09. September 1996 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Neil Jordan

Irische Irrtümer

Venedig-Sieger Neil Jordan über MICHAEL COLLINS und sein Land

Der Gewinn des Goldenen Löwen hat Neil Jordan für die zwölfjährige Wartezeit entschädigt. In MICHAEL COLLINS erzählt er vom Freiheitskämpfer, der nach Jahren des bewaffneten Kampfes einsieht, daß nur noch politische Kompromisse helfen können, und dafür von seinen einstigen Weggefährten 1922 als Verräter umgebracht wird. Anläßlich der Weltpremiere sprach Michael Althen in Venedig mit dem Sieger Jordan.

Können Sie kurz sagen, worum es in MICHAEL COLLINS geht?
Im Film geht es um einen Mann, der eine Armee aufstellt, um sein Ziel zu erreichen, und dann von den Geistern, die er rief, verschlungen wird. Das zeigt, wie schwierig es in Nordirland ist, die Waffen in der Politik durch Dialog zu ersetzen. Die wenigsten Leute realisieren, daß der Konflikt ein Krieg zwischen Iren ist. Und in vielerlei Hinsicht war der Kampf um die Unabhängigkeit ein Krieg der verschiedenen Interpretationen, was es bedeutet, Ire zu sein.
Und welche Interpretation liefert MICHAEL COLLINS?
Die Ermordung von Collins löschte gewisse Tugenden Irlands aus. Der Freistaat, den er etabliert hatte, wurde in der Folge von einer sehr rigiden, sehr autoritären Art des Irentums abgelöst. Der katholischen Kirche wurde in der Verfassung und im Leben des Landes ein großer Platz eingeräumt, wodurch Irland ein ziemlich repressives Land wurde.
Denken viele Iren wie Sie?
Wegen der fortsetzenden troubles ist diese Periode unterdrückt worden und wird nicht diskutiert, dabei ist sie Teil unserer Geschichte, unserer Herzen.
Die Psychoanalyse lehrt uns doch, daß wir nichts in der Vergangenheit vergraben, sondern die Traumata an die Oberfläche bringen sollen, damit sie uns nicht mehr blockieren. In der Hinsicht sollte auch mein Film einen gewissen kathartischen Effekt haben.
In erster Linie wird er Kontroversen auslösen.
Ich weiß, daß die rechten Zeitungen in England vorher viel veröffentlicht haben, aber sie haben ihre Meinung jetzt revidiert. Ich habe versucht, so objektiv wie möglich zu sein. Ich wollte keinen Braveheart machen, der die Welt in Gut und Böse aufteilt, in heroische Iren und schurkische Briten. In Amerika wird es der Film deshalb schwer haben.
Warum hat es so lange gedauert, bis der Film gemacht werden konnte?
Ein epischer Historienfilm, der viel kostet und Kontroversen befürchten läßt, ist nicht unbedingt das, worauf Studios scharf sind. Ich hatte aber das Glück mit Interview mit einem Vampir, der viel Geld gebracht hat, und als mich das Studio fragte, was ich danach machen will, sagte ich: Michael Collins. Sie gaben mir 30 Millionen Dollar mit dem Zusatz: ‚Mach damit, was du willst, aber kommt bitte nicht aus Irland zurück, und verlang noch mehr Geld.‘ Aber es hat sicher auch geholfen, daß damals der Friedensprozeß in vollem Gange war. Später hätten sie es wahrscheinlich nicht mehr riskiert.
Wenn Sie den Film vor zwölf Jahren hätten machen können, was wäre dann anders geworden?
Ich hätte nicht das Vertrauen gehabt, mich nicht so sehr in die Geschichte einzumischen. Ich wäre nicht in der Lage gewesen, die Geschichte sich selbst erzählen zu lassen.
Die gespenstischen, beinahe abstrakten Bilder zeugen aber eher vom Gegenteil.
Ich mag Schauergeschichten und liebe Spinnweben und dunkle Wälder. Ich zeige gerne gewöhnliche Leute in ungewöhnlichen Situationen oder ungewöhnliche Leute in gewöhnlichen Situationen. Und ich glaube, daß die Fantasy-Welt manchmal mehr über die Realität sagt als die Wirklichkeit selbst.
Inwieweit spiegeln Ihre bisherigen Filme irische Realität wider?
ANGEList 1982 gemacht, in einer sehr schwarzen Periode in Nordirland, und der Film reflektiert diese Dunkelheit. CRYING GAME entstand vor dem Friedensprozeß und zeichnete das Porträt eines Terroristen, der mit seinen Vorurteilen konfrontiert wird, um zu sehen, ob sich sein Herz im Angesicht seines Feindes ändern kann. Und in MICHAEL COLLINS wollte ich die Wurzeln des Konflikts erforschen.
Ist MICHAEL COLLINS mit seiner Armee denn ein Vorläufer der IRA?
Im Gegenteil: Collins gilt bei der IRA als Verräter, der für die Abspaltung Nordirlands verantwortlich ist. In einer Hinsicht gibt es in Irland jedoch eine tragische Kontinuität: Jeder, der einen Kompromiß will, wird erschossen. Dabei ist es das, was das Land am nötigsten braucht.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


8 + 17 =