12. Februar 1998 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Filme mit Überlänge

Hollywood-Trend

Neunzig Minuten - und kein Ende in Sicht

Früher dauerten Filme anderthalb Stunden – heute sind viele Produktionen doppelt so lang

Früher dauerte ein Film 90 Minuten – und das war auch gut so. Und wenn sie länger waren, dann bekamen sie dafür entweder Oscars oder schlechte Kritiken. Mittlerweile dauert jede Produktion aus Hollywood, die etwas auf sich hält, mehr als zwei Stunden. Und weil manche noch mehr auf sich halten, dauern sie mehr als drei Stunden. TITANIC liegt nicht nur in dieser Rechnung momentan mit 194 Minuten an der Spitze. Ihr folgt Kevin Costners PSTMANmit 170 Minuten, der in dieser Woche anläuft. An dritter Stelle liegt Clint Eastwoods neuer Film, mit 145 Minuten nur unwesentlich länger, als man braucht, seinen Titel auszusprechen: MIDNIGHT IN THE GARDEN OF GOOD AND EVIL.

Auf den Plätzen folgen unter den Produktionen, die dieser Tage ins Kino kommen, Steven Spielbergs AMISTAD mit 154 Minuten, BOOGIE NIGHTS (152), Quentin Tarantinos JACKIE BROWN (150), IM AUFTRAG DES TEUFELS (143), LOLITA (137), Francis Coppolas DER REGENMACHER (133), BESSER GEHT`S NICHT (132), SIEBEN JAHRE IN TIBET (131), STARSHIP TROOPERS (129), Martin Scorseses KUNDUN (128) und Oliver Stones U-TURN(125). Das ist eben Hollywood: Mehr Kino fürs Geld.

Unglücklich sind vor allem die Kinobesitzer. Denn sobald ein Film über zweieinviertel Stunden dauert, verlieren sie eine Vorstellung pro Tag. Und diesen Verlust können sie auch nicht durch Anhebung der Preise wegen Überlänge auffangen. Das ist traurig, juckt aber die Studios umso weniger, als sie durch den Einsatz in noch mehr Kinos noch mehr Kasse machen.

In Amerika wurde mal die Rechnung aufgestellt, daß man gerade ein erwachsenes Publikum nur dann ins Kino bringen könne, wenn die Filmunterhaltung auch wirklich abendfüllend ist. Schließlich müßten die Leute so viel für Kinokarte, Babysitter und Parkgebühren zahlen, daß sie mit den traditionellen 90 Minuten kaum auf ihre Kosten kämen.

Was heute die Regel ist, war früher die Ausnahme. Da gibt es allerdings einige, bei denen den Zuschauern im Zweifelsfall Hören und Sehen vergangen ist. Den absoluten Rekord hält THE CURE FOR INSOMNIA von John Henry Timmmis IV, der am 31. Januar 1987 in Chicago gezeigt worden ist: 85 Stunden dauert das Opus, in dem unter anderem der Dichter L. D. Groban ein 4080seitiges Gedicht vorliest. Es gibt auch, heißt es, eine achtzigstündige Fassung, in der die allzu erotischen Szenen fehlen. Der Titel bedeutet übrigens: Das Mittel gegen Schlaflosigkeit.

Auf weiteren Plätzen folgen MONDO TEETH (USA, 1970), der 50 Stunden dauerte, und aus demselben Jahr der zwei Stunden kürzere englische Film mit dem hübschen Titel THE LONGEST MOST MEANINGLESS MOVIE IN THE WORLD, der nach seiner Premiere auf anderthalb Stunden gekürzt wurde. Aber das war natürlich dann nur das halbe Vergnügen.

Die deutschen Regisseure liegen übrigens nicht schlecht im Rennen: Fassbinders BERLIN ALEXANDERPLATZ und Reitz’ HEIMAT-Epen schaffen es locker unter die ersten zehn und lassen Andy Warhols EMPIRE, in dem man acht Stunden lang dem Empire State Building zusehen kann, locker hinter sich.

Der längste Film, der auch wirklich ins Kino kam, ist immer noch CLEOPATRA, der vier Stunden drei Minuten dauerte – es folgen Bob Dylans RENALDO UND CLARA (235 Minuten), der Zirkusfilm THE GREATEST STORY EVER TOLD (225) und VOM WINDE VERWEHT (220).

Verglichen mit solchen Monsterfilmen sind die heutigen Filme die reinsten Kurzfilme.

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