24. Februar 1996 | Süddeutsche Zeitung | Essay | Cinéma français

Gesichter des Glücks

Das französische Kino und die Erziehung des Herzens

Wenn das Glück eine Heimat hat bei solchen Festivals, dann ist das meistens im französischen Kino. Inmitten des Trubels und Wirbels von Bildern und Geschichten findet man in diesen Filmen einen eigenen Rhythmus und Tonfall, der so tröstlich sein kann wie ein vertrautes Gesicht in einer Menge von Unbekannten. Es ist nicht so, daß man nicht auch anderswo Spaß haben und Entdeckungen machen könnte, aber seit der Nouvelle Vague ist das französische Kino für Kinogeher eine Art Erziehungsanstalt des Herzens, wo die meisten Cineasten ihre Lehrjahre des Gefühls zubringen. In Hollywood macht man Urlaub vom Ich, im Cinéma français findet man zu sich.

Das Glück also ist dieses Mal ein Mädchen, das endlich einen Mann kennengelernt hat und nun zur Musik von Portishead ihren Gefühlen buchstäblich freien Lauf läßt (CHACUN CHERCHE SON CHAT). Oder ein anderes Mädchen, das im Roomservice arbeitet und sich in einem der Hotelzimmer einen kurzen Moment lang hinlegt und die Augen schließt (LA FILLE SEULE). Oder die Mutter, die den Freund ihrer Tochter mit den erotischen Phantasien konfrontiert, die er seinem Tagebuch anvertraut hat, und ihm zu verstehen gibt, daß sie nicht abgeneigt ist (LE JOUNAL DU SÉDUCTEUR). Oder die Nutte, die vom Barhocker in einer Passage aus wie eine Spinne ihr feines Netz für die Männer auswirft (MON HOMME).

Das Glück hat im französischen Film ein Gesicht, und es ist nicht nur in diesen Fällen weiblich. Binoche, Bonnaire und Delpy haben noch kaum den Gipfel ihres Ruhms erreicht, da gibt es im französischen Kino schon wieder eine neue Generation von aufregenden Gesichtern: Virginie Ledoyen, Anouk Grinberg, Garance Clavel oder die Italienerinnen Valéria Bruni-Tedeschi und Chiara Mastroianni. Sie sind noch jung und haben oft schon eine Filmographie, die sich sehen lassen kann: Gesichter, die Geschichten herausfordern, und Geschichten, die mit diesen Gesichtern rechnen können. Mit hübschen Frauen hübsche Dinge machen, das war in Frankreich immer mehr als nur eine Anzüglichkeit. Das ist stets eine Herausforderung, dem Geheimnis der Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern nachzuspüren.

Bertrand Blier hat in MON HOMME eine Geschichte erzählt, die allen Feministinnen Tränen in die Augen treiben muß. Anouk Grinberg, herausfordernd schön wie die junge Françoise Fabian, spielt eine Nutte, die ihrem Beruf aus Leidenschaft nachgeht, sich in einen Penner (Gérard Lanvin) verliebt und ihn zum Zuhälter macht. Im weißen Anzug fängt er bald an, sich in seiner Rolle wohl zu fühlen und ihr zu entsprechen. Eine zweite Frau tritt in sein Leben, er wird wegen Zuhälterei verhaftet, kommt ins Gefängnis, und die Rivalinnen suchen sich einen neuen Mann, mit dem sie Kinder haben wollen.

So rein können die Gefühle gar nicht sein, daß sie nicht durch das, was man Leben nennt, korrumpiert werden könnten. Das Augenzwinkern, mit dem Blier seine hinreißend skandalöse Geschichte erzählt, hindert die Gefühle nicht, die volle Breite des Cinemascope-Formates auszufüllen. Und am Ende heißt es mit all dem Ernst, zu dem ein Melodram fähig ist: ‚Pardon, les femmes.‘

Erbarmen mit den Frauen hat Danièle Dubroux nicht; ihr Film heißt schließlich auch TAGEBUCH DES VERFÜHRERS. Lose an Kierkegards gleichnamiges Buch angelehnt, werden ein paar Geschichten verknüpft, die den verschiedenen Stationen der Liebe bis in Obsession und Tod folgen. Immer wieder kann man zusehen, wie die Gefühle an den Punkt kommen, den Kierkegard die Kristallisation genannt hat. Und am allerwenigsten ist davor jener gefeit, der die Analyse zum Beruf gemacht hat: Der Psychoanalytiker verliert dabei gar sein Gedächtnis.

Um Erinnern und Bewahren geht es in Cédric Klapischs CHACUN CHERCHE SON CHAT, in dem ein Mädchen (Garance Clavel) seiner entlaufenen Katze nachspürt und dabei ihrer eigenen Verlorenheit begegnet. Die ganzen alten Damen der Nachbarschaft beteiligen sich an der Suche, und dabei lernt man vor allem das 11ième Quartier von Paris kennen, rund um den Place de la république. Wie ein Dorf kommt einem das Viertel vor, aber jede Beschaulichkeit verbietet sich, weil überall die Abrißbirnen am Werk sind. Am Ende stellt sich heraus, daß die Katze nicht weit weg war, und auch die Liebe nur einen Katzensprung entfernt lebte.

Es gibt auch Filme wie LES MENTEURS von Elie Chouraqui oder DES NOUVELLES DU BON DIEU von Didier Le Pëcheur, die auf ziemlich amüsante Weise das Erzählen selbst reflektieren, in dem sie die fiktiven Figuren gegen ihre Schöpfer antreten lassen, aber damit folgen die Franzosen eher einem allgemeinen Trend im Weltkino, immer kompliziertere Spiele mit der Illusion zu treiben.

Ganz auf die alten Tugenden von Rohmer oder Rivette besinnt sich jedoch Benoït Jacquot in seinem wunderbaren Film LA FILLE SEULE. Ein Mädchen (Virginie Ledoyen) trifft ihren Freund im Café und erzählt ihm, daß sie schwanger ist. Kurz darauf muß sie ins Hotel, wo sie als Roomservice anfängt. Das Pärchen macht jedoch aus, sich in einer Stunde im Café wiederzutreffen, um dann über die Zukunft zu reden. Von dieser Stunde erzählt der Film fast in Realzeit. Etwas Spannenderes hat es auf diesem Festival kaum gegeben als diese Stunde, in der man dem Leben sozusagen bei der Arbeit zusieht. Das Hotelleben hinter den Kulissen wird lebendig und keine Sekunde langweilig: Personalchefs, Kollegen, Gäste, die langen Hotelflure, das Anklopfen vor dem Eintreten, das Zubereiten des Frühstücks. Die Kamera immer nahe dran, ohne je dokumentarisch zu wirken. Jeder Schnitt ein Abenteuer, jede Fahrt ein Vergnügen.

Nach einer Stunde treffen sich die beiden wieder, und es wird klar, daß es keine gemeinsame Zukunft gibt. Und wenn dann Virginie Ledoyen, diese hochmütige Sphinx, ins Hotel zurückläuft, setzt plötzlich Musik von Ravel ein, und es treibt einem beinahe die Tränen in die Augen. Das ist einer dieser Momente, die wie das Leben selbst wirken, und die es doch nur im Kino geben kann. Vor allem im französischen Kino.

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