21. Dezember 1994 | Süddeutsche Zeitung | Glosse | HB-Männchen

Halt, mein Freund...

Ein Stück Sozialgeschichte: Das HB-Männchen auf Video

Diesen Spruch hat jeder noch im Ohr: ‚Halt mein Freund, wer wird denn gleich in die Luft gehen? Greife lieber zur HB, dann geht alles wie von selbst.‘ Wenn dereinst der Kalk durch unser Hirn rieselt, dann werden wir vielleicht nicht mehr wissen, wie wir heißen oder wo wir wohnen, aber wir werden uns garantiert an diesen Spruch erinnern. Er gehört zu jener Sorte trivialer und konkreter Poesie, die sich wie ein Ohrwurm ins Gedächtnis einbrennt.
Manchmal schafft es Werbung also, Allgemeingut zu werden. Das war schon beim Käfer so, der ‚läuft und läuft und läuft‘, und zuletzt bei Clausthaler mit ihrem: ‚Nicht immer. Aber immer öfter.‘ Die HB-Werbung leistete sogar noch mehr, denn sie war gleichzeitig ein Spiegelbild gesellschaftlicher Entwicklungen. So spielt das HB-Männchen zweifellos eine Hauptrolle in der Sozialgeschichte dieser Republik.

1957 wurde die Figur von dem Trickfilmer Roland Töpfer erfunden. Bis 1972 war sie täglich im Fernsehen zu sehen, dann wurde die Zigarettenwerbung ins Kino verbannt, wo das Männchen noch bis 1984 zu sehen war. 500 Kurzfilme sind in dieser Zeit entstanden, 60 davon sind nun in Wolfgang Dreslers Kompilation ‚Halt, mein Freund…‘ versammelt, thematisch und chronologisch sortiert und mit einem Interview mit Töpfer versehen.

Da erfährt man erstens, daß das unverständliche Gebrabbel und Geschimpfe der Figur entstanden ist, indem ein arabischer Text rückwärts in verschiedenen Geschwindigkeiten abgespielt wurde. Und zweitens, daß erst die Losung ‚Frohen Herzens genießen‘ verboten wurde, weil dabei die schädliche Wirkung von Zigaretten unterschlagen würde, und dann auch noch der Spruch ‚Greife lieber zur HB, dann geht alles wie von selbst‘ untersagt wurde, weil es sich dabei um ein unzulässiges ‚Wirkungsversprechen‘ handelte. Daß jener Schluß, bei dem dann alles wie von selbst geht, in dieser Sammlung jeweils fehlt, ist zwar aus Gründen der Monotonie verständlich, aber dennoch bedauerlich, weil er doch ganz wesentlich die Choreographie und den Rhythmus dieser Spots bestimmt hat.

Im Grunde ist es schon ein Wunder, daß das HB-Männchen bis in die Achtziger Jahre überleben konnte. Schließlich handelte es sich bei der Figur um einen typischen Vertreter der Wirtschaftswunderzeit. Nicht nur wegen der Fliege und dem Bauchansatz, sondern vor allem weil der ständige Kampf mit der Tücke neuer Errungenschaften in Freizeit und Technik eher die Erfahrungen der älteren Generation widerspiegelte. Später hat man dann die ganzen Spielarten des Do- it-yourself aufs Korn genommen. Aber so oder so entsprach der ungeschickte Jähzornpinkel nicht mehr dem Bild vom jungen, dynamischen Konsumenten, in dem sich die Zuschauer später wiederfinden sollten. Das HB-Männchen war einfach nicht mehr cool. Umso mehr kann man jetzt die Spots frohen Herzens genießen. (29,90 Mark bei Tacker Film, 0221/257 13 64)

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