16. Januar 1997 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Golden Globes

Markt der schönen Lügen

Der große Golden-Globe-Schwindel

Man muß nicht immer alles wissen – und manchmal will man auch gar nicht. Daß etwa die Academy, die den Oscar vergibt, aus 5000 zum Teil längst nicht mehr tätigen Mitgliedern besteht, von denen gerüchteweise nur die Hälfte ihre Stimmen abgibt, nimmt der Verleihungszeremonie aber nichts von ihrem Zauber. Die Mischung aus Spannung, Stars und Tränen funktioniert trotz oder gerade wegen aller Versäumnisse und Fehlentscheidungen immer wieder. Das wird auch am 24. März nicht anders sein.

Mittlerweile haben die Oscars jedoch Konkurrenz bekommen von den Golden Globes, die Jahr für Jahr mehr Stars anziehen und mittlerweile auch die kurzweiligere Show zu bieten haben. Das hat drei Gründe: Erstens verzichten die Globes auf fürs Publikum eher langweilige technische Kategorien wie Toneffektschnitt oder Dokumentarkurzfilm; zweitens teilen sich die Preise dort in Drama einerseits, was die Academy traditionell bevorzugt, und Musical oder Comedy andererseits, was bei den Oscars in der Regel übergangen wird – bei den Globhes sind also mehr und populärere Filme nominiert; und drittens werden bei den Globes auch Fernsehfilme und -serien ausgezeichnet, was wiederum mehr und populärere Stars bedeutet. Ein Blick auf die diesjährige Nominiertenliste in den Fernsehkategorien ist Beleg genug: Da gibt es nicht nur Gillian Anderson und David Duchovny aus den X-Files, sondern auch George Clooney, Michael J. Fox, Demi Moore, Isabella Rossellini, James Woods, Kathy Bates, Cher, oder Anthony Quinn. So weit, so gut: mehr Stars, mehr Glanz, mehr Tränen. Das wird in der Nacht von Sonntag auf Montag nicht anders sein.

Wie konnte aber aus einem Preis, den früher keiner ernst nahm, auf einmal eine Veranstaltung werden, die es mit dem Pomp und Rummel der Oscar-Verleihung durchaus aufnehmen kann? Ganz einfach: In den letzten vier Jahren hatten 18 der 24 Oscar-Gewinner in den wichtigen Kategorien (Film, Regie und Schauspiel- Preise) vorher auch einen Golden Globe gewonnen. Damit sind die kleinen Globes zu einem wichtigen Indikator für die großen Oscars geworden – umso mehr, als die Nominierungen für die Oscars zu dem Zeitpunkt noch in vollem Gange sind. Die Studios nutzen deshalb die Globes als Werbung für ihre Filme. Denn wer einen Globe gewinnt, wird bei den Oscarnominierungen kaum übergangen. Schließlich liebt dieses Land die Sieger.
Je wichtiger also die Globes werden, desto häufiger wird die Frage gestellt, wer sich eigentlich hinter der Hollywood Foreign Press Association (HFPA) verbirgt, die Auswahl und Entscheidungen trifft. Dieser Verband der in Hollywood ansässigen Auslandspresse existiert seit 54 Jahren und ist wahrscheinlich eine nützliche Einrichtung – wenn man dort aufgenommen wird. Die HFPA zählt jedoch nur 88 Mitglieder und achtet eifersüchtig auf ihre Exlusivität. Theoretisch können jedes Jahr fünf neue Mitglieder aufgenommen werden, aber die meisten Anträge werden ohne Begründung abgelehnt. Claudine Mulard, Korrespondentin von Le Monde hat es probiert – und wurde abgelehnt. Und Jeff Hayward, der für Neuseelands größte Tageszeitung, den Herald, arbeitet, wurde ebenfalls zweimal abgewiesen. Die Washington Post zitierte aus seinem Protestbrief: ‚Sie repräsentieren die Gesamtheit der Auslandkorrespondenten in Hollywood, aber gebärden sich als Clique, was wohl kaum richtig sein kann. Sie sollten als wirklich professionelle Organisation auftreten, die offen ist für alle Auslandsjournalisten in Hollywood, die sich dafür legitimieren – oder sie sollten überhaupt nicht existieren.‘

Das Branchenblatt Variety, das sich aus naheliegenden Gründen allzu deutliche Kritik verkneift, begnügt sich mit einer amüsierten Aufzählung der Blätter, für die HFPA-Mitglieder arbeiten: Hecho S (Argentinien), Bharat Ratna (Indien), Me (England) oder Supermodel (Australien). Die Mitglieder müssen jedenfalls ganze vier Artikel pro Jahr vorweisen können – und nicht einmal das gelang 1990 der umtriebigen Präsidentin Aida Takla O’Reilly. Sharon Waxman von der Washington Post forschte noch weiter und kam zu dem Ergebnis, daß mindestens 30 der 88 Mitglieder als freie Autoren für obskure Publikation in winzigen Märkten wie Litauen, Bangladesh oder Ägypten arbeiten – und man durchaus behaupten könne, daß der Journalismus für sie nur ein Hobby sei.

Nun gibt es viele Filmpreise, und oft genug sind die Juroren nicht unbedingt qualifiziert; aber daß ein so wichtiger Preis unter so sonderbaren Umständen vergeben wird, gibt schon zu denken. Natürlich werden die Mitglieder von den Studios hofiert und bevorzugt wie die Academy auch – wie sie als Journalisten damit umgehen, müssen sie mit ihrem Gewissen vereinbaren. So ist das ganze eher ein Symptom dafür, wie sich in dieser Branche die Presse zum willfährigen Instrument für Public Relations machen läßt. Die Studios werden natürlich den Teufel tun und die HFPA in Frage stellen, so lange sich die Globes so kostengünstig als Werbung für die Oscars benutzen lassen. Auch NBC hat kein Interesse, die Veranstalter zu kritisieren, so lange – wie letzten Januar – 18 Millionen Amerikaner die Verleihung sehen wollen. Und die Stars spielen natürlich mit, weil sie ihre Gewinnchancen nicht gefährden wollen. Die Wahrheit kennen alle – aber schließlich war Hollywood schon immer ein Markt der schönen Lügen.

Und so werden Sonntag nacht wieder alle ins Beverly Hilton kommen und sich im gemeinsamen Glanz sonnen und mitfiebern und jubeln und ein bißchen weinen – und wir wahrscheinlich auch. Manchmal mag man die Wahrheit einfach nicht wissen.

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