18. Mai 1999 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Cannes | Cannes 1999 (4)

52. Filmfestspiele in Cannes

Ein Limey in L. A.

Filme von Soderbergh und Mamet, ein trojanischer Gaul für Kitano

Wenn die Sonne tiefer steht in Cannes, dann ändert sich auch langsam das Straßenbild. Zwischen all die Müßiggänger und das in seine Handygespräche vertiefte Filmvolk mischen sich auf einmal Menschen, die es etwas eiliger haben und vor allem besser gekleidet sind. Aus allen Ecken der Stadt strömen Smokingträger und Damen im Abendkleid dem Festivalpalais zu, wo sie sich dann mit wichtiger Miene an den Schaulustigen vorbei auf den roten Teppich drängen. In Cannes ist die Kleiderordnung immer noch strenger als anderswo, und es gibt nicht wenige Künstler, die darin eine Herausforderung sehen.
Takeshi Kitano zum Beispiel – gefeierter Regisseur des Venedig-Siegers „Hana-Bi” und in Japan ein berüchtigter Fernsehkomiker – hat bereits angekündigt, er wolle zur Aufführung seines neuen Films etwas anziehen, womit er unter Garantie bei der Kontrolle abgewiesen werde; er denke dabei an das Kostüm eines Sumo-Ringers: „Ich möchte, daß die ein paar Mal sagen ,So können Sie hier nicht rein‘. Und dann steige ich in ein Trojanisches Pferd, aus dem ich herausgesprungen komme, sobald ich drinnen bin. ” So weit man weiß, leben auch Kitanos Fernsehsendungen von dieser Art von Provokation – am Donnerstag, wenn sein Film „Kikujiros Sommer” Premiere hat, wird man mehr wissen.

Ein Nilpferd für Nadia

Die Franzosen sind aber nicht nur ihrer notorisch rigiden Eingangskontrollen wegen stetem Spott ausgesetzt. Kürzlich wurde in einem der englischsprachigen Branchenblätter behauptet, die Franzosen würden nur so tun, als liebten sie bestimmte Dinge, um die Amerikaner zu ärgern – als da wären: Rauchen, Trinken und Cronenberg, der hier ja immerhin Jurypräsident ist. Zum ungesunden Leben gab es noch einen schönen Beitrag in einem Film von Dominique Cabrera: In ihrem „Nadia et les hippopotames” fragt Ariane Ascaride den Fahrer, warum er ein Nilpferd am Rückspiegel hängen habe, und er antwortet: Weil in dieser Welt mittlerweile alles nur noch „light” sei – das Cola, die Butter, der Zucker, überhaupt das Essen, die Zigaretten, die Liebe, alles light. So gesehen ist das schwere Nilpferd in der Tat ein schöner Gegenentwurf zur unerträglichen Lightigkeit des Seins.

Das schaffen die Franzosen ja immer spielend: das Grundsätzliche ganz nebenbei zu erzählen, das Wesentliche ins Beiläufige zu verpacken. Wobei es andererseits weder Cabrera in „Nadia” noch Gilles’ Tochter Emilie Deleuze in „Peau neuve” wirklich gelingt, den sozialen Hintergründen – hier ein Eisenbahnerstreik, dort ein Umschulungslager für Baumaschinenführer – mehr als nur Lokalkolorit abzugewinnen. So wirken sie nicht unbedingt lebensnäher, aber eben doch lebensfreudiger als vergleichbare Filme bei uns – wenn es die noch gäbe.

Auf ganz andere Weise lebensnah sind die Filme von David Mamet und Steven Soderbergh: weil sie wirklich bestechend genau in der Schilderung ihrer jeweiligen Atmosphäre sind und dabei spielend über ihr Material verfügen. Soderbergh erzählt in „The Limey” von einem englischen Ex-Häftling, der in Los Angeles den Tod seiner Tochter aufklären will. Wobei die Tatsache, daß Terence Stamp den Engländer spielt, dem Film eine besondere Aura verleiht. „The Limey” lebt aber nicht nur von dessen stahlblauem, manchmal so täuschend sanftem Blick, sondern auch davon, wie sich der Gauner aus der britischen Fish&Chips-Schule in diesem ultracoolen Los Angeles bewegt, wo man nicht mal dieselbe Sprache zu sprechen scheint. Peter Fonda spielt einen dubiosen Musikproduzenten, der mit dem Tod der Tochter zu tun zu haben scheint, und Barry „Petrocelli” Newman seinen Mann fürs Grobe. Die schnellen Zeitsprünge und Flashes, mit denen Soderbergh der Geschichte ihren Rhythmus verleiht, wirken noch überzeugender als in seinem letzten Film „Out of Sight”. Es ist schon erstaunlich, was ein intelligenter Regisseur aus einem Dutzendstoff alles machen kann.

Auf jeden Fall ist L. A. ein genauso fremder Planet für den Engländer, wie es die englische Gesellschaft vor dem Ersten Weltkrieg für den amerikanischen Theaterautor und Filmregisseur David Mamet ist. In seinem sechsten Film „The Winslow Boy” verfilmt er ein Theaterstück von Terrence Rattigan über einen Fall aus dem Jahr 1912, der damals landesweit Aufsehen erregte. Ein Junge ist von der Kadettenschule verwiesen worden, weil er etwas gestohlen haben soll. Der Vater, ein besonders strenger, auf Etikette versessener Patriarch, fragt den Kleinen, ob die Vorwürfe stimmen. Und als der zweimal verneint, setzt er sich zur Überraschung aller zur Wehr und läßt die Sache bis zur obersten Instanz durchkämpfen.
Aber nicht der Fall ist so spannend, sondern die Art und Weise, wie Mamet ihn in Szene setzt. Der Film besteht nur aus Dialogen und spielt fast ausschließlich im Haus der Winslows – und doch verfolgt man atemlos, wie diese Gesellschaft noch die letzten Regungen ihres Gemüts hinter gewandten Worten zu verstecken weiß. Wo man anfangs an der steifen britischen Art verzweifeln möchte, da ist man am Ende fasziniert von dieser gnadenlos zivilisierten Art des Umgangs miteinander. Da ähnelt „The Winslow Boy” durchaus Viscontis „Leopard”: der schwindende Glanz und die Tugenden einer Epoche werden beschworen und gleichzeitig begreifbar gemacht, warum diese Welt zum Untergang verdammt ist. Das Korsett der Konventionen mußte früher oder später gesprengt werden. In Cannes bleibt das fürs erste Takeshi Kitano überlassen, der im Trojanischen Pferd ins Festivalpalais eindringen möchte

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