15. Juli 1996 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Love Parade

Love Parade in Berlin: Die Stadt, der Müll und die Liebe

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Dr. Motte

Beim Umzug der Techno-Jünger kommt es zur größten Party, die Deutschland je gesehen hat, doch das wahre Herz der Szene schlägt ganz woanders

Berlin, 14. Juli – Immer der Nase nach. In der Berliner U-Bahn, wo es sonst ziemlich nach Großstadt riecht, duftet es nun nach Früchten, Blümchen und allem, womit junge Menschen einander sonst noch zu betören versuchen. Die Love Parade zieht vorneweg eine Duftspur aus Parfum und Pubertät durch den Untergrund, so wie sie später ihre Duftmarken im Tiergarten hinterlassen wird, wo sich die Besucher reihenweise im Gebüsch erleichtern, weil es nicht genügend Toiletten gibt. Aber vielleicht lassen sich Ereignisse wie dieses gar nicht von den Rändern her begreifen, sondern nur aus dem Zentrum heraus, von dort, wo die Post abgeht.

Wie jede populäre Strömung hat sich die Love Parade von einer Randerscheinung zum Massenphänomen entwickelt. 1989 waren noch 150 Leute zu Musik und dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen” über den Ku’damm gezogen, letztes Jahr waren es dann schon 200 000, diesmal vielleicht dreimal so viele – der größte Auflauf von Jugendlichen (und solchen, die sich dafür halten), den die Bundesrepublik je gesehen hat. Am Anfang war es eine als Demonstration getarnte Party des Erfinders Dr. Motte – heute im Grunde auch. Und auch das Motto „We are one family” ist so schwammig wie einst. Stören tut das nur Kritiker, die aus dem Ganzen schlau zu werden versuchen. Dabei ist die Stoßrichtung klar.

Vom Rand her in die Mitte, dorthin, wo inzwischen das große Geld liegt. Und die Menge tanzt. Der Nabel dieser Welt ist am Samstag um 14 Uhr der Ernst-Reuter-Platz, wo der Umzug seinen Ausgang nimmt, um dann über die Straße des 17. Juni um die Siegessäule herum zum Brandenburger Tor und zurück zu ziehen. Dort sitzen, stehen, tanzen die Leute auf allem, was Halt bietet. Auf den Dächern von Getränkelastern, Verkaufsständen und Eingangshallen; und vor allem oben auf den Ampelanlagen, wo zehn Meter über der Menge Jungs Mut und Leichtsinn beweisen. Drei Jugendliche stürzen ab und verletzen sich schwer. Dabei hat die Polizei am Freitag noch die Masten entlang der Strecke mit Schmierseife eingerieben, um allzu riskanten Kletterpartien vorzubeugen.

Durch die Menge bahnen sich 40 Sattelschlepper ihren Weg, die von kleinen Klubs oder größeren Organisationen gemietet wurden und auf denen die Plätze zwischen den Lautsprechertürmen so begehrt sind wie anderswo Logenkarten. Bis zu 20 000 Watt leisten die Anlagen, und wer sich darunter nichts vorstellen kann, der mag sich einfach das Herannahen des Donnergrolls beim Gewitter ausmalen. Wann immer einer der Schlepper an der Menge vorbeizieht, schwappen die Rhythmen in turmhohen Wellen über die Menschen hinweg, die in der Brandung so lange tanzen, bis die Musik wieder verebbt. Wie Marionetten hängen sie dann an ihren Fäden, bis der nächste Musikwagen sie wieder in Bewegung bringt. Aber natürlich gibt es auch die anderen, die durchtanzen, ihrem eigenen Herzschlag folgend oder irgendeinem anderen Beat, den sie in der Ferne aufschnappen.

Im wesentlichen ist die Love Parade nichts anderes als eine Fortsetzung des Karnevals mit anderen Mitteln. Man beschwipst sich nicht mit Alkohol oder Tabletten, sondern mit Musik, und berauscht sich an der eigenen Ausgelassenheit – jedenfalls wird das behauptet. Auf jeden Paradiesvogel kommen hundert, die sich nur eine Pappnase aufsetzen oder eine Feder ins Haar stecken. Mit Liebe hat die Love Parade so viel zu tun wie der Karneval mit Spaß. So ziehen die Leute zum unablässigen Stampfen der Musik den 17. Juni hinauf und hinab, bis zur Abschlußveranstaltung an der Siegessäule am Abend, wo Dr. Motte, ein gestandener Diskjockey schon weit in den Dreißigern, noch kurz den Frieden auf der Welt durch Musik beschwört und alle nach dem selben Rhythmus tanzen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Menge merklich ausgedünnt, und man blickt auf den Müll, der den Weg säumt, auf das Strandgut der Exstasen, auf den Rest vom Fest. Das Müllvermeidungskonzept sei nicht aufgegangen, heißt es dann schuldbewußt. Ob sich wohl beim Kölner Karneval darüber jemand Gedanken macht? Schon im Vorfeld der Parade gab es Streit um den Müll, den jeder dem anderen vor die Türe kehren wollte. Der Bezirk Tiergarten erklärte, man habe kein Geld; die Innenverwaltung behauptete, sie sei nur für Sicherheitsfragen zuständig; und die Veranstalter setzten auf die Vernunft der Leute. Dr. Motte schrieb: „Dosen und ähnlicher Kram sind scheiße!” und „Wer mit Mist um sich wirft, lebt hinterm Mond”. Aber Hunderttausenden ist damit natürlich nicht beizukommen. Überall waren illegale Händler unterwegs, die ihre Büchsen palettenweise verkauften. Die Pfandbecher an den offiziellen Ständen konnten sich dagegen natürlich nicht durchsetzen. Genauso wenig wie die 24 Toilettencontainer mit je zwölf Schüsseln gegen die Versuchung, sich an die nahen Bäume zu halten. Auch dagegen konnten sich die Veranstalter mit ihrer Aufforderung „Jeder einzelne Baum im Tiergarten ist ein Lebewesen – bewahrt es” nicht behaupten. Veranstaltungen dieser Art sind eine Sache der Logistik und nicht von frommen Wünschen.

Bei der Bahn, die einige Sonderzüge eingesetzt hatte, kam es zu erheblichen Verspätungen, auf der Autobahn aus Hannover zu kilometerlangen Staus, und die U-Bahn-Haltestelle unterm Ernst-Reuter-Platz war dem Ansturm ohnehin kaum gewachsen. Aber all der Trubel und das Chaos sind ohnehin nur die Spitze des Eisbergs, die Stelle, an der die Bewegung aus dem Untergrund für die Öffentlichkeit sichtbar wird. Der größere und gewichtigere Teil liegt unter der Oberfläche, dort, wo die Anhänger unter sich bleiben und die Fernsehkameras nur noch schwarz sehen. In den Klubs und auf den Partys, wo die Feier schon am Freitag begonnen hat und nach der Parade bis Sonntag auch fortgesetzt wird, schlägt das wahre Herz der Szene – mit einem Puls von 180 Schlägen in der Minute.

Dr. Motte und Konsorten läuteten im „Arena” in Treptow Freitagnacht das Wochenende ein, und in der riesigen Fabrikhalle gewinnt man leichter einen Eindruck von der Kraft dieser Musik als beim Massenauflauf im Tiergarten. Die Diskjockeys stehen auf der Bühne zwischen ihren Plattentellern und speisen die Musik in die elektronischen Rhythmen ein, von denen jeder einzelne mit frenetischem Beifall begrüßt wird. Über den Tanzenden hängen große weiße Ballons, auf die unablässig Videos projiziert werden. Und wenn man eine Zeitlang zugesehen und der Beat den eigenen Herzschlag verdrängt hat, dann versteht man plötzlich, was diese Leute treibt.

Techno ist, der Name läßt es ahnen, die Musik, die sich hinter den Fernsehschirmen, Computermonitoren und anderen Maschinen verbirgt. Es ist so, als würden die DJs das Herz dieser seelenlosen Geräte zum Leben erwecken. Sie spielen unserer Zeit die Musik vor, die die Verhältnisse zum Tanzen bringt. Das begreift man vielleicht nicht, wenn man in der Masse am Ernst-Reuter-Platz eingeklemmt steht, aber ganz sicher dort, wo die Musik herkommt, aus den Klubs und von den Partys. Selbst in Charlottenburg, das wirklich Lichtjahre vom Treiben entfernt liegt, hört man Samstagnacht Musik durch die leeren Straßen wummern. Auf dem riesigen Parkplatz vor dem Olympiastadion tanzen knapp hundert Jugendliche vor einem kleinen Tisch mit zwei Tellern und vier Boxen. Ein paar Charlottenburger sehen zu oder tanzen mit. Ein Mannschaftswagen der Polizei umkreist den Platz, dreimal, dann hält er an. Ein Polizist steigt aus und teilt dem DJ mit, es habe Anrufe gegeben, er möge die Musik leiser stellen. Freundlich. DJ Simon, dem es auf der Parade „einfach zu voll” war, dreht seine Lautsprecher kurzerhand in Richtung Stadion und macht weiter. Und dann tanzen sie wieder, ein paar Dutzend Jugendliche aus Sindelfingen im Blitz des Stroboskoplichts, ein funkelnder Stern im blassen Laternenschein des großen dunklen Parkplatzes. Sie tanzen, als gebe es keine Welt um sie herum. Und in dieser einen Nacht ist es auch so. Ab morgen gibt es dann wieder Sindelfingen.

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