06. Februar 1997 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Star Wars kehrt zurück

Mythen in Tüten

Das Evangelium des Lucas: "Krieg der Sterne" kehrt zurück

Wenn ein Film in Amerika am ersten Wochenende über zehn Millionen Dollar einspielt, dann nennt man das einen Erfolg. Bei über dreißig Millionen kann man schon von einem Phänomen sprechen: BATMAN etwa, JURASSIC PARK oder INDEPENDENCE DAY haben diese Marge überschritten. Wie aber nennt man es, wenn ein zwanzig Jahre alter Film, der schon ungezählte Male im Fernsehen lief und vor zwei Jahren in einer Spezialedition dreißig Millionen Mal auf Videokassette verkauft worden ist, am ersten Wochenende 36 Millionen Dollar an den amerikanischen Kinokassen einnimmt? Das nennt man wohl ein Wunder.
Der KRIEG DER STERNE ist in einer technisch gewaltig verbesserten und inhaltlich minimal veränderten Version am vergangenen Freitag nochmal ins Kino gekommen, zwanzig Jahre nach seiner Premiere – und hat selbst optimistische Schätzungen weit übertroffen. Bei der 20th Century-Fox hat man mit 50 Millionen insgesamt gerechnet. Jetzt sieht es so aus, als würde er über die magische Grenze von 100 Millionen kommen, was alljährlich nur etwa einem Dutzend Filmen gelingt. Tatsache ist, daß STAR WARS mit diesem Wochenende in der ewigen Rangliste der Kassenhits JURASSIC PARK (357 Millionen Dollar) und FORREST GUMP (330 Millionen) überholt hat und noch vor Monatsende die fehlenden 41 Millionen geholt haben wird, um E.T. (399,8 Millionen) als erfolgreichsten Film aller Zeiten abzulösen. Zumindest in Amerika – und Amerika ist praktisch überall.

Als am 25. Mai 1977 STAR WARS in San Diego und 31 weiteren Städten Premiere feierte, hatte es durchaus schon Filme gegeben, die einen bestimmten Nerv getroffen hatten wie VOM WINDE VERWEHT, PSYCHO oder DER PATE. Und auch der Begriff Blockbuster war schon eingeführt worden, nachdem DER WEISSE HAI zwei Jahre zuvor sämtliche Rekorde gebrochen hatte. Aber der KRIEG DER STERNE war all das und noch mehr. Wie kein Film sonst hat er Hollywood, das Kino und sein Publikum verändert – und wenn man so will, haben sich alle drei vom Schock dieses Erfolges nicht mehr erholt.

Die Erklärung liegt nahe: Zehn Millionen Mark hat der Film gekostet, über 300 Millionen eingespielt, zwei Fortsetzungen ermöglicht, die weitere 500 Millionen brachten, und darüber hinaus in den letzten zwanzig Jahren geschätzte vier Milliarden Dollar durch Merchandising umgesetzt, von der kleinen Spielzeugfigur über das Ganzkörperkostüm bis zur Kaffeetasse. Das war kein Film mehr, sondern eine ganze Industrie. Kein Wunder also, daß seither Studios, Agenten und Filmemacher diesem Traum nachjagen – und ihm auch manches geopfert haben.

Es hat schon seinen Grund, warum Charles Taylor im Atlantic Monthly klagte, daß es seither unendlich schwieriger geworden sei, Filme zu machen, „die das Publikum wie Erwachsene behandeln”. Seitdem Hollywood erkannt hatte, daß sich in den Kinderzimmern noch mehr Geld als an den Kinokassen machen läßt, konnte man das den Filmen auch immer häufiger ansehen. Und es ist vielleicht kein Zufall, daß bei der Vermarktung gerne mit Fastfood-Ketten zusammengearbeitet wird: Die Produkte gleichen sich in gewisser Weise mit ihren immergleichen Zutaten und ihrem immergleichen Geschmack. Der Konsument weiß, was ihn erwartet. Das hat durchaus seine Vorzüge – und logischerweise auch seine Nachteile. In den letzten Jahren geht der Trend allerdings, wenn man das so sagen will, wieder zurück zum Erwachsenen.

George Lucas hat also die Art von Film geprägt, die als eingetragenes Warenzeichen daherkommt; jenen Film, der nicht nur Film ist, sondern T-Shirt, Spielzeug-Set und Juniortüten-Beigabe zugleich; den Film, der in jedem Teil sein Ganzes widerspiegelt. George Lucas selbst wurde vom eigenen Erfolg geradezu übermannt. War er vorher noch mit Filmen wie AMERICAN GRAFFITI ein phantastischer Regisseur gewesen, zog er sich fortan zurück in seine virtuellen Welten. Anders als sein geistiger Bruder Steven Spielberg begnügte er sich mit der Drahtzieher-Rolle, die darin bestand, die Drähte unsichtbar zu machen. Seine Firma mit dem durchaus programmatischen Namen Industrial Light & Magic ist seither für alle möglichen und unmöglichen Tricks und Spezialeffekte zuständig, auch für JURASSIC PARK und was da sonst noch kommen mag. George Lucas ist somit die graue Eminenz im Kino unserer Zeit.

Der Grund für die Neuauflage von STAR WARS war indes nicht allein das 20. Jubiläum, sondern eigentlich Lucas’ Plan, drei weitere Folgen der Sternen-Saga zu drehen, die inhaltlich den existierenden Folgen vorausgehen und in den Jahren 1999, 2001 und 2003 Premiere feiern sollen. Was anfangs nur ein Testlauf sein sollte, entwickelte bald seine eigene Dynamik. 15 Millionen wurden in die Restaurierung gesteckt: für einen völlig neuen Ton, bessere Tricks und einige neue Szenen; und nochmal 30 Millionen in die Vermarktung. Zusammen ergibt das etwa die Kosten einer durchschnittlichen Hollywood-Produktion. Im Abstand von drei Wochen folgen die Fortsetzungen THE EMPIRESTRIKES BACK und THE RETURN OF THE JEDI Schon jetzt ärgert man sich, daß man das Potential unterschätzt und nicht mehr Abstand gelassen hat, um den Erfolg noch gründlicher auskosten zu können.

Was einst die durch Vietnam und Watergate zermürbte Nation in einem klaren Kampf von Gut und Böse geeint hat, erfüllt auch heute noch seinen Zweck. Die Zukunft war schon damals ein Märchen, heute ersetzt sie einer ganzen Generation von Kinogehern die Vergangenheit. Und sie nehmen ihre Kinder mit ins Kino – so wie sie früher das Märchenbuch aufgeschlagen haben. Wir sind alle Außerirdische.

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