23. Februar 1995 | Süddeutsche Zeitung | Bericht | Spezialeffekte

Nichts ist unmöglich

Wie bei Industrial Light & Magic an der Zukunft des Kinos gearbeitet wird

Fell und Federn sind ihnen ein Graus. Das kriegen die Tricktechniker bei Industrial Light & Magic immer noch nicht richtig hin. Sie können zwar Menschen fliegen lassen, Tote zum Leben erwecken und Leuten den Hals umdrehen, aber sobald Fell oder Federn ins Spiel kommen, sind sie mit ihrer Weisheit am Ende. Hunderttausende von einzelnen Haaren, die sich alle bewegen, bedeuten für einen Computer Hunderttausende von Rechenoperationen, und damit sind die Rechner einfach noch überfordert. Bei dem Säbelzahntiger in FLINTSTONES ist es bereits versucht worden, aber das Spiel von Licht und Schatten im Fell wirkt immer noch nicht echt. Dinosaurier sind also kein Problem, aber eine einfache Katze übersteigt ihre Möglichkeiten.

Wenn man also mal von Katzen absieht, dann gibt es fast nichts, was diese Leute nicht können. Sie sind im Grunde die wahren Stars der Branche. Bei acht der zwölf erfolgreichsten Filme aller Zeiten war Industrial Light & Magic entscheidend beteiligt. Angefangen hat es 1975 mit dem KRIEG DER STERNE, wofür George Lucas die Firma ins Leben gerufen hat. Die Raumschiffe und Roboter von einst sind spätestens seit JURASSIC PARK so etwas wie die Dinosaurier der Tricktechnik. Was damals mit Puppen und Modellen mühsam nachgebaut werden mußte, das erledigen heute Computer. Das ist nicht unbedingt weniger mühsam, aber ‚realistischer‘ – sofern man bei Dinosauriern und anderen Effekten davon überhaupt reden kann.

Am Dienstag stellte Kim Bromley, Produzentin bei ILM, im Münchner Cinema die Arbeit ihrer Kollegen vor. Da konnte man der Zukunft bei der Arbeit zusehen und feststellen, daß die Bilder im Kino in vielen Fällen nur noch das sind, was man bei Computern Benutzeroberfläche nennt. Sie werden digitalisiert und können dann im Prinzip mit einem Mausklick nach Belieben verändert werden. Je schneller sich Daten verarbeiten lassen, desto leichter wird es. Und irgendwann in nicht so ferner Zukunft wird jeder am Heimcomputer seine eigenen Filme zusammenstellen können.

Wenn man mit Kim Bromley redet, bekommt man jedoch erst einmal den Eindruck, daß die wahren Veränderungen weniger das betreffen, was uns heute noch unmöglich erscheint, als eher jene Bereiche, für die man bislang keine Effekte brauchte. In MANHATTAN MURDER MYSTERY gab es beispielsweise eine Einstellung, in der man unter Woody Allens Hemd das Mikrophonkabel sah. Weil sich die Szene nicht nochmal drehen ließ, bat man ILM, das Kabel verschwinden zu lassen. Das könne, sagt Kim Bromley, die Regisseure in der Tat dazu verführen, in Zukunft schlampiger zu arbeiten. Noch ist der Prozess etwas zu aufwendig, aber man kann sich leicht vorstellen, daß künftig alle Filme an Computerfirmen gegeben werden, um Unreinheiten und Fehler zu beseitigen. Und natürlich wird man sich dann nicht mehr auf Mikrophonkabel beschränken, wenn Computer nachträglich auch Berge versetzen können.
Sollte sich jemand gefragt haben, wie Gary Sinise den beinamputierten Freund von FORREST GUMP spielen konnte, die Antwort ist einfach: Mit Hilfe digitaler Tricktechnik wurden die Unterschenkel wegretuschiert. Wo sie vor einer einfachen weißen Fläche wie einem Bettlaken liegen, ist es für den Computer kein Problem, die Beine in Hunderten von Einzelbildern durch den Hintergrund zu ersetzen.

Auch die Feder, die unter dem Vorspann von FORREST GUMP minutenlang durch die Luft wirbelt, ehe sie vor den Füßen des Helden landet, ist natürlich einkopiert. Und für den Übergang der einkopierten zur echten Feder, die Tom Hanks dann vom Boden aufhebt, benutzt man auch wieder den Computer. Das Zauberwort heißt Morphing. Warum, fragt man sich da, benutzt man dann überhaupt noch echte Objekte? Weil das Leben, sagt Kim Bromley, aus Zufällen besteht – und die können Computer nicht besonders gut simulieren.

ILM hat im Geschäft mit der Zukunft 60 Prozent Marktanteil. Ob DISCLOSURE oder DIE MASKE, die Firma hat überall die Finger im Spiel. Sie kann leere Stadien mit Menschen füllen, kann Vulkane zum Ausbruch und tote Präsidenten zum Sprechen bringen. Wird ILM irgendwann auch eigene Schauspieler erschaffen können? ‚Theoretisch ist das heute schon möglich‘, sagt Kim Bromley: ‚Aber wenn jeder Regisseur von einem Schauspieler genau das bekommt, was er verlangt, und dafür ein Team von Computer-Spezialisten braucht, dann geht doch genau das verloren, was Schauspieler – und Menschen überhaupt – auszeichnet: Individualität.‘ Die Frage, sagt sie, lautet also nicht: Können wir das? Sondern: Wollen wir das?

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


9 + siebzehn =