11. Februar 1998 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Deutscher Film

„Nicht zu fassen, daß hier keine besseren Filme entstehen”

Die Ausgeblendeten

Wieso Veteranen des Neuen Deutschen Films so melancholisch auf all die Komödien blicken

Berlin, im Februar – Gina Lollobrigida kochte. Die Jury-Präsidentin mußte den Goldenen Bären, den Hauptpreis der Berliner Filmfestspiele, einem Regisseur überreichen, dessen Film gegen ihre Überzeugung ausgezeichnet wurde. Bei der Preisverleihung an Stammheim von Reinhard Hauff brach sie die Schweigepflicht der Jury und sagte: „I was against this film. ” Und damit das auch ankam, bestand sie darauf, daß der Satz ins Deutsche übersetzt werde. Sie war also gegen diesen Film, aber den Goldenen Bären hat er dennoch gewonnen. Das war vor zwölf Jahren.

Als der damalige und jetzige Festivalchef Moritz de Hadeln letzte Woche das Programm der diesjährigen Berlinale vorstellte, bedauerte er, daß nicht mehr deutsche Produktionen im Wettbewerb vertreten seien. DER CAMPUS und COMEDIAN HARMONISTS seien zu früh, andere Filme zu spät fertig geworden. Und Schlöndorff habe über seinen neuen, in Amerika entstandenen Film PALMETTO gesagt, er sei für so einen Wettbewerb nicht geeignet. De Hadeln hätte also gerne mehr deutsche Filme gezeigt, aber dennoch hat es nur für einen gelangt: DER MAMBOSPIELER von Michael Gwisdek.

Der deutsche Film boomt, hat Zuschauerzahlen wie schon lange nicht mehr – 18 Prozent Marktanteil im letzten Jahr –, aber jenseits der Grenzen hält man ihn immer noch für tot. Was den Zuschauern hier gefällt, läßt sich ins Ausland kaum verkaufen. Und wenn es doch passiert, nimmt keiner Notiz davon. Auf den großen Festivals in Cannes oder Venedig spielt der deutsche Film schon lange keine Rolle mehr. Und wenn doch ein Film in den Wettbewerb aufgenommen wird, dann allenfalls von eben jenen Regisseuren, die einst dem Neuen Deutschen Film Weltgeltung verschafft haben. Aber das ist lange her. Ein Hoffnungszeichen immerhin gibt es, denn gerade ist Caroline Links Film JENSEITS DER STILLE für den Oscar nominiert worden.

Kunst und gute Absichten

Schon als Stammheim vor zwölf Jahren den Goldenen Bären gewann, lag das, was man den Neuen Deutschen Film nannte, in den letzten Zügen. Wenn sich Zuschauer für deutsche Produktionen interessierten, dann bestenfalls für die Filme von Fernsehkomikern. Erfolge wie DAS BOOT, MäÄNNER, OUT OF ROSENHEIM, DIE FLAMBIERTE FRAU oder DIE KATZEwaren Ausnahmen, die sich aufs Jahrzehnt verteilten. Wenn man wissen will, was passiert war, muß man vielleicht jenen Mann fragen, der den letzten Goldenen Bären gewonnen hat.

Reinhard Hauff, Jahrgang ’39, ist ein großer Mann mit erstaunlich sanfter Stimme. Er ist Leiter der DFFB, der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, und hat seit sechs Jahren keinen Film mehr gedreht. Und so wie Hauff klingt, hat er in naher Zukunft auch nicht vor, daran etwas zu ändern: „Nach so langer Zeit müßte ich eigentlich wieder wissen, was für Filme ich machen will, aber das Ego wird im Alter nicht stärker und die Zweifel nicht geringer. ” Wenn also jemand darüber Auskunft geben kann, was seine Generation zum Verstummen gebracht hat, dann er.

Was er erzählt, zeugt von einem bemerkenswert klaren Blick fürs eigene Schaffen: „Ich war so ein moralischer Linker, der nicht durch cineastische Sonderwerke aufgefallen ist, sondern durch ein paar gute Absichten, und da ich über diese Themen nicht mehr so sicher verfügte wie zu einer gewissen Zeit, als es noch klare Frontstellungen gab, sind mir die Geschichten weggerutscht. Danach habe ich mich bemüht, handwerklich über die Runden zu kommen – aber ich war nicht einer der großen Filmkünstler. Die haben es noch eine Weile probiert, konnten aber auch mit nichts Neuem auftrumpfen. ” Man braucht nicht glauben, daß in diesen Worten Koketterie steckt – eher eine große Melancholie.

Peter Lilienthal, Jahrgang ’29, gehört sicher zu jenen, die wie Hauff eher „inhaltlich motiviert” waren. 1939 ist seine Familie nach Uruguay emigriert, wo seine Mutter ein Hotel führte. Dieses Leben unter Emigranten hat ihn geprägt – und seine Rolle als Außenseiter im deutschen Film bestimmt. In den Sechzigern hat er beim Fernsehen angefangen und dort auch bis heute immer wieder gearbeitet. Aber dazwischen gab es eine Karriere im Kino, von der in seiner Wohnung in München-Solln ein Plakat zeugt: Es herrscht Ruhe im Land, ein Film mit Charles Vanel. Später hat er mit Antonio Skarmeta gearbeitet, ehe der durch Il postino weltberühmt wurde, und mit Joe Pesci, bevor der seinen Oscar gewonnen hat. Aber in den letzten zehn Jahren war kein Film von ihm im Kino.

Der freundliche Herr Lilienthal sagt, er gehöre nicht zu jenen Cineasten, die melancholisch werden, wenn sie nicht jedes Jahr einen Film machen; und er ist sogar so freundlich, seine momentane Lage nicht den Umständen, sondern sich selbst in die Schuhe zu schieben. Er sei eben etwas komplexer, was die Auswahl der Schauplätze und Themen angeht. Dennoch hat er jetzt ein Drehbuch geschrieben, das er als Komödie bezeichnet. Er habe sich immer von seiner „leicht melancholischen Seite” entfernen und von der Schwere befreien wollen. Ob er genügend Talent habe, eine gute Komödie zu schreiben, wisse er nicht, aber zumindest habe er sich da hinbewegt. Daß die deutschen Produzenten zur Zeit Komödien bevorzugen, ist wohl kein Zufall.

Auch Lilienthal macht sich keine Illusionen, daß Leute, „die schöne Stoffe schreiben, schöne Gedanken haben, Literatur und Lyrik lesen und sich für afrikanischen Film interessieren”, nicht einmal mehr ins Vorzimmer derer gelangen, die Filme finanzieren. Die schönen Gedanken sind jedoch seine Welt. Es könnte ja sein, denkt man, daß sich das Publikum irgendwann einfach nach derberen Vergnügungen sehnte. Und Peter Lilienthal ist freundlich genug, das zuzugeben. Aber sonst wird man kein böses Wort von ihm hören, auch wenn ihm die „Grobheit des Umgangs” in den neuen deutschen Komödien stört: „Immer endet es mit Türen, die zugeknallt werden – dabei geht es um Liebe. ”

Vielleicht läßt sich ja der langsame Untergang von Lilienthals Welt mit seinen eigenen Worten fassen: Er könne einfach nicht im Drehbuch „als Hilfsmittel auf jeder Seite drei Schüsse und zweimal das Wort Scheiße” unterbringen. Genau das ist es aber, was die Leute im Kino gerne sehen. Auch wenn „Scheiße” nur ungenügend umschreibt, was man andernfalls Realitätshaltigkeit oder Wiedererkennungseffekt nennen müßte.

Robert van Ackeren, Jahrgang ’46, hat sich erst als Kameramann einen Namen gemacht, dann als Regisseur, und schließlich mit Die flambierte Frau einen richtig großen Erfolg gehabt, der bewies, daß sich Kunst und Kommerz nicht ausschließen müssen. Aber auch Van Ackeren hat in den letzten zehn Jahren nur einen Film ins Kino gebracht, der jedoch durchfiel: Die wahre Geschichte von Männern und Frauen. Er stehe, sagt er in seinem Büro am Kurfürstendamm, „mit beiden Beinen in der Branche drin”: „Ich habe keine Schwierigkeiten, Filme zu machen, und wüßte auch nicht wieso. ” Tatsächlich redet er davon, daß im Herbst ein neuer Film, Adult Movie, ins Kino komme und ein weiterer, Plan B, in Arbeit sei. Ein Verleih sei selbstverständlich vorhanden, auch ein Sender sei eingebunden, er sei aber gehalten, nicht vorzugreifen. Man darf also auf den Herbst gespannt sein. Das ändert aber nichts daran, daß auch Van Ackeren im Schatten steht, während sich das deutsche Kino im Glanz seiner Erfolge sonnt.

Zu viel Mogelei?

Etwas ist zu Ende – etwas anderes hat begonnen. Es herrscht, bei allem, was die drei Regisseure unterscheidet, eine gewisse Ratlosigkeit, was die jungen Leute eigentlich vom Kino wollen. Van Ackeren sieht den Unterschied zu den Anfängen des einstigen Neuen Deutschen Films darin, „daß die neuen Filme wenig von der Jugend und Innovationsfreude und allem, was man sich von einer jüngeren Generation wünschen würde, transportieren”.

Peter Lilienthal wiederum hat an der DFFB unterrichtet und von den Arbeiten der Jungen den Eindruck gehabt, „alles spielt bei zugezogenen Fenstern in dunklen Räumen. Man sieht keine Straße, keine anderen Länder. Aber nach den Gründen fragen zu wollen, ist so, wie wenn man einem Kranken sagt: ,Warum sind Sie krank und nicht gesund?‘”
Und Reinhard Hauff, der mit den Studenten täglich zu tun hat, sieht auch nur wenig Positives: „Es ist nicht zu fassen, warum hier keine besseren Filme entstehen. Wir sind nicht ärmer und nicht döfer. Aber wir gucken zu ungenau in die Welt, mogeln uns mit zuviel Ungefährem durch, haben keine Streitkultur, erzählen immer nur von halben Konflikten. Für dramatische Geschichten, in denen auch die Abgründe des Lebens Spaß machen, ist in dieser bequemen Gesellschaft anscheinend kein Platz. Und so mogeln sich viele einfach durch. Und man wird sie leider nicht hart genug kritisieren – das ist ein Vorwurf mir und meiner Generation gegenüber. ”

Jammern will trotzdem keiner – und das letzte, was die drei möchten, wäre, resigniert zu klingen. Tun sie auch nicht. Nur ein wenig melancholisch. Zu Recht. Und vielleicht ist ja auch die Erklärung für das, was passiert ist, so einfach, wie sie Reinhard Hauff darstellt: „Wir haben zwanzig Jahre lang den deutschen Film bestimmt. Besser ging’s nicht – das war das Maximum. Mein Produzent Eberhard Junckersdorf sagt: ,Was jammert ihr? Ihr hattet wirklich alle Chancen. Ihr hättet bessere Filme machen, mehr Publikum haben, reicher werden können. Das hättet ihr alles haben können. Und nach zwanzig Jahren kommen wieder andere Leute. ‘ Das ist biologisch eine ganz normale Entwicklung. Für mich ist das nicht die ganz große Tragik. ” „ICH WAR so ein moralischer Linker”: Der Regisseur Reinhard Hauff leitet heute die Berliner Filmakademie.

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