03. September 1996 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Venedig | Venedig 1996 (3)

53. Filmfestspiele in Venedig

Wenn Freiheit allen Zwang vertreibt

Mit Filmen von Jacques Doillon, Neil Jordan und Julian Schnabel kommt endlich Leben auf den Lido

Filmtitel sind natürlich nur Schall und Rauch. Aber was ist das Kino anderes? So streift der Blick durchs Programm und läßt sich manchmal von nichts anderem leiten als dem Klang eines Titels. Auf Festivals wie diesem bleibt einem oft nichts anderes, wenn man den gut zehn Pfund schweren und entsprechend unhandlichen Katalog aus naheliegenden Gründen gerade nicht zur Hand hat. Und man kann sagen, daß das nicht die schlechteste Auswahlmethode ist. Denn wer sich mit dem Titel Mühe gibt, hat offenbar auch sonst ein gutes Händchen.

Hollywood schafft es natürlich stets, Titel hervorzubringen, die alle Welt sofort wie Kaugummi im Mund zerkauen kann. Und so soll es nach dem Willen der Werbestrategen ja auch sein: Wie ein Mantra soll der Titel wiederholt werden, bis man gar nicht anders kann, als ins Kino zu gehen. So läuft es bei Independence Day, den sie zärtlich ID 4 abkürzen und der hier auch schon gelandet ist, in der Spektakelreihe ‚Venezianische Nächte‘. Zur Begrüßung haben die Journalisten Roland Emmerich gleich unter die Nase gerieben, daß sich Dustin Hoffman abfällig über seinen Film geäußert habe, woraufhin der deutsche Regisseur zurückmaulte, Dustin sei selbst ein Außerirdischer. Aber sind wir das im Kino nicht alle? Wenn ein Film Méfie-toi de l’eau qui dort heißt, dann lautet die sprichwörtliche Übersetzung zwar ‚Stille Wasser gründen tief‘, aber wortwörtlich wird das reinste Versprechen daraus: ‚Mißtraue dem Wasser, das schläft.‘ Den Phantasien, die das Bild vom schlafenden Wasser weckt, wird der Film spielend gerecht. Schon zu Anfang folgt die Kamera im Vogelflug hier einem Bachlauf, der die drei lose verknüpften Episoden dann auch tatsächlich bis zum Ende durchzieht. Der Dokumentarfilmer Jacques Deschamps schafft es in seinem ersten Spielfilm, zum steten Plätschern des Wassers drei so verrückte verwunschene Geschichten zu erzählen, daß aus dem Bach am Ende ein Lebenslauf wird.

Dieser Film aus der Nebenreihe ‚Finestra sulle immagini‘ besitzt all die topographische Kühnheit und geheimnisvolle Poesie, die dem Titel auch nach Ansicht des Films seine Schönheit beläßt. Wer hingegen Tom di Cillos Wettbewerbsbeitrag Box of Moonlight gesehen hat, wird hinter dem kunstvollen Titel hinterher nicht mehr halb so viel Anziehungskraft verspüren. Tatsächlich geht es um einen durch und durch korrekten Bauleiter (John Turturro), der vom Weg abkommt und in den Wäldern einem Aussteiger begegnet, der ihm am Ende eine Holzschachtel schenkt, in der er das Mondlicht eingefangen hat. Hier wird also Poesie in großen Lettern durchbuchstabiert, was aber ausgeglichen wird durch das amerikanische Talent, die Dinge dabei in Bewegung zu halten. So wird aus der Geschichte vom Spießer und dem Lebenskünstler am Ende doch ein ziemlich charmanter Film, der einfallsreicher ist als der Titel vermuten läßt.

Bowie als Warhol

Die andere große Schule der Titelgebung ist hier auch reichlich vertreten. Sie beschränkt sich darauf, die Namen des Helden als Signatur zu verwenden. Julian Schnabels Basquiat erzählt vom haitianischen Künstler Jean-Michael Basquiat, Neil Jordans Michael Collins vom gleichnamigen tragischen irischen Bürgerkriegshelden und Jacques Doillons Ponette von einem Mädchen desselben Namens. Die ersten beiden wollen die Geschichte nacherzählen oder umschreiben, der dritte hat seine Geschichten noch vor sich.

Welche Statur Julian Schnabel als Maler hat, mag man daran erkennen, daß zur Premiere seines ersten Spielfilms in Venedig Elton John erschienen ist und sich außerdem David Bowie die Ehre gab, im Film als Andy Warhol aufzutreten. Der Malerfürst Schnabel, der einst den Dandy gegeben hat, jetzt doppelt so viel wiegt und eher wie ein puertoricanischer Türsteher aussieht, folgt seinen Künstlerkollegen Robert Longo (Johnny Mnemonic) und David Salle (Search and Destroy) als Filmregisseur – hat aber seiner Attitüde entsprechend ein besseres Entree. Diese Hommage an seinen Zeitgenossen Basquiat, der es als erster schwarzer Künstler zu Ruhm gebracht hat, ist allerdings auch ein eindrucksvolles Debüt, das sich nicht scheut, Erwartungen zu bedienen, ohne sich von ihnen fesseln zu lassen.

Schon die erste Szene ist eine Wucht. Da geht die Mutter Basquiat mit dem kleinen Jean-Michael einen langen Gang entlang zu einem Saal, in dem Picassos ‚Guernica‘ hängt. Während sie vor dem Bild in Tränen ausbricht, versucht der Kleine zu verstehen, was sie so bewegt. Und als sie ihn wieder ansieht, trägt der Junge eine leuchtende Krone auf dem Kopf. Ob Schnabels Deutung, Basquiat sei Picassos Nachfolger, zutreffend ist oder nicht, die Szene hat doch eine Kraft, die mit einfachsten Mitteln die Aura großer Kunstwerke vermittelt.

Schnabel versucht in der Folge nicht etwa, das Kino neu zu erfinden, sondern präsentiert seinen Film stellensweise eher als Fortsetzung des Videoclips mit anderen Mitteln. Weil er gleichzeitig die achtziger Jahre als Gegenstand musealen Interesses zeigt, ist das eine durchaus legitime Methode. So wird Basquiats Karriere als Maler, Star und Drogenkonsument weniger als success story erzählt, sondern eher als Geschichte einer Entfremdung, in der Schnabel mehrfach auf die Hand, die ihn füttert, spuckt. Der Kunstbetrieb wird damit leben können.

Von Entfremdung erzählt auch Neil Jordan in seinem bemerkenswert rasanten Freiheitskämpferepos Michael Collins, für das er alles versammelt hat, was auf der Insel Rang und Namen hat: Liam Neeson in der Titelrolle, dazu Aidan Quinn, Alan Rickman, Stephen Rea, Charles Dance und als Außenseiterin Julia Roberts. Der Film wurde zur Zeit des Waffenstillstands in Nordirland begonnen, nachdem Jordan zwölf Jahre lang mit diesem Stoff in Hollywood hausieren gegangen ist, und wurde nun von der Geschichte leider wieder eingeholt – nach diesem Film versteht man immerhin besser, wie verwirrend die Spaltung Irlands ist.

Die Nebel von Dublin

Collins war ein Freiheitskämpfer gegen die Briten, der am Ende den besten Absichten zum Trotz von der Geschichte als Verräter der irischen Sache hingestellt wurde. Wie es zu dieser Verkehrung der Tatsachen kommen konnte, erzählt Jordan in Bildern, die seinem Hang zu Schauergeschichten mitunter besser gerecht werden als sein letzter Erfolg Interview mit einem Vampir. Ein steter Nebel scheint dieses Dublin in eine Schattenwelt aus Geheimtreffen, Spitzeln und Zuträgern zu verwandeln. Wegen der gegenwärtigen Lage werden Kontroversen befürchtet, aber Jordan verweigert sich in dieser Geschichte, in der es immerhin um die Gründung der IRA geht, jeder Schwarzmalerei. Er zeigt lieber, daß Gut und Böse keine brauchbaren Kategorien sind, wenn es um die Freiheit des Menschen geht.

Jacques Doillon erzählt in Ponette die Geschichte eines kleinen Mädchens, dessen Mutter gestorben ist. Die ungewöhnlichste Erfahrung dabei ist, daß Doillons fünfjährige Helden genauso altklug daherreden wie sonst seine Erwachsenenfiguren – daß es aber aus ihrem Mund im Grunde natürlicher wirkt. Einmal erklärt ein Mädchen mit all dem Ernst, zu dem Kinder fähig sind, den Unterschied zwischen Katholiken, Juden und Arabern, der darauf hinausläuft, daß sie alle anders, aber doch irgendwie gleich sind.

Was Michael Collins also mit großem Ernst und Aufwand in mehr als zwei Stunden erzählt, wird bei Doillon ganz spielerisch und lapidar in einer Szene erledigt. Aber beide Methoden haben ihre Berechtigung. Und eben das ist das Schöne am Kino.
MICHAEL ALTHEN

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