28. März 1998 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Kino und Wirklichkeit

Ein Käfig voller Narren

Zum Verwechseln ähnlich: Primary Colors und der Fall Clinton

Das Kino ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Immer häufiger wird es von der Wirklichkeit überholt. Dabei sollte es doch genau andersherum sein.
Als 1979 der Film DAS CHINA-SYNDROM in dem es um einen Reaktorunfall geht, ins Kino kam und zeitgleich der Reaktor auf Three-Mile-Island bei Harrisburg leckte, hielt man das noch für einen makabren Zufall. In letzter Zeit jedoch häufen sich die Koinzidenzen: Gerade ist bei uns WAG THE DOG angelaufen, in dem ein Krieg buchstäblich inszeniert wird, um von den Eskapaden des Präsidenten abzulenken, da kommt in Amerika PRIMARY COLORS ins Kino, der von einem Präsidenten erzählt, der Bill Clinton zum Verwechseln ähnlich sieht.

Schon als die Vorlage vor zwei Jahren auf den Markt kam, wurde die Geschichte um den Wahlkampf des Kandidaten Stanton weithin als Schlüsselroman zum Fall Clinton gelesen. Wobei die Tatsache, daß es der Autor fürs erste vorzog, anonym zu bleiben, die Spekulationen über den Wahrheitsgehalt noch befeuerten. Und als sich der Anonymus als Joe Klein, Autor der Washington Post, entpuppte, war nicht sicher, ob das Ganze nur geschicktes Marketing war oder berechtigte Furcht vor der Enttarnung.

Regisseur Mike Nichols, dessen Karriere von der REIFEPRÜFUNG über SILKWOOD und WORKING GIRL bis THE BIRDCAGE reicht, erwarb jedenfalls für anderthalb Millionen Dollar die Rechte an dem Buch und überzeugte Universal davon, ihm achteinhalb Millionen dafür zu zahlen, daß er die Verfilmung inszeniert und produziert. Tom Hanks sollte den Präsidentschaftskandidaten spielen und der Film 80 Millionen Dollar kosten. Nach Lektüre des Drehbuchs stieg Hanks jedoch aus, weil er sich, so hieß es, einfach nicht vorstellen könne, daß sich sein Image mit dem des Weiberhelden Stanton vereinbaren ließe. Andere Quellen behaupteten, Hanks habe seinen Freund Clinton nicht düpieren wollen. Kurz erwog man Mel Gibson oder Liam Neeson für die Hauptrolle, aber dann entschied Nichols, daß es ein Amerikaner sein müsse. Also kam John Travolta ins Spiel, und Universal hatte auf einmal Zweifel, wie sie dieses Thema in Europa und Asien an den Mann bringen sollten, und kürzte das Budget auf 65 Millionen Dollar.

Travolta seinerseits hatte keinerlei Bedenken, sich Clinton als Vorbild für seine Rolle zu wählen. Er studierte Fernsehaufzeichnungen des Präsidenten, legte sich einen Südstaaten-Akzent, eine identische Frisur und zwanzig zusätzliche Pfunde zu. Das Gekicher in amerikanischen Kinos läßt keinen Zweifel zu, daß jeder weiß, wer gemeint ist, wenn Travolta alias Stanton alias Clinton alles vernascht, was ihm in die Arme läuft.

Der Film, der bei uns unter dem Titel Mit aller Macht im September ins Kino kommt, beginnt mit Betrachtungen über die Kunst des Händeschüttelns, und der Erzähler preist Stanton als einsamen Meister dieser Art von Volksnähe. Auf diese Betrachtungen folgt eine Farce, bei der Kandidat Stanton gleichzeitig als begnadeter Stimmenfänger und gnadenloser Casanova gezeigt wird. Als Stantons Frau Susan, die von der Engländerin Emma Thompson klar an Hillary angelehnt wurde, auftaucht, wird es allerdings wieder ernst, und so geht es auch weiter: Immer wieder werden die Dinge auf die leichte Schulter genommen, aber am Ende soll man dem Film abnehmen, daß er es blutig ernst meint.

Zwischen Idealismus und Desillusionierung, Patriotismus und Satire, kann sich Nichols einfach nicht entscheiden, was sein Anliegen ist. Für jemanden, der anderthalb Millionen aus der eigenen Tasche für das Buch gezahlt hat, ist das eher erstaunlich. Dabei ist die Tatsache, daß die Affären Levinsky und Willey den ohnehin wirklichkeitsnahen Helden mittlerweile bis zur Kenntlichkeit entstellt haben, das geringste Problem.

Auch ohne Beeinflußung durch die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit wäre die Verfilmung von Primary Colors ein durch und durch verkorkstes Projekt gewesen. Weniger, weil sich Nichols nicht auf eine Perspektive, sondern weil er sich auf keinen Tonfall festlegen will. Was anderswo die Geschichte befeuern würde, läßt sie hier in ihre Bestandteile zerfallen. Und da hilft es auch wenig, daß fast jeder Schauspieler auf ein Vorbild verweist: Kathy Bates auf Clinton-Beraterin Betsey Wright, Adrian Lester auf Wahlkampf-Manager George Stephanopoulos, Billy Bob Thornton auf den Wahlkampf-Strategen James Carville, Maura Tierney auf Medien- Spezialistin Mandy Grunwald, Robert Klein auf den Helfer David Garth, Caroline Aaron auf Hillarys Freundin Susan Thomases – allein für Stantons Konkurrenten, gespielt von Larry Hagman, gibt es kein echtes Vorbild. So ist der Film letztlich doch nur ein mäßiges Who is who.

Normalerweise kann sich ein Studio nichts besseres wünschen, als daß die Wirklichkeit einem Film unter die Arme greift. In diesem speziellen Fall ist es mehr als zweifelhaft, ob Universal über die Affären des realen Präsidenten sonderlich glücklich war.

Die New York Times zitierte einen Konkurrenten, der sagte, wenn das sein Film wäre, würde er sich auf der Stelle erhängen. Universal tut hingegen fürs erste so, als würden sie sich über die unerwartete zusätzliche Aufmerksamkeit freuen. Am ersten Wochenende spielte PRIMARY COLORS zwölf Millionen Dollar ein – richtige Schlüsse läßt erst die zweite Woche zu.

Die Fachzeitschrift Entertainment Weekly fragte allerdings nicht ganz zu Unrecht, ob es besonders geschickt sei, für den Film zu werben, indem man die Realität leugnet und ihn als neuestes Werk des „Regisseurs von THE BIRDCAGE” anpreist. Bei WAG THE DOG war man da nicht so zimperlich und nutzte die Parallelität der Ereignisse. Der Film hatte nur 15 Millionen gekostet und spielte daraufhin 40 Millionen ein. Bei PRIMARY COLORS müßte es schon etwas mehr sein.

Nichols schwört unterdessen, es gehe in seinem Film nicht um Clinton, sondern um Präsidenten an sich, darum, wie die Wähler mit ihnen umgehen: „Heute sind die Antworten wichtiger als Fragen. Und am besten fährt man, wenn man so allgemein wie möglich antwortet, um ja niemanden vor den Kopf zu stoßen. ” In seinem Film hat man allerdings den Eindruck, er predige genau diese Haltung. Der Zweck heiligt die Mittel, so lange man nur das Beste fürs eigene Land will.

Das Ende läßt keine andere Lesart zu: Eine enge Freudin und Wahlkampfhelferin Stantons begeht Selbstmord aus Enttäuschung darüber, daß den Stantons jedes Mittel recht ist. Und der Erzähler, der sich daraufhin von den Stantons abwenden will, wird vom Kandidaten nochmal umgestimmt. Letztlich ist die Botschaft des Films von der Realität nicht zu unterscheiden: Tugend ist langweilig, Charisma ist alles.

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