11. September 1998 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Venedig | Venedig 1998 (2)

55. Mostra in Venedig

Worauf ist der Teufel scharf?

Geschichte und Geschichten: Neue Filme von Woody Allen und Bryan Singer

Er möchte sich bedanken, schreibt Festivalchef Felice Laudadio in einer Presse-Erklärung, daß manche Filmkritiker seiner Anregung gefolgt sind und über die Reaktionen des zahlenden Publikums berichtet haben.

Italiens Kritikerpapst Tullio Kezich etwa schrieb im Corriere della Sera, die Zuschauer hätten seinen Pessimismus, die Wirksamkeit eines Films betreffend, Lügen gestraft und donnernden Applaus gespendet. Das kommt vor, aber was soll es beweisen?

Daß Kritiker irren? Daß das Publikum immer recht hat? Beides stimmt, aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Damit das Beispiel jedoch Schule mache, lädt Laudadio die Presse ein, gegen Vorlage des Ausweises den letzten Minuten der öffentlichen Vorführungen beizuwohnen, um sich selbst ein Bild machen zu können.

Reizende Idee. Wir werden von ihr allerdings fürs erste nicht Gebrauch machen. Wir fordern dafür die Einführung von Applausometern, welche die Beifallslautstärke messen. Die Phonzahlen werden dann in Klammern den Kritiken hinzugefügt.
Woody Allen wirft in seinem neuen Film „Celebrity” einen etwas realistischeren Blick auf Filmkritiker. Auf einer Party steht ein älterer Herr mit Brille und Glatze neben einer jüngeren Frau. Dies sei der berühmte Filmkritiker Soundso, heißt es, der früher jeden Film gehaßt habe. Seit er mit dem großbusigen jungen Ding verheiratet sei, finde er allerdings alles gut. Das kommt der Wahrheit schon näher, Filmkritiker sind schließlich auch nur Menschen. Man sieht daran jedenfalls, daß Woody Allen, nachdem er zuletzt ganz außer sich war, nun wieder ganz bei sich ist.

„Celebrity”, sagt Allen, sei eine Komödie über das gleichnamige Phänomen, das in Amerika hysterische Ausmaße erreicht habe. Im Grunde geht es also um Warhols Spruch, heutzutage könne jeder für 5 Minuten berühmt sein. Oder darum, wie es wiederum Allen formuliert, daß man es als Fellatrix in unserer Zeit zu weltweitem Ruhm bringen kann. Und von Fellatio handeln wie schon in „Deconstructing Harry” viele – und nicht die schlechtesten – Scherze. Allens Hobby mag das Klarinetten-Spiel sein, aber seine Obsession gilt mittlerweile anderen Blowjobs.

Natürlich sind Allens Altherrenwitze immer noch pointierter als die Beobachtungen manch anderer Filmemacher. In der komischsten Szene kommt zum Beispiel der Produktionsplan einer Talkshow durcheinander und die unterschiedlichsten, für verschiedene Sendungen bestellten Gäste müssen gemeinsam in der Garderobe warten: Fette minderjährige Akrobaten, ein polynesischer Minister, ein Trio vom Ku Klux Klan, ein Mafioso, sowie Skinheads und ein Rabbi, der sich bei ihnen beschwert, sie hätten ihm schon wieder die Bagels weggefressen. Daran sieht man, daß es sich nicht um eine Parodie handelt, sondern um einen ziemlich realistischen Film über schrecklich normale Zustände. Dies ist ein Allen-Film, in dem man den Schauspieler Allen nicht vermißt, weil er sein Alter ego gefunden hat.

Kenneth Branagh spricht wie Allen, stottert wie Allen, hält sich wie Allen für den größten Liebhaber der Welt und kann es nicht fassen, wenn ihn tatsächlich jemand beim Wort nimmt – wie der Superstar Melanie Griffith, das Supermodel Charlize Theron, die Agentin Famke Janssen oder das Jungtalent Winona Ryder. Dabei ist der Held ein gescheiterter Romancier, der als Journalist arbeitet und ein Drehbuch an den Mann bringen will.

Seine hyperneurotische Ex-Frau Judy Davis lernt unterdessen beim Schönheitschirurgen den Fernsehproduzenten Joe Mantegna kennen, der ihr zu einer Karriere beim TV verhilft. Diese beiden Geschichten laufen nebeneinander her, ohne sich wirklich zu ergänzen. Und sie handeln auf die eine oder andere Weise vom Ruhm, ohne dem Thema mehr als nötig abzugewinnen. Dies sind keine „Stardust Memories”, sondern nur noch Erinnerungen an Gags, Figuren und Filme, die Woody Allen schon mal besser in Szene gesetzt hat. Ruhm ist, wenn man trotzdem lacht.

Wo Woody Allen aufhört, da fängt Peter Weir in seiner „Truman Show” erst an, indem er den alltäglichen Wahnsinn des Fernsehens beim Wort nimmt und von dort aufs Leben selbst zurückschließt.

Und wo Steven Spielberg in „Saving Private Ryan” aufhört und den Wahnsinn des Krieges dazu benutzt, seine Generation zu fragen, ob sie die Opfer ihrer Väter in Gutes umgemünzt haben, da setzt Bryan Singer an und fragt, ob sein Land gegen das Böse gefeit ist.

Nachdem er in „Usual Suspects” davon erzählt hat, daß es der beste Trick des Teufels sei, der Welt weiszumachen, daß es ihn nicht gibt, macht er in „The Apt Pupil” mit diesem Spiel scheinbar ernst. Nach der Vorlage von Stephen King erzählt Singer von einem Jungen, der dahinter kommt, daß ein alter Mann in seinem Ort ein gesuchter Nazi ist, der zu den Schlächtern von Auschwitz und Bergen-Belsen zählte. Aber statt ihn auszuliefern, will er von ihm mehr wissen, will Geschichten hören, will begreifen. Neugier und Erkenntnisdrang weichen jedoch schnell der Faszination des Bösen, und in der Art, wie der Junge seine Macht ausspielt, erweist er sich als gelehriger Schüler.

„The Apt Pupil” ist keine Geschichtslektion – dazu setzen Singer und King zu sehr auf das Horror-Genre. Der Ernst erweist sich letztlich auch wieder als böses Spiel mit dem Teufel, das zwischen grellen Effekten und subtilem Grauen schwankt. Der Umgang mit Geschichte ist womöglich noch fahrlässiger als bei Spielberg. Aber das ist vielleicht der beste Trick der amerikanischen Erzähler: Uns weiszumachen, daß Geschichte erzählbar ist.

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