14. September 1998 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Venedig | Venedig 1998 (1)

55. Mostra in Venedig

Die Träume der heiligen Ursula

Von Engeln, Ohrfeigen und Spieltischen: Geschichten, die das Leben am Lido erzählt

Auch wenn der Lido eine eigene Welt ist und Venedig nur jenseits der Lagune leuchtet, so ist die Stadt doch stets präsent und prägt irgendwie den Blick auf die Mostra und ihre Filme. Und sei es nur, weil der großzügig gestaltete Stundenplan des Festivals viel Zeit läßt, Venedigs Gassen und Plätze, Kirchen und Museen zu erkunden. Unwillkürlich kommt es zum Wechselspiel zwischen den schnell vorbeifließenden Bildern auf den Leinwänden am Lido und der unbewegten Malerei in den Museen der Stadt. So wartet man im Kino darauf, die Szenen möchten zu jenen strengen Kompositionen gefrieren, in denen die Malerei des 15. Jahrhunderts erstrahlt, und umgekehrt glaubt man, im nächsten Moment würden sich die Bilder im Museum in Gang setzen und ihre Geschichten nach Art des Kinos erzählen. Sie tun es ja auch, wenn man die Augen nur weit genug aufsperrt.

So hängt in der Accademia ein Gemälde des Venezianers Vittore Carpaccio, der vor einem halben Jahrtausend eine Welt entworfen hat, in der die Szenen jenseits ihrer religiösen Bedeutung ein seltsam vertrautes Eigenleben entfalten. „Der Traum der heiligen Ursula” mag in Wirklichkeit die Vorahnung des Todes beschreiben, der die Träumerin später in Köln durch die Hand der Barbaren ereilen wird – uns erscheint das Bild durchs Festivalfieber angeheizt eher wie eine Vorahnung des Kinos. Die Art, wie die Traumfigur des Engels dieselbe Präsenz besitzt wie die Wirklichkeit selbst, die hier in der minutiösen Darstellung des Zimmers zutage tritt, das ähnelt durchaus der Situation im Kino, wo die Bilder auch ins Leben des Zuschauers treten und ihm eine beinahe greifbare Realität vorspiegeln.

Der kleine Hund zu Füßen des Bettes, das abgestellte Paar Pantoffeln, das aufgeschlagene Buch, das Stundenglas auf dem Tischchen, das aufgeklappte Schränkchen, all diese Dinge wiegen nicht schwerer als der Engel, der vors Bett tritt, das durch seinen Baldachin ohnehin einen Raum im Raum bildet. Dazu wirkt diese traumhafte Klarheit der Szenerie wie von Scheinwerfern erhellt, deren Licht das Zimmer in eine Studiokulisse verwandelt. Ein schöneres Bild über den Bezug von Welt und Traum gibt es nicht, und fortan werden wir uns im Kino fühlen wie die heilige Ursula: Die Filme treten wie Engel in unsere Welt, während wir zu träumen glauben.

Aus dem Traum in die Wirklichkeit, aus dem 15. Jahrhundert in eine Trattoria am Lido, wo zu Ehren eines Regisseur und seines Stars ein Abendessen veranstaltet wird. Auch wenn die Diskretion gebietet, die Namen der Beteiligten zu verschweigen, ist der Vorfall doch bezeichnend für jene Durchdringung von Welt und Traum, die auf Festivals die Sinne verwirrt. Der Regisseur also ist sauer, weil auf dem Lido nur die zensierte Version seines Films gezeigt wurde; sein Star versucht, ihn zu beruhigen, und sagt, der Film sei jetzt viel besser. Der Regisseur sagt nichts darauf. Dann kommt sein junger Produzent, setzt sich zu ihm, redet mit gedämpfter Lautstärke auf ihn ein – plötzlich schlägt der Regisseur ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Kurzes betretenes Schweigen bei Tisch, ein Assistent springt vorsichtshalber hinzu, dann wenden sich alle wieder ihren Gesprächen zu, als sei nichts passiert. Auch der Star zieht es vor, den Vorfall zu überspielen. Der Produzent wahrt die Fassung und redet weiter auf den Regisseur ein, der jedoch nichts mehr sagt und mit finsterer Miene zuhört.

Ein kurzes Intermezzo von jenseits der Kulissen, das daran erinnert, daß die künstliche Intimität, mit der sich Filmteams auf kurze Zeit zu Familien zusammenschließen, auch familiäre Konflikte birgt. Man sieht daran aber auch, daß die stete Präsenz von Filmemachern und Schauspielern auf solchen Festivals den Blick auf die Filme nicht unbedingt erleichtert, sondern eher zur verwirrenden Vermischung von Produkt und Produktionsbedingungen führt.

Und noch ein Beispiel: Wenn man etwa am Tag nach der Vorführung von Nicole Garcias „Place Vendôme” die leibhaftige Catherine Deneuve bei der Pressekonferenz auf der Bühne sieht, dann sind die Wechselwirkungen zwischen ihrer Anwesenheit hier und ihrem Auftritt dort erstaunlich gering. Bei aller Leuchtkraft ist die echte Deneuve doch nur ein fernes Echo ihrer Erscheinung im Kino. Das liegt nicht daran, daß sie nicht halten würde, was das Filmbild verspricht, sondern eher an der Tatsache, daß es uns das Kino nicht näherbringt, wenn es sich bei Gelegenheiten wie dieser plötzlich materialisiert. Oder nochmal anders: Es würde nichts helfen, wenn der Engel plötzlich zu Ursula ins Bett steigt – das macht ihn auch nicht greifbarer.

So geht das Festival zu Ende, indem es seinerseits schon wieder in den Kinoalltag übergeht: Steve Soderberghs „Out of Sight” und Doris Dörries „Bin ich schön?” kommen nächste Woche bei uns schon ins Kino, „Place Vendôme”, Larry Clarks „Another Day in Paradise” und John Frankenheimers „Ronin” werden folgen. Manches davon lief im Wettbewerb, anderes in Nebenreihen, und im Ende hat man den Eindruck, daß es wirklich keine Rolle mehr spielt. Neben dem Preis für den besten Wettbewerbsfilm könnte man leicht noch einen Preis für den besten Nichtwettbewerbsfilm vergeben – und die beiden stünden einander in nichts nach. Vielleicht ist alles gesagt mit Peter Weirs Äußerung, er habe seine „Truman Show” außer Konkurrenz zeigen wollen, weil andere Kollegen den Preis viel nötiger haben. Sein Platz in Hollywood, wo es das große Geld zu verdienen gibt, ist längst gesichert.

Wenn nun die Löwen vergeben werden, dann steht jedoch einer wieder daneben und wird sich ärgern. Der Bildhauer Antonio Ruffini hat den Lido mit Plakaten zugepflastert, auf denen er sich an die anwesenden Schauspieler richtet, sie sollten wissen, daß der Löwe in Wirklichkeit seine Idee sei. Seit Jahren würde ihm das Festival die öffentliche Anerkennung dieser Tatsache verweigern. Darunter unterzeichnet er krakelig mit „Scultore Antonio Ruffini”. Er wird weiter warten müssen.

Und wieder jemand anderem wird der Ausgang des Festivals ganz egal sein: Die Schauspielerin Sandra Milo, die 1960 für ihre Rolle in „Adua e le compagne” einen Löwen gewann, war auf den Lido gekommen, um die restaurierte Version des Films zu präsentieren. Weil sie vor ihrem Auftritt ziemlich nervös war, ging sie ins Casino, das im ersten Stock über dem Kinosaal liegt, um sich zu beruhigen. Sie spielte dort Karten – und gewann 200 Millionen Lire. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt. Eine Geschichte, wie sie nur das Kino erzählt. Beides ist möglich.

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