21. April 1995 | Süddeutsche Zeitung | Interview | Anthony Quinn

Das Spiel des Herzens

Anthony Quinn wird 80 - ein kurzes Gespräch mit dem zweifachen Oscar-Preisträger

Als LAST ACTION HEROn die Kinos kam, wurden Regisseur und Schauspieler in Los Angeles zu kurzen Interviews herumgereicht. Ein Hotelzimmer, ein halbes Dutzend Journalisten, ein Gesprächspartner. Schwarzenegger war gerade dagewesen, der größte und teuerste Star der Welt, ein Baum von einem Mann in einem grellen Hemd. Doch dann betrat Anthony Quinn den Raum, und man begriff sofort den Unterschied. Dieser Mann brauchte keine großen Gesten oder grellen Hemden, um die Leute in seinen Bann zu schlagen – ein Naturereignis. Und dann fing er an zu sprechen, mit einer Stimme, die in den Jahrzehnten seines bewegten Lebens immer noch ein Stückchen tiefer in seinen mächtigen Brustkorb gerutscht ist. Und wenn er dann lachte – was er gern und vor allem so lange tut, bis auch der letzte Anwesende mitlacht -, dann bebte der ganze Raum. Seither ist ein bißchen Zeit vergangen, aber der Mann ist sicher auch mit achtzig noch das reinste Erdbeben.

Sie sind Schauspieler und mittlerweile auch Maler. Was wollten Sie eigentlich werden?
Eigentlich wollte ich immer malen. Ich hatte in meiner Jugend ein ganzes Notizbuch voller Skizzen. Als mein Vater das sah, sagte er: ‚Die sind wunderschön, warum gibst du sie nicht an eine Zeitung?‘ Und bald kamen zu meinem Erstaunen tatsächlich Schecks. Der größte kam aus Fairfax: 25 Dollar für eine Zeichnung. Mein Vater verdiente damals nur 24 Dollar die Woche. Doch dann passierte etwas sehr Trauriges. Mein Vater starb, und ich mußte das Zeichnen aufgeben, um meine Familie zu unterstützen. Das war ein gutes Training für mich.
Und wie kamen Sie dann nach Hollywood?
Als Obstpflücker. Hollywood war damals ein Ort, wo Zitronen wuchsen, überall nichts als Zitronen. Ich mußte damals trampen, um nach Camarillo zu kommen. Die Straßen waren schrecklich. Der San Fernando Highway war furchtbar, und die Berge waren steil. Es dauerte vier Tage, um nach Camarillo zu komnen, heute dauert es vierzig Minuten. Ich wurde Vorarbeiter der Obstpflücker und gab Befehle. Das war ein ziemlicher Spaß.
Es heißt, Sie seien mit den deutschen Schriftstellern im Exil befreundet gewesen.
Und wie! Heinrich Mann, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger – ich kannte sie alle. Ich ging mit ihnen lange am Strand von Pacific Palisades spazieren. Das waren wunderbare Freunde, ganz herrliche Menschen. Am liebsten war mir Jakob Wassermann, der von Warner Brothers unter Vertrag genommen worden war. Sie zahlten ihm 100 000 Dollar im Jahr, um für das Studio Drehbücher zu schreiben. Jack Warner empfing ihn also hinter seinem großen Schreibtisch und sagte: ‚Jakob, hier ist dein Geld. Denk an nichts anderes als an den Film, den du schreiben willst, und wenn du soweit bist, dann setz‘ dich hin und schreibe.‘
Wassermann lief herum und hatte einfach Angst: ‚Ich soll schreiben, aber ich weiß nicht was. Sie zahlen mir ein Vermögen, aber ich weiß nicht wofür.‘ Einen Monat später kam Jack Warner und fragte, wie es läuft. Wassermann sagte: ‚Ich glaube, ich habe eine Geschichte gefunden.‘ – ‚Wunderbar, wunderbar, dann mach‘ mal.‘ Drei Monate später begegneten sie sich erneut. ‚Wie läuft’s?‘ – ‚Gut. Ich habe 15 Seiten geschrieben.‘ – ‚Großartig, weiter so.‘ Ein Jahr später kam Wassermann mit einem Drehbuch, so dick, daß er es kaum tragen konnte. Jack sagte: ‚Das sieht nach einem großen Film aus, Jakob. Ich habe gerade einen Anruf von Louis B. Mayer bekommen. Greta Garbo ist frei. Wir können sie für einen Film haben. Kann sie in dem Film mitspielen? Ist eine Rolle für sie drin?‘ – ‚Ich weiß nicht‘, sagte Wassermann, ‚kann sie einen Mann spielen?‘ Das war’s.
Wie sind Sie selbst mit den Studios zurechtgekommen?
Großartig. 1947 waren 150 Dollar für einen Film ein verdammt gutes Gehalt, ein richtiger Spitzenverdienst. Aber meine Frau sagte mir damals: ‚Du wirst immer nur Indianer und andere Wilde spielen. Nimm das Geld und such‘ dir einen anderen Job, wo du eine Zukunft hast.‘ Doch dann kam das Fernsehen, und ich arbeitete dort für 350 Dollar die Woche. Und so ging es weiter. Bis ich nach Italien kam und mit Fellini LA STRADA drehte.
Da waren Sie plötzlich ein Star.
Marlon war ein Star, ich nicht. Die Kamera ist ein Röntgenapparat, der in die Seele eines Menschen blickt. Manchmal mag sie Leute, manchmal nicht. Warum ist Marylin Monroe ein großer Star gewesen? Sie war in Wirklichkeit ein normales Mädchen, aber phantastisch, sobald die Kamera lief. Und dasselbe gilt für Gary Cooper, John Wayne, Marlon Brando. Sie hatten etwas, was über Schönheit hinausgeht.
Und was ist Ihr Geheimnis?
Ich habe früh in meinem Leben herausgefunden, daß ich nie ein leading man werden kann. Ich habe nicht die Augen, nicht das Haar, nicht die Nase dafür, einfach nicht das richtige Aussehen. Ich hatte nur Talent und Technik und mußte statt mit meinem Aussehen mit dem Herzen spielen. Das ist das einzige Geheimnis.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


20 + 20 =