22. Februar 1995 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Berlinale | Berlinale 1995

Stadtführer

Die Filmfestspiele

Mit der Berlinale ist es wie mit den meisten Dingen im Leben: Am schönsten ist es, wenn es vorbei ist. Das liegt, behaupten alle und zwar zu Recht, am Wetter. Es mag Leute geben, die in Berlin im Februar schon einmal den Frühling gesehen haben wollen, aber das ist die reinste Augenwischerei. Denn auf der Berlinale ist immer schlechtes Wetter – und zwar so schlecht, daß man schon nasse Füße kriegt, wenn man nur an die Berlinale denkt. Und das gilt sogar dann, wenn die Sonne scheint. Woran mag das wohl liegen? An der Stadt? Am Festivalchef? Oder am Ende doch am Wetter? Es liegt, das sei zur Beruhigung der Berliner gesagt, schon auch daran, daß Kinogeher im allgemeinen und Festivalbesucher im besonderen ein sensibles Völkchen sind, das, wenn es ans wirkliche Leben denkt, schneller kalte Füße kriegt als andere Menschen. Wenn sie blinzelnd aus dem Dunkel gekrochen kommen, gibt es wenig, was sie davon überzeugen könnte, daß die Welt draußen schöner ist als die drinnen. Schon gar nicht die Gegend um den Zoo-Palast, die bei jedem Wetter einen irgendwie verregneten Eindruck macht. Die Berlinale ist also nichts anderes als ein Haufen überreizter Leute, denen nicht zu helfen ist. Das ist bei den anderen großen Festivals in Cannes und Venedig nicht anders. Aber wenn man von dort berichtet, es sei gar nicht so wahnsinnig schön, glaubt einem doch kein Mensch. Auf der Berlinale hingegen herrscht immer schlechtes Wetter – das weiß doch jeder. Es gibt allerdings Leute, die behaupten, daß Berlin, wenn nicht gerade Berlinale ist, eine ganz bezaubernde, großzügige, sonnige Stadt ist. Interessante These.

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