07. Januar 1992 | Süddeutsche Zeitung | Bericht | Imax Kino

Auf Weltreise über 352 Quadratmeter

Neue Kino-Herrlichkeit: Die gigantischen 'Imax'-Projektionen locken immer mehr Besucher ins Deutsche Museum

Als Mensch ist man hier nichts als ein Fliegendreck. Und fühlt sich auch so. Die Leinwand ist so groß wie ein Haus und wirkt wie eine Kathedrale. Man wohnt darin einem Hochamt bei, in dem einem die Augen übergehen vor Pracht und Herrlichkeit. Man bekommt eine Lektion in Demut erteilt und wird dann entlassen in die Freiheit, die leider ein paar Nummern kleiner ausfällt als das IMAX-Format. Amen.

Drei verschiedene Filme zeigt das Forum der Technik im Deutschen Museum im stündlichen Wechsel. Sieben Mal täglich läuft BLUE PLANET – EIN PORTRÄIT UNSERER ERDE, dreimal RING OF FIRE – WELT DER VULKANE und zweimal BEAVERS – DIE FASZINIERENDE WELT DER BIBER. Wo sich einst die hinteren Reihen des Kongreßsaals befanden, da steht nun die 16 Meter hohe und 22 Meter breite Leinwand, vor der 330 Sitze steil aufsteigen. In dieser Arena wird jede Stunde eine Lichtshow geboten, mit der die Konzerte von einst nicht mithalten könnten. Schon deshalb, weil nun jeder in der ersten Reihe sitzt. Mehr noch: Mitten im Geschehen.

LaWRENCE VON ARABIEN oder 2001: OSDYSSEE IM WELTRAUM wurden auf 70 mm gedreht. Das heißt, daß das Filmmaterial doppelt so breit ist wie normal und also doppelt so scharf. Im IMAX-Verfahren ist das Filmbild zehnmal so groß und selbst auf einer so großen Leinwand entsprechend schärfer. Die Brillanz dieser Bilder wird man im normalen Kino vergeblich suchen. Was nicht so schlimm wäre, wenn man sich dort nicht über schlampige Vorführungen ärgern müßte.

IMAX bietet also Kino in imaximaler Qualität, was naturgemäß den Wunsch weckt, im Forums-Saal auch einmal richtige Spielfilme zu sehen. Aber abgesehen davon, daß deren Material auch hier wesentlich grobkörniger wirken würde, erscheint der Gedanke, hier mit Großaufnahmen konfrontiert zu werden, eher erschreckend. Ein Filmkuß in diesem Format würde im Zweifelsfall so monströs aussehen wie zwei Wale bei der Paarung. Allein die Ohren wären dann etwa vier Meter groß und würden den Blick unweigerlich auf wenig romantische Absonderlichkeiten der menschlichen Haut lenken. Dazu kämen die Kußgeräusche, die aus der 17 000 Watt 6-Kanal-Digital-Tonanlage vermutlich so ähnlich klingen würden wie die Niagarafälle. Da kann einem durchaus Hören und Sehen vergehen.

Kein Wunder also, das für Menschen in der IMAX-Welt kaum Platz ist. Das eine Mal, wo der Blick auf die Erde von zwei Astronautinnen in einer Raumkapsel eingerahmt ist, genügt. Sie sehen aus wie Giraffen. Ansonsten geht Blue Planet lieber auf Distanz zu den Zweibeinern, die ohnehin nur Unheil anrichten. Als Waldarbeiter zünden sie Regenwälder an, als Autofahrer vernebeln sie die Sicht, und eigentlich sind sie nur als IMAX-Zuschauer erträglich. Da können die Naturgewalten ungestraft über sie herfallen, können ihre ganze Kraft und Schönheit entfalten, ohne daß ihnen wie üblich die Opfer zur Last gelegt werden. Und bei Erdbeben grollt auch im Kino der Boden ganz beachtlich.

Mit ganz kleinen Kindern und Hunden sollte man das IMAX deshalb besser meiden. Und auch wenn in dem Biberfilm allzu plastische Einzelheiten der Nahrungskette freundlicherweise unterschlagen werden, so reicht es doch, wenn die Bäume mit 17 000 Watt zu Boden krachen, damit Kleinkinder etwas verstört reagieren. Danach lassen sie sich kaum mehr zum Waldspaziergang überreden.

Ansonsten sind die Filme im Tonfall eher auf unsere Kleinsten ausgerichtet. Salbungsvoll wie einst Uncle Walt preist der Sprecher die Gnade unserer Geburt auf diesem Planeten, um uns im nächsten Atemzug die Leviten zu lesen. Die Biber kommen deutlich besser weg.

Um der drohenden Langeweile vorzubeugen, kommt schon im Februar ein neuer Film ins Programm: TO THE LIMIT. Das ist allemal ein passender Titel für das IMAX. (Kartenvorbestellungen sind ratsam: 21125180.)

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