgendwann sind andere Städte dann auf einmal drei Längen voraus.
SZ: Ist also der Spruch von der ’seltsam verschlafenen Stadt‘ aus KLEINE HAIE durchaus auch auf München gemünzt?
Wortmann: Ja, aber der ist vom Kollegen Egger (dem Drehbuchautor), wie die meisten anderen auch.
SZ: Aber im Unterschied zu Ihren anderen Projekten stammte da die Idee zur Geschichte von Ihnen. Wie kamen Sie in den anderen Fällen zu den Stoffen?
Wortmann: Man hatte meine ersten Filme gesehen und gefunden, daß ich eine Chance verdient hätte. So ging es weiter. Ich habe halt immer wieder das Glück gehabt, daß ich angerufen wurde.
SZ: Das klingt ja wie bei Hans im Glück.
Wortmann: Absolut. Man braucht ja mehrmals Glück hintereinander, sonst geht nichts. Man muß nicht nur aufgenommen werden, sondern nach der Schule auch etwas kriegen, und zwar nicht nur einmal, sondern zwei- oder am besten dreimal. Denn nur so kann man dazulernen. Aber dazu kommen die meisten gar nicht mehr.
SZ: Warum ausgerechnet Sie?
Wortmann: Ich habe mich ja eigentlich als Produktionsleiter an der Filmhochschule beworben. Ich werde nie den ersten Tag vergessen, wo uns in der Bavaria der Dozent fragte: Wer von euch möchte denn Regisseur werden? Und dreizehn zeigten auf. Einer nicht. Das war ich. Das finde er gut, sagte der Dozent, Produktionsleiter können wir brauchen. Und bis jetzt bin ich der einzige von den vierzehn, der Regie macht.
SZ: Was schließen Sie daraus?
Wortmann: Mir kommt das mit der Regiekarriere oft verkrampft vor. Vielleicht liegt es daran, daß sich die anderen immer so unter Druck setzen und alles mit Gewalt wollen. Ich versuche natürlich auch, alles so gut wie möglich zu machen, und gleichzeitig aber auch locker zu bleiben.
SZ: Sehen die Mitschüler von der Filmhochschule Ihren Erfolg genauso locker?
Wortmann: Es gibt einen Punkt an der Filmhochschule, wo sich jeder spinnefeind ist, und fünf Jahre später, nachdem alle fertig sind, beruhigt man sich wieder und arbeitet auch zusammen. Das ist vielleicht auch eine Altersfrage.
SZ: Wußten Sie vielleicht einfach nur genauer, was Sie wollen?
Wortmann: Ich wußte nur genau, was ich nicht machen wollte: gescheiterte Mutter- oder Vaterbeziehungen verarbeiten. Mich haben diese ganzen Autorenfilme immer unendlich gelangweilt, die meisten zumindest. Ich will deshalb Filme nicht nur für mich machen, sondern auch fürs Publikum. Das schönste ist dann, wenn in einem vollen Kinosaal der Funke überspringt. Dieses Gefühl, das ich dann ein- oder zweimal im Jahr habe, ist der Grund, warum ich das mache.
SZ: Erzeugt dieses Gefühl nicht Erfolgsdruck?
Wortmann: Der steile Abstieg wird schon noch kommen, da bin ich sicher. Aber nachdem ich schon viel weiter bin, als ich jemals kommen wollte, empfinde ich eher das Gegenteil von Druck. Ich habe das Gefühl, als wäre ich jetzt 2:0 in Führung. Und wenn jetzt KLEINE HAIE in die Hose gehen sollte, dann steht es eben 2:1.

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