17. Oktober 1987 | Süddeutsche Zeitung | Bericht | Kurzfilme der HFF

Peter Glotz Superstar

„Short Stories": Ein Programm mit Kurzfilmen von HFF-Schülern

Es tut sich nichts. Aber es gibt was zu sehen. Die Kamera wandert durch Zimmer und an Fassaden vorbei, schlendert in der Gegend herum und schaut ein bißchen den Leuten zu. Die Regisseure nehmen sich Zeit und entdecken einen Rhythmus. Das Leben tut, was es immer tut: es überbrückt Lücken, haust in den Nischen. Auf einmal gerät es ins Stolpern und aus den Lücken werden Löcher, in die die Geschichte stürzt. Ein Radio-Freak entdeckt im weißen Rauschen des Äthers fremde Signale. Alles ist wie immer, aber plötzlich verdichtet sich etwas. Ein Mann wartet auf seine Begleiterin, spielt gelangweilt mit ihrer Dogge. Als er einen Spielball über die Balkonbrustung kickt, springt der Hund hinterher. Etwas ist passiert, keiner hat was gesehen.

In Pascal Hoffmanns DER FREMDE DONNER und Christopher Roths KALTER HUND gerät etwas aus dem Takt, ein Bogen beginnt sich zu spannen: Die Filme sind spannend, jeder auf seine Weise. Sie haben nichts miteinander zu tun und ergänzen sich doch. Jedem fehlt was, und jeder hat was, was der andere nicht hat. Sechs Filme ergeben ein Prisma der Merkwürdigkeiten des Alltags. Das Schicksal, die Außerirdischen oder sonstwer sehen Zeichen, aber keiner ist da, der sie zu lesen verstünde. Und es gibt keine Geschichten, die die lose hängenden Enden verknüpfen würden. Die Helden bleiben allein mit ihren Rätseln. So fängt alles an: das Interesse, der Blick.

„Short Stories“ ist ein Raum für Entdeckungen. Man kann sehen, wie etwas anfängt: wie sich Ideen formulieren und Blicke festigen, wie sich der Alltag zu erzählter Geschichte formt. Was sich wirklich tut im deutschen Film, kann man dort ablesen. Thomas Wöbke und Tobias Meinecke haben das Programm aus vierzig Arbeiten zusammengestellt, und das Arena-Kino hat ihnen dafür Platz gegeben. Das zeigt, wie unkompliziert das auch gehen kann: etwas zu tun für junge Regisseure. Das Programm dürfte mehr Stoff für Diskussionen bieten als mancher Film.

Vor allem zeigt Short Stories, daß man nicht nach Hollywood schauen muß, um etwas zu sehen. Die Regisseure finden ihre eigenen Stars, ihre eigenen Geschichten. Und die beginnen möglicherweise bei einer Lesung von Peter Glotz, dem Superstar mit Kurzauftritt in Kalter Hund, Das ist ja auch nur eine Frage der Perspektive.

(Die sechs Kurzfilme laufen Samstag und Sonntag um 21.30 Uhr in München im Neuen Arena.)

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