27. Februar 1996 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Berlinale | Berlinale 1996

Wir Wunderkinder

Die Berlinale sonnt sich im Glanz der Stars - na und?

Julia Roberts ist da gewesen – ah! Bruce Willis ist sogar aufgetreten – oh! Und seine Frau Demi Moore hat dazu getanzt – uh! Und Jack Lemmon hat seine Synchronstimme Georg Thomalla geküßt. Und Jodie Foster und John Travolta und Emma Thompson und Danny De Vito und Elia Kazan und Claudia Cardinale und Sally Field und Tim Robbins und und und. . . Alle waren da, und alle sind glücklich. Sogar der Taxifahrer war begeistert. Hat er einen von ihnen persönlich gesehen? Nein. Hat er sich Filme angeschaut? Nein. Aber begeistert war er. Als färbe der Goldlack der Stars irgendwie auf jeden Berliner ab. In gewisser Weise ist es ja auch so.

Ohne Stars wäre das Kino nicht das, was es ist. Und große Festivals sind ohne die Wunderkinder des Kinos erst recht nichts. Um die Filme geht es da bestenfalls in zweiter Linie. Wenn es in den letzten Jahren hieß, die Berlinale sei auch nicht mehr, was sie mal war, lag das kaum je am Programm. Es waren die Stars, die vermißt wurden, der Glitter, Glanz und Glamour. Sie waren krank oder verhindert oder nicht interessiert – irgendwas war immer, und jedesmal hing der Ruf der ganzen Berlinale davon ab. Das ist übrigens in Venedig oder Cannes nicht anders. Man erinnere sich nur mal an den Trubel um Madonna oder Sharon Stone an der Croisette.

Sagen die Stars irgendetwas, was der Rede wert wäre? Selten. Bekommt sie überhaupt jemand zu Gesicht? Wenige. Vor allem Photographen, die in Rudeln dasselbe Motiv zu Tode photographieren. Dabei hätten selbst die Presse-Photos aus den Filmen noch mehr Aussagekraft. Aber darum geht es nicht. Es geht um den Anschein von Leibhaftigkeit. Als giere das Publikum nach dem Beweis, daß es diese Lichtgestalten wirklich gibt. Als sei das irgendwie ein Trost.

Als Julia Roberts für immer hinter einer Mauer von Blitzlichtern zu verschwinden drohte, hieß es aus den hinteren Reihen, wo die schreibende Zunft sitzt, irgendwann: ‚Sit down, stupid idiots!‘ Dabei sind die Antworten auf ihre Fragen nicht weniger austauschbar als die Photos, die auf diesen Pressekonferenzen geschossen werden.

Wer will sich schon anmaßen, unter Hunderten von Filmen, deren Auswahlkriterien bereits undurchsichtig sind, über die Qualität eines Jahrgangs zu entscheiden? In einem zunehmend unübersichtlichen Gewerbe sind Stars im Ende das einzige, was sichtbar gemacht werden kann. Stars waren für den Aufstieg des Kinos verantwortlich, irgendwann werden sie sein Niedergang sein.

Der definitiv schönste Satz des Festivals stammt übrigens auch von dem burmesischen Regisseur und Schauspieler San Shwe Maung. Von dem heißt es, er habe Berlin sehr schön gefunden, vor allem die Tatsache, daß seine Bewohner so sentimental sind und all die alten Häuser stehen gelassen haben. Der Mann ist auch ein großer Star. In Burma. Hier hat er uns daran erinnert, daß alles wahrschweinlich nur eine Frage der Perspektive ist.
MICHAEL ALTHEN

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