01. Februar 1996 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Jan-Christopher Horak

"Kino ist ein Pokerspiel"

Jan-Christopher Horak, seit einem Jahr Chef des Filmmuseums, über Publikumserwartungen und das Elend der Bürokratie

Jan-Christopher Horak hat vor gut einem Jahr seinen Einstand als neuer Leiter des Filmmuseums gefeiert. Vorher war er Leiter der Eastman Foundation in Rochester im Staate New York. In München löste er Enno Patalas ab, der in mehr als 20jähriger Arbeit dem Filmmuseum internationales Renommee verschafft hatte. Horak, 1951 geboren, studierte in Boston und promovierte in Münster. Er gilt als Experte für deutsche Filmschaffende im amerikanischen Exil.

Was war das Beste, das Ihnen im vergangenen Jahr passiert ist?
Wir haben in der Kreillerstraße ein großes Archiv im Keller eines Sammlers gefunden. Der Mann war schon vor zehn Jahren gestorben, die Frau ist jetzt gestorben, und einer der Nachlaßverwalter ist Aufnahmeleiter von Michael Verhoeven. Der hat sich die Vorführapparate rausgenommen, und vom Rest durften wir nehmen, was wir wollten. Das ist so abenteuerlich wie eine Schatzsuche: Wenn man vor den Filmrollen steht und nicht genau weiß, was da ist. Und wenn man tätsächlich was findet. Tatsächlich waren eine ganze Reihe Titel dabei, die als verschollen galten. Leider hatte die Witwe im Keller die Heizung abgestellt, und es war etwas feucht. Dabei ist vieles verschimmelt und war nicht mehr zu retten. Aber die Nitrofilme, die draußen im Schuppen lagen, waren ironischerweise alle noch intakt. Diese Sammler sind eine richtige Geheimzunft. Ich vermute, der Mann war dafür zuständig, bei den Kinos Inspektionen zu machen, und kam so an die Kopien ran.
Haben Sie es schon mal bereut, hierher gekommen zu sein?
Überhaupt nicht. Es ist nicht immer toll, aber ich habe meinen Freunden in Amerika gesagt, daß ich das keine Minute bereue. Es hat viel zu tun gegeben, und einiges habe ich schon geschafft. In Rochester hatte ich zwar ein wunderbares Archiv, wo man forschen kann, aber ich befand mich in einem Vakuum. In der Stadt selber hat sich nie jemand um meine Arbeit gekümmert. Der Ruhm des Archives hat sich sozusagen in umgekehrtem Verhältnis zu meiner Entfernung zu Rochester vergrößert. Das Filmmuseum hat hier doch viel mehr Prestige in der Öffentlichkeit.
Vermissen Sie trotzdem irgendwas?
Rochester vermisse ich überhaupt nicht. Ich vermisse eher Amerika, aber das hat weniger mit der Arbeit zu tun, sondern damit, daß das Leben dort viel billiger und viel bequemer ist. Umgang mit den Behörden hat man dort nicht, weil es fast keine Behörden gibt. Der Staat greift nicht so ins persönliche Leben ein.
Was waren Ihre unangenehmsten Erfahrungen hier?
Ein gewisser Frust entsteht, weil es doch sehr lange dauert, bis man die Amtswege kennt in einer städtischen Behörde. Ich bin immer noch am Lernen. Als ich ankam, hatten wir einen einzigen Computer. Jetzt haben wir mehrere, aber das hat sehr lange gedauert. Außerdem darf man nur bestimmte Marken kaufen, die dreimal so teuer sind wie in jedem Elektro-Markt. Es gibt Regeln und Vorschriften für alles. Wenn man die nicht kennt, kann es leicht passieren, daß man in Fettnäpfchen tritt.
Können wir denn hier von Amerika etwas lernen?
Wenn man im Bereich Kultur arbeitet, sollte man versuchen, mit allen Parteien und Gruppierungen auszukommen. Die Filmgeschichte ist parteilos. Wenn ich hier in dieser Stadt arbeite, muß ich zusehen, daß ich mit den regierenden Parteien auskomme, weil ich von denen was haben will – das ist Realpolitik. Es ist nicht meine Aufgabe, die Kultur zu politisieren. Genauso wenig wie ich eine bestimmte Ästhetik forcieren und sagen kann, das sammeln wir nicht, weil es mir nicht gefällt. Denn jede Generation sieht das anders. Wenn man die Geschichtsbücher zum Neuen Deutschen Film liest, sind die meisten Filme, die jetzt in der twen-Reihe laufen, nicht erwähnt oder abschätzig kommentiert. Wenn man sie sich heute aber ansieht, sind sie moderner als manches, was vor dreißig Jahren als großes Kunstwerk deklariert worden ist. Vieles ist nur deshalb verloren, weil damals gesagt wurde, das brauchen wir nicht.
Haben sich Ihre Hoffnungen auf Sponsoren bisher erfüllt?
Noch nicht. Weil ich noch keinen Anlauf gemacht habe. Denn wenn ich vor einem Jahr hingegangen wäre, hätten sie gefragt: Wer bist du denn? Man muß schon was vorweisen können. Ich mußte erst ein Jahr lang Imagepflege betreiben und zeigen, daß das jetzt ein anderes Filmmuseum ist.
Meinen Sie damit die Programmzeitschrift Off? Hat das was gebracht?
Das Heft gibt es seit Juli, und in bezug auf reine Zahlen ist das schwer zu sagen. Wir hatten in diesem Jahr zumindest keinen Zuschauerschwund. 1994 hatten wir einen Schwund von über Zehntausend, das waren 15 Prozent. Ich denke, es sind jetzt auch neue Zuschauer da. Viel wichtiger ist aber, daß mit dem Heft das Image des Filmmuseum gestärkt wird. Viele Leute denken, wenn sie Museum hören, daß das mit alten Sachen zu tun hat. Wir bemühen uns aber, ein zeitgenössisches Programm zu machen, so wie es auch Museen für zeitgenössische Kunst gibt.
Die Reihen mit den neueren Filmen werden aber auch nicht immer angenommen.
Wenn man Kino macht, ist das immer ein Pokerspiel. Letztes Jahr haben wir uns unheimlich bemüht, für sehr viel Geld eine Chris-Marker-Reihe zu machen. Und niemand ist gekommen. Anderseits war die Reihe mit unbekannten neuen polnischen Filmen brechend voll. Dann haben wir dasselbe mit Ungarn gemacht, und da ist wieder niemand gekommen, obwohl Istvan Szabo da war. Die twen-Reihe wiederum läuft unheimlich gut, und das hat nicht nur mit der Ausstellung im Stadtmuseum zu tun, denn im letzten Jahr haben wir zur Ausstellung über die Angestellten eine Reihe angeboten – und da fiel nichts ab. Das Thema Twen ist einfach in. Ich bereue es fast, daß wir nicht zwei Monate twen gemacht haben.
Also sind auch populäre Filme keine Garantie für ein volles Haus?
Nehmen wir HARVEY KEITEL. Frappierend war, daß die Filme, die wirklich bekannt sind, am vollsten waren. Und die, wo wir uns unheimlich bemüht haben, irgend so ein italienischer Film zum Beispiel, der ganz schwierig zu besorgen war, hat kein Schwein interessiert. Aber bei PULP FICTION, der zu der Zeit noch im Kino lief, war das Kino ausverkauft. Das sind vielleicht andere Zuschauer als das alte Stammpublikum, aber das allein hat noch nie gereicht. Auf diese Leute kann ich nicht mehr bauen. Wir müssen neue Zuschauer anlocken. Aber die 18jährigen schauen sich lieber MTV an und haben keine Lust, ins Kino zu gehen, egal, was man anbietet.

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