07. August 1996 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Kino-Marketing

Promotion: Possible

Die Stars und die Medien oder Wer wirbt mit wem?

Die Wahrheit über Stars sieht so aus: Sie sprechen nicht nur ungern über ihre Zeugungsfähigkeit, sie reden eigentlich überhaupt nicht gern. Denn Reden ist Arbeit. Besonders dann, wenn man mehrere Tage lang zahllosen Journalisten auf mehr oder minder austauschbare Fragen mehr oder minder interessante Antworten geben muß. Wenn Stars trotzdem reden, dann in den seltensten Fällen, weil es ihnen am Herzen liegt, sondern weil sie vertraglich dazu verpflichtet sind. Wieviele Interviews ein Star gibt, wie lange die dauern, und ob sich der Star dafür außer Landes begeben muß, das wird bei den großen Stars schon vor Drehbeginn im Vertrag festgeschrieben.

Die Rechnung ist einfach: Wenn ein Star zu seinem neuesten Film ein Interview gibt, dann erscheinen in einer Zeitung ein paar Spalten, in einer Zeitschrift ein paar Seiten. Wenn der Verleih, der den Film unter die Leute bringen will, Anzeigen in gleicher Größe kaufen wollte, würde das zum einen ziemlich teuer und zum anderen wohl kaum so aufmerksam gelesen. Verglichen damit fallen die Spesen für den Star (oder die Journalisten) kaum ins Gewicht. Das ist die eine Seite des Deals, bei der noch völlig klar ist, wer von wem etwas will.

Die Rechnung wird nicht dadurch komplizierter, daß die Medien wiederum ein Interesse daran haben, möglichst aufregende Interviews mit möglichst großen Stars ihren Lesern zu bieten. In einer idealen Welt würde also Tom Cruise mit allen Publikationen, die Interesse haben – also ziemlich allen -, über nichts anderes als seine Zeugungsfähigkeit reden. Aus gewissen Gründen tut er das jedoch nicht.

Irgendwie ist die delikate Balance in diesen Deals auf Gegenseitigkeit aus dem Gleichgewicht geraten. Und plötzlich wurde aus der einfachen Rechnung ein Spiel um Ehrgeiz und Macht. Wahrscheinlich hat eine der beiden Seiten herausgefunden, daß sie am längeren Hebel sitzt. Daß es zwar schön ist, wenn ihre Interviews abgedruckt werden, aber noch schöner, wenn man bestimmen kann, wann und wo und wie. Irgendwann im Laufe der achtziger Jahre, als immer weniger Filme immer größere Summen einspielten und nur noch große Stars schnelle Erfolge garantierten, irgendwann im Laufe dieser Verwandlung von Filmen in Markenartikel hat Hollywood herausgefunden, daß sich das Interesse der Medien beeinflussen läßt.

Das läßt sich ganz leicht über Angebot und Nachfrage steuern: Je dringender jemand ein Interview mit einem Star haben möchte, desto eher ist er bereit, Zugeständnisse zu machen. Und je größer der Star, desto leichter läßt sich fordern, daß er auch auf dem Cover abgebildet ist. In Amerika, heißt es, sei es gang und gebe, daß vorher vertraglich festgehalten wird, wo und in welcher Länge Interviews abgedruckt werden, und wieviele Photos den Artikel an welcher Stelle begleiten. Von dort ist es zur Forderung nach bestimmten Autoren nicht mehr weit.

Bestimmte Fragen werden mitunter ohnehin unterbunden. Jodie Foster etwa äußert sich nur ungern zu John Hinckley und dem Attentat auf Reagan, und Tom Cruise redet lieber nicht über Scientology. Das wird vor den Interviews mündlich abgesteckt, mitunter auch schriftlich festgehalten. Das heißt nicht, daß man heikle Fragen nicht stellen könnte. Man riskiert nur, daß der Star sofort das Gespräch beendet oder zukünftige Interviewwünsche weniger zuvorkommend behandelt werden.

Für die meisten Journalisten sieht die Realität so aus: Man sitzt zu sechst um einen Tisch und darf gemeinsam eine Viertelstunde lang Fragen stellen. Auf großen Festivals ist das die Regel. Ansonsten gilt: Je wichtiger der Auftraggeber desto weniger Beisitzer und desto mehr Gesprächszeit. Gute Fragen stellen ist eine Sache, gute Antworten erhalten eine andere. Der härtere Job ist zweifellos der des Stars, der ungezählte Male die gleichen Fragen beantworten muß, stunden- und tagelang.

Aber alle spielen das Spiel mit: Die Medien reagieren mittlerweile auf die Situation, indem sie nach Möglichkeit selbst Forderungen stellen. Nach dem Motto: Wenn jemand schon nichts zu sagen hat, dann wollen wir das wenigstens exklusiv haben. So geben sie dem Druck einerseits nach, wiegen sich aber andererseits in der Illusion, sie behielten das Heft in der Hand . Das ist nicht immer so, aber immer öfter.

Sechzig Millionen Dollar Schadenersatz verlangt Tom Cruise von der Bunten, weil sie seine Zeugungsfähigkeit in Zweifel gezogen habe. Jetzt fordert er weitere zwanzig Millionen, weil das Magazin ihn ‚unrechtmäßig zur Werbung einsetzte‘. Genau. Zufällig läuft morgen sein neuer Film MISSION: IMPOSSIBLE in unseren Kinos an.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


vier × fünf =