18. Dezember 1997 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Ang Lee

Das Kungfu des Filmemachens

Ein Gespräch mit dem Regisseur Ang Lee über die Lust am Essen, Kochen und Diskutieren

Wie waren die siebziger Jahre?
Ich weiß nicht, aber als ich herumgefragt habe, hörte ich vor allem ein Wort: peinlich.
So ist es ja auch in Ihrem Film: Man weiß nie, ob man lachen oder weinen soll.
Man muß sehr aufpassen, bei diesem Thema nicht in eine Parodie zu verfallen. Denn wenn man die Siebziger heute einfach nur so zeigt, wie sie waren, dann wirkt es schon übertrieben. Man muß sich sich also sehr zurücknehmen.
Wo waren Sie im Jahr 1973?
Ich war in Taipeh, war gerade von zuhause ausgezogen und ging auf die Drama School. Das war also ein entscheidenes Jahr für mich. Und damals habe ich auch DIE REIFEPRÜFUNG gesehen, mit fünf Jahren Verspätung. So lange dauerte es, bis der Film bei uns durch die Zensur durch war. Sie hatten zwar aus der Mutter eine Schwester gemacht und einiges geschnitten, aber der Film und Dustin Hoffman beeindruckten mich trotzdem enorm. Später kamen dann Scorsese und DeNiro.
War es nicht schwierig diesen Film mit lauter Amerikanern zu drehen, die im Unterschied zu Ihnen durchaus persönliche Erinnerungen an diese Zeit hatten?
Die Filme mit George Segal haben mir geholfen, mich in die Zeit einzufühlen. Das war bei Sinn und Sinnlichkeit viel problematischer. Denn normalerweise ist man als Regisseur allen anderen zwei, drei Jahre voraus, man weiß aufgrund der Vorbereitung einfach mehr. Bei Sinn und Sinnlichkeit war ich dreißig Jahre hinter allen. Man hatte mich spät zu dem Projekt dazugeholt, und es ging um die Verfilmung eines nationalen Heiligtums. So viel konnte ich gar nicht lesen, um diesen Rückstand aufzuholen.
Wie haben Sie diese Distanz dann wettgemacht?
Das Drehbuch war ja von Emma Thompson, also einer Schauspielerin geschrieben worden. Für einen Regisseur war es nicht sehr hilfreich, weil es nur aus Auftritten, Dialogen und Abgängen bestand. Ich habe mich also hingesetzt und erst mal sehr umfangreich meine visuellen Vorstellungen niedergeschrieben. Außerdem habe ich Stunden genommen in gesellschaftlicher Etiektte, wo man lernt, wie man sich damals verbeugte oder wie man tanzte. Ich bin zwar kein Experte geworden, aber habe die richtigen Entscheidungen treffen können.
Hat das genügt, um sich bei den Briten Respekt zu verschaffen?
Ja, aber die ersten beiden Tage waren schrecklich für mich: Ich komme aus einer Kultur, in der nicht diskutiert wird. Plötzlich mußte ich mit dem Kameramann diskutieren. Da ich nicht sehr eloquent bin – schon gar nicht in dieser Welt zwischen Oxford und Shakespeare -, war das für mich sehr schwierig.
Gehört Beredsamkeit nicht zu den notwendigen Tugenden eines Regisseurs?
Im wirklichen Leben bin ich eher schüchtern. Wenn ich Filme mache, ist alles einfach, und alle hören mir zu. So wie ich in der chinesischen Gesellschaft erzogen wurde, nimmt man Befehle entgegen und stellt keine Fragen. Man nimmt so lange Befehle entgegen, bis man selbst Befehle geben darf. Für die demokratischen Prozesse, die den Bereich dazwischen regeln, war ich nicht sehr gut gerüstet. Aber es war ein gutes Training.
Hat Ihnen das mit den Amerikanern bei Eissturm dann geholfen.
Mit den Amerikanern war es ohnehin einfacher. Sie tun sich mit dem Filmemachen leichter, sehen das ganz selbstverständlich als eine Arbeit – da geht es nicht so sehr um Gefühle.
Warum wollten Sie überhaupt Filme machen?
Ich bin durch die Aufnahmeprüfung fürs College gefallen, was für meine Familie eine große Schande war, aber dann schaffte ich es in die Kunstakademie. Einen Film zu inszenieren, ist meine Art des Schauspielens.
Sie haben mit EAT DRINK MAN WOMAN einen der schönsten Filme über das Kochen gemacht, was war denn Ihr bestes Essen?
All die Abendessen während meiner Interviewreise für den Film. Alle Verleiher hielten es für eine besondere Idee, die tollsten Sachen aufzubieten. Da hing mir selbst das beste Essen bald zum Hals raus.
Essen sie gerne?
Ich koche gerne. Ich bin kein großer Koch, aber das fasziniert mich. Ich habe als Student angefangen, als ich an der University of Illinois und dann in New York war. Wenn man sechs Jahre lang nur an Drehbüchern schreibt, hat man viel Zeit zum Kochen. Im Grunde ist das wie Filmemachen: Man macht etwas für Leute, damit sie sich wohlfühlen, und danach müssen sie sich dazu äußern.
Haben sie von den Köchen, die sie für EAT DRINK konsultiert haben, etwas gelernt?
Ja. Aber das waren Sachen, die man fürs eigene Kochen kaum und für den Film schon gar nicht verwenden kann. Es war diesen alten Meistern nicht beizubringen, daß die Sachen im Kino nicht nur gut schmecken, sondern gut aussehen müssen. Sie bestanden auf etwas, was sie kungfu nennen. Kungfu ist nicht nur ein Kampfsport, sondern die Zeit, die man für etwas aufwendet. Es gibt auch das kungfu des Filmmachens. Kungfu erfordert Übung. Es war interessant zu lernen, wie man Haifischflossen weich kriegt, aber es dauert eine Woche und sieht einfach nicht gut aus. Ich habe mir dann jüngere Köche suchen müssen, weil die alten Meister auf dem kungfu bestanden und nichts ändern wollen.
Was ist Ihr nächstes Projekt?
Da geht es um den amerikanischen Bürgerkrieg, um die Kansas-Missouri-Raiders: Junge Männer auf Pferden, Kameraderie, Romanze, Geschichte. Danach bereite ich einen Samuraifilm vor, der in China gedreht werden soll. So sehe ich meine Karriere. Jetzt bin ich jung und muß die schwierigeren Sachen machen. Für kleinere, kunstvollere Dinge habe ich Zeit, wenn ich älter bin. Wenn man 450 Reiter zeigen will, die in eine Stadt einfallen, dann braucht man dafür Kraft und Ausdauer. Darum mache ich das, solange ich jung bin.

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