26. Januar 1995 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Keith Carradine

Mann der Moderne

Ein Gespräch mit Keith Carradine

Er gehört zu jenen Schauspielern, bei denen man sich zurücklehnen und ihrer Präsenz überlassen kann. So wie beispielsweise auch bei Jeff Bridges oder Claude Brasseur. Männer, die ohne Eitelkeit auskommen, wenn sie sich behaupten wollen. Dabei war Keith Carradine früher eher der sehnige Typ, der auch reichlich unangenehme Figuren darstellen kann. Aber in den Achtzigern hat er unter Alan Rudolphs Regie in vier Filmen zwischen CHOOSE ME und THE MODERNS zu einer inneren Ruhe gefunden, die man ihm kaum zugetraut hätte. Die nutzt er jetzt auch in dem Seehundfilm ANDRE, in dem er eine Art DR. DOOLITTLE spielt.

Keith Carradines Vater John spielte bei John Ford und in unzähligen Horrorfilmen, sein Stiefbruder David war der Held in der Fernsehserie KUNG FU, und seine Tochter Martha Plimpton ist auch Schauspielerin geworden. 1975 hat Carradine einen Oscar gewonnen, aber nicht als Schauspieler, sondern für seinen Song I’m Easy in Robert Altmans NASHVILLE. Besonders die Europäer waren davon beeindruckt: Louis Malle engagierte ihn für PRETTY BABY und Jeanne Moreau für ihren Film LUMIÈRE. Zu diesen Umwegen seiner Karriere sagt er: ‚Sonderbare Reiseangebote sind Tanzstunden von Gott. Der Satz ist von Vonnegut, und ich versuche danach zu leben.‘ Mit Keith Carradine unterhielt sich Michael Althen.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Angie Dickinson denken?
Ah, sie hat mir meinen Oscar überreicht. Sie ist wirklich eine wunderbare Frau. Und seit jenem Moment herrscht zwischen uns eine besondere Beziehung und Wärme. Immer wenn wir uns treffen, sagt sie: ‚O Keith, nett dich zu sehen. Erinnerst du dich noch an damals?‘
Und an was erinnern Sie sich?
Ich hatte meinen Vater dabei. Er war in seiner ganzen Karriere nie bei den Oscars gewesen. Er war schon ein alter Mann, und nachdem ich gewonnen hatte, gingen wir zum Governor’s Ball. Mein Vater wurde schnell müde, und wir brachten ihn heim. Dann fuhren wir noch zu Lion’s Gate, Altmans Produktionsfirma, und blieben dort bis drei in der Früh.
Hatte dort Altman seine Gemeinde um sich geschart? War er damals wirklich so etwas wie ein Guru?
Ist das nicht jemand, der deiner Psyche einen Spiegel vorhält? Gurus geben keine Antworten, sondern spiegeln einfach, wer und was du bist. Und genau das ist es, was Altman mit Schauspielern macht. Insofern könnte man ihn Guru nennen.
Was hat er, was andere Regisseure nicht haben?
Er gibt einem Freiheit. Man fühlt sich akzeptiert, so als könne man nichts falsch machen. Und das kann man auch nicht, weil er von den Schauspielern nicht Spiel, sondern Verhalten will. Den Sänger, den ich in Nashville spiele, mochte ich nicht. Ich fühlte mich unwohl, weil ich mir nicht einmal sicher war, wer ich selbst bin. Wie geschickt das von Altman war, sieht man daran, daß man im Film jemanden sieht, der sich selbst nicht mag. Und das ist genau das, was Altman gewollt hatte.
Sie machen nicht nur Musik, sondern haben auch das Plakat für THE MODERNS gemalt. Ist das nur ein Hobby oder mehr?
Als ich aufwuchs, habe ich mich vor allem zeichnend ausgedrückt. Da hieß es immer: ‚Keith kann zeichnen.‘ Dann habe ich Musik entdeckt, fand darin einen direkteren Weg zu meinen Gefühlen. Von einem Pinselstrich bekommt man einfach nicht denselben emotionalen Schub wie vom Gitarrenspiel.
Wenn Sie die Schauspielergeneration Ihres Vaters mit der Ihrer Tochter vergleichen, was hat sich dann geändert?
Bei meinem Vater hat mich immer seine Intelligenz beeindruckt. Er hatte sich alles selbst beibringen müssen, aber seine Bildung war umfassend. Er kannte die Geschichte in- und auswendig, kannte die Klassiker, konnte über alles reden. Er war in den Dreißigern Teil einer Bohème mit John Barrymore und Gene Fowler und dem verrückten Doktor Satakichi Hartman. Sie haben tagelang gesoffen und dann gefochten und Gedichte von Shakespeare rezitiert und diskutiert. Das ist vielleicht etwas, was die Jungen heute verloren haben: einen Sinn für Geschichte, Tradition, Klassiker. Vielleicht lassen sie sich von materiellen Werten leichter verführen. Es gibt aber auch soviel mehr Geld zu verdienen.
Wer hat Sie am meisten beeindruckt?
Lee Marvin. Sein Spiel hatte etwas Musikalisches. Es war fast so, als würde er den Blues singen, wenn er spielte. Wir wurden Freunde. Manchmal findet man so einen Künstler, dessen Menschlichkeit kein Alter kennt. Marvin war um die 60, ein Gigant, der zeitlos war. Sein Geheimnis war, daß er seine eigene Jugend nicht verloren hatte.
Mit welcher Ihrer Figuren würden Sie am liebsten einen Abend verbringen, wenn Sie müßten?
Da muß ich schon müssen, weil wollen würde ich sicher nicht. Aber der Kerl in THE MODERNS, in dem war mehr von dem, was ich gerne wäre, als in irgendeiner der anderen Rollen. Da war eine Persönlichkeit, etwas Heroisches, woran ich mich gerne messen können würde.

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