20. August 1998 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Tom Tykwer

Wie Lola laufen lernte

Interview mit dem Regisseur Tom Tykwer übers Schlaraffenland

SZ: Sie erzählen immer wieder, Sie seien im Kino aufgewachsen – wie hat man sich das denn vorzustellen?
Tykwer: Es gab eine echte Zündung. Als ich acht oder neun war, habe ich mal KING KONG gesehen. Es war Silvester, wir saßen zu zehnt vorm Fernseher, und die Kinder durften mitgucken. Weil das Publikum so groß war, habe ich plötzlich das Prinzip begriffen, daß Film etwas Gemachtes ist. Ich habe kapiert, daß das Tricks sind und Figuren statt echter Menschen. Ich bin also – das ist ja der einfachste Weg zum Kino – erstmal KING-KONG-Fan geworden und habe alles gesammelt, was es so gab.
Und dann habe ich festgestellt, daß in unserem Kino in Wuppertal so Jugendvorstellungen liefen. Da bin ich immer hingegangen und richtiger Monsterspezialist geworden. Dann bin ich zu Verleihern gefahren nach Düsseldorf, habe an der Tür geklingelt und gefragt, ob sie Horrorfilmplakate hergeben. Das waren für mich die Superübermenschen, weil sie den Raum voller Horrorplakate hatten. Mein erstes Plakat, das ich so gekriegt habe, weil die mich wahrscheinlich niedlich fanden, war DIE TODESKRALLEN DES GRAUSAMEN WOLFESmit Paul Naschy, ein total beschissener Trashfilm. Aber auf dem Plakat war ein Werwolf drauf. Ich habe mich total davor gegruselt, aber habe es natürlich aufgehängt über meinem Bett und nur noch abgewandt geschlafen.
War in dieser Monster-Welt auch noch Platz für andere Filme?
Mit der Zeit findet man es gut, wenn auch eine Liebesgeschichte dabei ist – und irgendwann willst du dann auch Filme sehen, die nur Liebesfilme sind. So hat sich die Begeisterung dann von einem Genre auf die anderen übertragen, wie ein Virus. Bei uns gab es 1979 montags bis donnerstags den Besonderen Film, den so ein ergrauter älterer Herr namens Manfred Suhre in einem Kinocenter veranstaltete – das war mein Gott. Ich kam natürlich jeden Tag, und irgendwann habe ich einen Job gekriegt, da war ich erst 14, in diesem 10-Theater-Palast. Ich konnte in alle zehn Kinos immer rein, kostenlos, was dazu führte, daß ich nicht nur die drei Besonderen, sondern auch noch die zehn anderen Filme gesehen habe, die da liefen: CALIGULA, ZOMBIE oder JAMES BOND. Das war mein Leben.
Und wie fanden Ihre Eltern das?
Mit meinen Eltern – das fand ich sehr korrekt – war der Deal: Wenn du in der Schule nicht sitzenbleibst, dann mach das halt mal. Der Besondere Film ging dann über in ein Programmkino, wo ich auch Vorführer geworden bin und einen Generalschlüssel hatte. Das war wie „Cinema Paradiso”: Wir hatten eine 70mm-Maschine, ein Kino mit 18-Meter-Leinwand und zwei kleinere Programmkinos. Um Mitternacht habe ich von innen abgeschlossen, hatte 20 Filme da stehen, habe mich allein ins Kino gesetzt, den Film selber eingelegt und konnte so laut machen, wie ich wollte. Da habe ich jede Nacht zwei oder drei Filme geguckt, bis fünf in der Früh.
Klingt, als seien Sie auf dem besten Wege gewesen, ihr Leben dem Kino zu opfern.
Das war allerdings etwas ungesund. Wenn man noch wächst, ist das für die physische Substanz nicht so gut, wenn man nicht schläft. Ich habe nur ein, zwei Stunden gepennt, bin dann mit der Schwebebahn in die Schule gefahren und habe dann dort weitergeschlafen. Ich hatte extrem schlechte Haut und sah fertig aus – aber damals sahen irgendwie alle so aus.
Sie machen aber trotzdem einen ganz kontaktfreudigen Eindruck.
Als ich 16 war, sind Leute auf mich zugekommen und haben mich aus dieser totalen Fachidiotie rausgeholt. Das war schon wichtig, daß sich mein Bewußtsein auch unabhängig vom Kino entwickelt.
In Berlin haben Sie aber da weitergemacht, wo Sie in Wuppertal aufgehört hatten – als Kinomacher.
Als ich in Berlin ankam, habe ich mich an Filmhochschulen beworben und bin prompt überall abgelehnt worden. Wenn ich mir heute die Sachen angucke, dann sehe ich auch, daß ich zwar alles gesehen, aber noch gar nichts zu verkaufen hatte.
Ich bin dann einfach zu dem Kino mit dem besten Programm marschiert, zum „Moviemento”, und da war dann auch was frei. Was das angeht, war das die Fortsetzung vom Schlaraffenland. Es war wie im Kaufladen, aber für echt: Ich bastelte meine Programme, und die Leute kamen und legten zehn Mark hin.
Wie sind Sie dann doch noch vom Kino losgekommen?
Ich habe dann angefangen, Philosophie an der FU zu studieren, weil ich dachte, ich brauche Horizont. Dann hatte ich eine maßgebliche Beziehung, mit einer Frau, die Film eigentlich grauenhaft fand. Da mußte ich ständig erklären, warum ein Film gut ist, während sie Sachen sagte wie „Das ist doch total aufgeblasener Macho-Scheiß!” – also so Sachen, wo man denkt: „Mach sofort Schluß! Wenn man erst mal erklären muß, warum Scorsese gut ist, dann hat‘s doch echt keinen Sinn. ” Ich war aber doch elf Jahre mit ihr zusammen.
Und welche Filme haben Sie am meisten begeistert?
Wenn ein Film eine Kraft hat und was zu sagen hat, dann ist eigentlich egal, auf welche Weise er das tut. Das ist ja das Tolle, daß es so viele verschiedene Weisen gibt. Die ganz tollen Filme sind so, wie wenn man sich verliebt hat. Es gibt auch die großen Lieben im Kino, wo man ganz wehmütig wird, wenn man sie wiedersieht, weil das so großartig war. Ich identifiziere große Filme ohnehin mit Menschen. Und manchmal ist es einfach schmerzhaft zu erkennen, daß man jemanden gar nicht mehr so mag oder nicht mehr so interessant findet wie früher. Das geht mir zur Zeit mit Bertolucci so, vom dem ich mich gerade entferne und das aber wie den ganz schmerzlichen Verlust einer früheren Liebe empfinde. Da sitze ich dann und denke: „Was hast du mir eigentlich noch zu geben?”
Und was hat LOLA RENNT zu geben?
Ich wollte einen Film machen, der ein Gefühl beschreibt, auf den Zuschauer zu, aber auch aus ihm heraus, mit einer Lust an einer klaren Entscheidung, mit einer Geste gegen den Stillstand. LOLA ist ein Befreiungsschlag, weil ich nicht noch einen Film wie WINTERSCHLÄFER machen wollte, der das Phlegma und diese Stagnation reflektiert. LOLA RENNT ist eine kleine Handgranate, die scheinbar unbewegliche Mechanismen auseinander drischt. Dabei sehe ich Leute, die eine Kraft haben und sich nur trauen müßten. Man kann durchaus Filme machen, die sich dem Publikum öffnen, ohne deswegen völlig verblödet zu sein.
Was war denn die Zündung für LOLA RENNT?
Das Bild einer Frau, die rennt. Frauen sind für Befreiung einfach der bessere Part – Männer sind da eher immer die Problemmacher. Ich wollte diesen Impuls verfilmen, daß ein Film nach draußen tritt, daß er ein Angebot macht, das man nicht ablehnen kann. In diesem Bild der rennenden Frau steckt alles: Verzweiflung, Emotionen, Dynamik – all das, weswegen du mal Kino machen wolltest – das ist für mich genauso gut wie einst KING KONG.

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