23. Januar 1995 | Süddeutsche Zeitung | Bericht | CSU-Filmgespräch

Kompott aus Äpfel und Birnen

Zum 20. Mal ließ die CSU über Film reden

In einer Hinsicht kann man sich auf den deutschen Film voll und ganz verlassen: Sobald über ihn geredet wird, setzt sich die Gebetsmühle in Gang. Krise? Sowieso. Gründe? Jede Menge. Hollywood? Immer. Die Gremien? Jaja. Die Drehbücher? Meistens. Produzenten? Gibt es zu wenige. Stars? Gibt es noch weniger. Autorenfilm? Schluß damit. Also? Wir brauchen gute Filme. Na prima.

So geht das seit Jahr und Tag. Je mehr geredet wird, desto weniger weiß man. Schon das Motto, unter dem das 20. CSU- Filmgespräch stand – Neues Nachdenken über Kino!? -, verdeutlichte mit Ausrufe- und Fragezeichen, daß nicht einmal klar ist, ob es darum geht, Antworten zu finden, oder erst einmal darum, die richtigen Fragen zu stellen. Dem quirligen Klaus Keil, neuer Intendant des Film Board Berlin-Brandenburg, mangelte es als Gesprächsleiter nicht an provokativen Fragen, aber sein Podium ließ sich davon nicht durcheinanderbringen. Der Studiochef forderte bessere Strukturen, der Kinobesitzer bessere Förderung, der Produzent bessere Drehbücher, der Verleiher bessere Ideen, der Anwalt bessere Filme und der SPIO-Präsident bessere Besserung. Oder umgekehrt. Es war viel die Rede von Markt und Marketing, von Segmenten und Parametern, von Zielgruppen und Anbietern, und überhaupt war eine wilde Entschlossenheit zu spüren, endlich mal Äpfel und Birnen zusammenzuwerfen und einen ordentlichen Handel aufzuziehen. Von Kultur sprach im Ernst eigentlich nur der Politiker. So ändern sich die Zeiten.

Es gibt nicht eine These zum deutschen Film, zu der sich nicht mit etwas Intelligenz das Gegenteil vertreten ließe. Auch Zahlen helfen da kaum weiter. 1993 hat es etwas mehr als hundert deutsche Spielfilme gegeben, von denen 46 ins Kino kamen und 13 mehr als 50.000 Zuschauer erreichten. Die 99 geförderten Filme haben zusammen 191 Millionen Mark gekostet, wozu die verschiedenen Förderungen 56 Prozent beigetragen haben. Von dem Geld lassen sich in Hollywood so ungefähr drei Filme finanzieren. Daraus könnte man schließen, daß zu wenig Geld vorhanden ist. Andererseits kann man wohl sagen, daß jeder der wenigen erfolgreichen deutschen Filme auch ohne Förderung Erfolg gehabt hätte, und daß keinem der erfolglosen Filme durch mehr Geld mehr Erfolg beschieden gewesen wäre. Auf jeden Fall gilt, was Staatssekretär Huber sagte: ‚Für den ausbleibenden Erfolg die Filmförderung verantwortlich zu machen, ist weder originell noch sachgerecht – auch wenn die Förderung ihren Beitrag dazu geleistet haben mag, daß in Deutschland das Gefühl für den Markt ganz langsam geschwunden ist.‘

‚Was ist der Markt?‘, fragte Klaus Keil – und erhielt kaum Antworten. Der Markt ist, hätte die Antwort gelautet, nicht dort, wo man ihn sucht, sondern dort, wo man ihn findet.

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