01. März 1988 | Bericht | Ödipussi Drehbericht

Oh, it's Loriot!

Ein Mann geht fremd und bleibt sich doch treu. Loriot, der Meister der kleinen Formen, wagt sich ans große Ganze: Im zarten Alter von 64 Jahren hat er seinen ersten Spielfilm gedreht. TEMPO war dabei, als ÖDIPUSSI entstand.

Alles geschmackvoll, alles vom Feinsten. Kein Zweifel, ein Hotel der allerersten Kategorie. So muß es sein. Oder so soll es zumindest scheinen. In Wirklichkeit hat das Hotel „Colombia“, direkt gegenüber dem Genueser Hauptbahnhof, seine besten Zeiten schon lange hinter sich, aber für das Filmteam aus Deutschland sitzt noch einmal der alte Adel in den Sofas in der prunkvollen Eingangshalle und nippt am Sekt. Ein paar Herrschaften begeben sich zum Diner, livrierte Pagen tragen geschäftig Koffer hin und her. An der Rezeption steht der Empfangschef mit geschwellter Brust und bedient an- und abreisende Gäste mit gedämpfter Stimme. Vergeblich versucht ein älterer Herr, auf sich aufmerksam zu machen. Als er es trotzdem geschafft und ein paar Sätze mit dem Empfangschef gewechselt hat, ändert er seine Haltung, sagt „Gut, danke“ und eilt davon. Ein junger Mann mit einer Haarbürste in der Hand ruft: „Hoffentlich ist die Szene jetzt im Kasten.“

Offenbar ist sie es nicht. Denn der ältere Herr kommt zurückgeeilt, stellt sich wieder an die Rezeption, nickt dem Empfangschef aufmunternd zu und fallt unmerklich ein bißchen in sich zusammen. Die Pagen klemmen sich die Koffer wieder unter die Arme, die Gäste nehmen ihre ursprüngliche Position ein. Das Gemurmel verstummt: „Attenzione! Silenzio! Ton ab, Kamera läuft: Azzzione …“

Wir befinden uns im 86. Bild: Hotelhalle. Innen. Tag. Genua. Wir sind beim Film, zwischen Kabeln und Komparsen, Schminkkoffern und Scheinwerfern. Mittendrin sitzt Horst Wendlandt, einer der wenigen deutschen Produzenten mit Gewicht. Er liest seine Zeitungen und schaut seelenruhig zu, wie mit jeder Sekunde die Kosten steigen, wie jeder Klappenschlag Tausende von Mark verschlingt. Er kann es sich leisten, weil er mit einem Mann arbeitet, der den Erfolg gepachtet hat. Ein Mann, der früh einsah, daß er es mit seinem wahren Namen Bernhard Victor Christoph-Carl von Bülow nicht weit bringen würde. Also nannte er sich Loriot nach der französischen Bezeichnung seines Wappentieres, des Pirols.

In der Tat ist der Loriot ein seltener Vogel in der deutschen Humorlandschaft. Seine gezeichneten Knollenmännchen in Illustrierten und Fernseh-Comics machten ihn berühmt. Seine TV-Sketche erreichten Einschaltquoten wie sonst nur noch Otto-Shows. Sein „Großer Ratgeber“ und die „Gesammelten dramatischen Werke“ haben das Leben und den Alltag in der Bundesrepublik entscheidend beeinflußt: Seither wird in keinem Hotelzimmer mehr unbefangen gebadet, in fremden Wohnungen kein Bild mehr geradegerückt und beim Frühstück nie mehr über Eier diskutiert. So einiges hat er uns verdorben und damit ganz nachhaltig zur Erhöhung der Lebensart beigetragen: Adel verpflichtet. Humor auch. Deshalb hat er nun, im zarten Alter von 64 Jahren, seinen ersten, lang erwarteten Kinofilm, ÖDIPUSSI, gedreht. Weil Loriot nur seinem eigenen Humor traut, hat er gleich alles selbst gemacht: Er ist Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person.

Sind 64 Jahre nicht ein etwas später Einstieg als Jungfilmer, Herr von Bülow? Loriot, der Interviews haßt, antwortet nur widerwillig: „Als Spielzeug erschien mir das Medium Film zwar immer interessant, aber auch zu teuer. Ich spüre eine große Verantwortung, also muß ich genau wissen, was ich vorhabe und worauf ich mich einlasse. Die Art des Arbeitens war mir vom Fernsehen her schon vertraut, aber das Kino stellt andere Ansprüche. Man muß ganz anders herangehen: Man braucht eine tragfähige Konstruktion für die Geschichte, und man muß einen Bogen spannen können, der über die simple Aneinanderreihung von Sketchen hinausgeht. Mit lauter Nudeln an der Oberlippe läßt sich kein Spielfilm bestreiten.“ Für einen Klassiker des Humors wirkt der Herr in Jeans und Jackett noch erstaunlich lebendig: „Das Prädikat Klassiker genieße ich mit Vorsicht. Da entsteht leicht der Eindruck, ich sei schon halbtot. Als ich mal zu einer Lesung in eine Buchhandlung kam, fragte mich eine junge Frau erstaunt: ,Was, Sie sind Loriot? Ich dachte, Sie seien längst tot.'“

Daß er mitunter von einem „grauenvollen Fleiß“ getrieben wird, gibt er selber zu. Die Dreharbeiten im Hotel „Colombia“ in Genua gehen nur schleppend voran. Dreharbeiten sind nicht das reine Vergnügen, erst recht nicht für eine Komödie. Loriots Witz, besser: die Schärfe seines Witzes, wird vom Zentimetermaß bestimmt. Für Fröhlichkeit bleibt da kein Platz: Tische werden gerückt und Zimmerpflanzen verstellt, Bilder umgehängt und Geschirr verschoben. Jeder Bildausschnitt wird so lange gesäubert, geglättet und arrangiert, bis er exakt seinen Vorstellungen entspricht. „Ich will die Ausstrahlung gepflegter Seriosität“, sagt Loriot, „die Umgebung soll ihre eigene Geschichte erzählen, ohne dabei aufzufallen. Nichts soll von den Personen ablenken. Das ist im Kino sehr schwierig, weil man zweidimensional denken muß. Wenn in Wirklichkeit ein Gemälde hinter einer Person an der Wand hängt, dann kann man problemlos zwischen Vorder- und Hintergrund unterscheiden. Auf der Leinwand aber sieht es aus, als wachse das Gemälde der Person aus dem Kopf. Solche Fehler zu vermeiden, erfordert viel Arbeit.“

Sehr viel Arbeit. Noch viermal wird die Szene an der Rezeption wiederholt. Noch viermal wiederholt sich dieselbe Prozedur: Anspannung, Stille, Ton ab, Kamera läuft… Danke, Aufatmen, Umherlaufen, Warten: Bitte nochmal. Einmal verspricht sich der italienische Empfangschef, dann dreht sich Loriot eine Idee zu früh zu seiner Partnerin Evelyn Hamann um.

Nach jeder Szene machen sich Loriot, seine persönliche Assistentin und der Regieassistent auf den Weg zum Videomonitor, um das eben Gedrehte zu begutachten. Dann sitzt Loriot auf seinem Stuhl, betrachtet sich selbst und deutet plötzlich auf das Bild: „Da, das muß noch besser kommen.“ Nicken und zurück ins Scheinwerferlicht, immer mit Perücke und den Mantel wie festgeschweißt über dem Arm – damit der Faltenwurf nicht verrutscht. Die Maskenbildner schwirren vor und hinter den Schauspielern herum, tupfen den Schweiß ab, pudern ein Stück glänzende Haut zu, nesteln an der Kleidung herum und zupfen ein paar Härchen zurecht.

Schließlich ist alles erklärt und zurechtgezupft, der Pulk stiebt auseinander, der Kameramann, Xaver Schwarzenberger, legt seine Davidoff beiseite, und Loriot nickt seinem Regieassistenten Wieland Liebske zu, der wieder „Azzzione“ ruft. Er wird es in den nächsten Tagen noch so häufig tun, daß man ihn zu hassen beginnt für die unnötig vielen „z“, die er in dem Wort „Azzione“ unterbringt.

Wäre Loriot nicht von so einer durch und durch freundlichen Autorität und das Team nicht durch zwei „Otto“-Filme eingespielt, das Klima wäre vermutlich in kürzester Zeit vergiftet. Das höchste Maß an Unmut ist erreicht, als ein Mädchen vom Team sagt: „Es gibt zwei Sorten von Regisseuren: Die einen motivieren, die anderen nicht.“ Sie läßt keinen Zweifel daran, daß Loriot zur letzteren Kategorie gehört. Man kann es auch so sehen: Der Mann weiß, was er will, und er bekommt es auch. Über kleinliche Kritik ist Loriot erhaben: Er weiß um seine Professionalität und seine geschliffenen Umgangsformen.

Anders Paul Winkelmann. Der ist 56 und lebt noch bei seiner Mutter. Außerdem sitzt sein Hemdkragen ständig unkorrekt. Und wenn er nicht gerade die Deko-Abteilung des familieneigenen Möbelgeschäfts unsicher macht, dann streitet er im Vereinszimmer einer Gaststätte darüber, wie die Begriffe „Frau“ und „Umwelt“ in den Karnevalsgedanken einzubringen sind. Doch plötzlich nimmt sein Leben eine unerwartete Wendung: Margarethe Tietze, Diplompsychologin und kaum jünger als er, betritt auf der Suche nach einem Stoffbezug für die Sitzgruppe in ihrer Praxis seinen Laden. Es ist nicht gerade eine amour fou, aber als Paul Margarethe mit seinen Musterbüchern heimsucht, werden schon erste zarte Bande geknüpft. Und wenn dann die beiden an der Rezeption im Grandhotel stehen, sind gewisse Ungeschicklichkeiten im vertraulichen Umgang beinahe schon verziehen.

Ist ÖDIPUSSI etwa eine scheue Romanze, ein amouröses Abenteuer zweier Menschen in der späten Blüte ihres Lebens? Wohl kaum. Denn was sich da an Abgründen zwischen Liebenswürdigkeit und militanter Ignoranz, zwischen guter Absicht und mißlungener Ausführung in den zwischenmenschlichen Beziehungen auftut, gleicht eher einem Horrorfilm. Das ist im Grunde Loriots Humor: Horror in winzigen Dosen, verabreicht mit dem allerfreundlichsten Lächeln. Er sei kein Anhänger der Schocktherapie, sagt er: „Ein Arzt, der Spritzen mit dickeren Nadeln benutzt, ist deswegen kein besserer Arzt. Im Gegenteil: Mit einer feinen Nadel kann man die gleiche Wirkung erzielen. Aber der Patient merkt es nicht.“

Man sollte mal nachzählen, wieviele Mißverständnisse bei Loriot im Minutendurchschnitt vorkommen. Den Rekord in ÖDIPUSSI hält vermutlich Bild 95. Hotelrestaurant. Innen. Abend. Schon die Bestellung gestaltet sich etwas schwierig, weil Paul zwar die Tagliatelle Funghi noch leicht über die Lippen gehen, nicht jedoch der Queue d’écrevissage en sauce poupoulcorouse. Bei der anschließenden Konversation zwischen Paul und Margarethe, die noch immer per Sie sind, entspinnt sich nach einem verlegenen Schweigen folgender Dialog: „Ich habe in meiner Praxis verschiedene Herren, die sich sehr gut mit ihrer Mutter verstehen …“ Worauf er überrascht aufblickt und antwortet: „Mit meiner Mutter?“

Loriot nutzt geschickt die Tücken der deutschen Sprache. Seine Figuren reiben sich auf, werden deformiert, bis sie keinen klaren Satz mehr herausbringen und geistlosen Blödsinn reden. Je größer der Bogen wird, den sie sprachlich um die Dinge machen, desto öfter fliegen sie aus der Kurve. In Loriots Dialogen herrscht die Fliehkraft der Ausflüchte. So gehen Kommuni-ationszombies und Konventionskrüppel miteinander um: „Man muß nur einmal aufpassen, wie viele Peinlichkeiten im Weghören entstehen. Da redet einer, und sein Zuhörer wendet sich mittendrin zu einem dritten, um über etwas völlig anderes zu sprechen. Das ist schon ein gewaltiger Schlag vor den Bug“, sagt Loriot.

Diese Schläge sind im Film von langer Hand geplant. Im Hotel in Genua liefen Wetten, ob der obige Tischdialog mit weniger als elf Durchgängen im Kasten sein würde. Immer wieder stimmte eine Betonung nicht, immer wieder kam eine Geste zu früh oder ein Stichwort zu spät. Und jedesmal mußte der Requisiteur zu den einzelnen Tischen gehen und die mittlerweile abgebrannten Kerzen gegen etwas weniger abgebrannte auswechseln. Und die Gläser wurden nachgefüllt, und die Stirnen nachgepudert, und die Haare gezupft. Und jedesmal wieder: „Mit meiner Mutter?“ Nein! „Mit meiner Mutter?“ Nochmal: „Mit meiner Mutter?“ Das Team nahm es gelassen. Der Reporter weniger. Er mußte nach dem neunten Take mit Lachkrämpfen den Set verlassen.

Ob Loriot es überhaupt schätzt, wenn man über seine Sketche lauthals lacht? Er wolle jedenfalls keinen Witzfilm drehen, sagt er. Die Leute sollen das Kino „im Zustand amüsierten Nachdenkens“ verlassen. Gröhlendes Bruhaha-Gelächter wäre ein höchst fragwürdiger Akt der Befreiung: Kurz mal aufgeheult und wieder vergessen.

Loriot geht es nicht um Befreiung. Eher um das Gegenteil: Er führt uns fast ausnahmslos Psychopathen und Langweiler vor, in denen wir uns verlegen schmunzelnd wiedererkennen. Ein Gefühl der Beklemmung bleibt zurück. „Humor“, sagt Loriot, „hat immer etwas Negatives.“

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