22. Februar 1992 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Berlinale | Berlinale 1992 (2)

Grünes Leuchten, blaue Wunder

Filme von Rohmer, Szabo und Troell im Wettbewerb der Berlinale / Leos Carax im Panorama

Je mehr man sieht, desto gefräßiger wird man. Nicht etwa, weil man durch die vielen Filme erst richtig auf den Geschmack käme, sondern weil darunter so wenige sind, die den Hunger wirklich stillen können. Immer ungeduldiger frißt man sich durch den Berg von Wettbewerbs-Beiträgen, immer in der Hoffnung auf Sättigung. Statt dessen sind die Filme viel zu oft zu dünn oder zu zäh, zu wäßrig oder zu klebrig.

Das liegt, allen Gerüchten zum Trotz, keineswegs daran, daß man auf Festivals unduldsamer gegen Langsamkeit oder empfänglicher für Effekte würde, eher im Gegenteil. Die Menge macht einen eher hellhörig für falsche Töne und allergisch gegen billige Tricks. Nicht das Ungewöhnliche besticht, sondern das Natürliche. Im reißenden Strom der Bilder sehnt man sich nach Figuren, die lebendig genug sind, dagegen anzuschwimmen. Manchmal genügt ein Blick, ein Lächeln, ein Satz. Manchmal hilft auch das nichts.

Zwei junge Frauen in einer alten Mühle: Die eine hatte gerade mit dem Leben abgeschlossen, die andere hat sie wieder auf die Beine gebracht. Solche Geschichten erzählen sich manchmal durch Blicke, Lächeln, Gesten allein, aber bei Jean- Claude Brisseau geschieht nichts beiläufig. Der Regisseur von Lärm und Wut macht in Céline aus jedem Beisammensein ein Arrangement und aus jeder Totalen eine Tableau. Zwar rechtfertigt sich diese Überhöhung im weiteren Verlauf durch eine geschickt eingefädelte Hinwendung zum Übernatürlichen, aber das ändert nichts daran, daß der Beziehung zwischen der Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs und ihrer Pflegerin jede Natürlichkeit abgeht.

Die Geschichte von Céline, die langsam wieder zu sich findet und dabei einige übernatürliche Fähigkeiten entdeckt, verlangt im Grunde nach allem anderen als geschmackvollem Stilleben. Etwas mehr Phantasie hätte dem Fantasy-Plot nicht geschadet. So geschehen dauernd Wunder, aber nichts passiert.

Auch bei Eric Rohmer geschehen noch Wunder, aber da passiert es dann tatsächlich, daß einem die Augen übergehen vor lauter unverhofftem Glück. Aus Versehen hatte Felicie ihrer Urlaubsbekanntschaft einst eine falsche Adresse gegeben, nun sitzt die Friseuse mit ihrem Kind da und sucht nach dem richtigen Mann. Wie all die anmutig spröden, trotzig selbstbewußten Heldinnen des Franzosen redet sie dauernd von Prinzipien, wenn sie Gefühle meint, und spielt die Entschlossene, wenn sie selbst nicht genau weiß, was sie will.

Der Blick, den Rohmer dabei auf die Wirklichkeit wirft, scheint sich manchmal kaum noch zum Kino aufraffen zu können, so alltäglich kommen seine Filme daher. Je knapper sie sich an der Langeweile bewegen, desto spannender sind sie; je banaler sie sich geben, desto subtiler wirken sie. Conte d’Hiver ist wieder eine Geschichte, die nur das Leben schreiben kann, also eine, die sich dem Kino eigentlich verweigert. Und dennoch führt er seine Figuren mit so sicherer Hand ins Glück wie kein anderer. Am Ende bringt die Frau des Fliegers wie eine Botin aus einer anderen Welt den Traummann der Friseuse ins Spiel. Dieser Engel wird gespielt von Marie Rivière, die auch schon einmal die Närrin gespielt hat bei Rohmer. Das war in Das grüne Leuchten, einem anderen Film über Zeichen und Wunder.

* Eine andere Höhle, ein anderes Leuchten beschwört der Japaner Kei Kumei in Hikarigoke, der um einen Fall von Kanibalismus unter gestrandeten Seeleuten kreist. Aber das magisch leuchtende Moos ist in diesem Film kein Wunder, sondern nur ein weiteres finsteres Zeichen, das dieser Geschichte von der Schuld der Überlebenden den Weg weist ins Reich der Toten. Leblose Gestalten zerfleischen sich in einer eisigen Höhle, ungerührt vollzieht sich ihr Schicksal. Ihre Schreie dringen nicht zu uns vor.

Ähnlich ungerührt erzählt auch Jan Troell von einem wahren Fall in Nordschweden. Ein junges Paar hat eine dreiköpfige Familie ermordet, dabei waren sie nur beim Fahrraddiebstahl ertappt worden. Il Capitano rekonstruiert mit beklemmender Nüchternheit die Odyssee des Pärchens Jari und Minna als Flucht zweier Außenseiter vor sich selbst und der Welt.
Keine Erklärungen, kein Mitgefühl, keine Leidenschaft. Alles nimmt seinen Lauf, lähmendes Schweigen senkt sich über diese Welt. Die Gesichter von Jari und Minna spiegeln keine Regungen, die Einstellungen auch nicht. Der Rundumschwenk, mit dem der Film beginnt, öffnet nicht der Blick zum Horizont, sondern zieht einen unsichtbaren Kreis, in dem die Helden gefangen sind. Der Film verschließt sich und weckt Faszination und Beklemmung, aber keine anderen Gefühle.

Ähnlich unwirtlich ist die Gegend im Süden Chiles, ähnlich abweisend das Gesicht des Lehrers, der in La Frontera dorthin in die Verbannung geschickt wird. Aber Ricardo Larrain Pinedo bevölkert seine Geschichte mit genügend lebendigen Figuren, um seinem Film einen anderen Tonfall zu verleihen. Ohne rechte Überzeugung hatte der Lehrer einst einen Aufruf unterzeichnet, und sein Leben am Ende der Welt ist ganz dazu angetan, diesen teuer bezahlten Widerstand in Zweifel zu ziehen, aber wenn am Ende die See die letzten Reste dieses Lebens wegspült, bleibt wenigstens eines: Die Überzeugung, das Richtige getan zu haben.

Was gestern richtig war, kann heute schon falsch sein. Mit dieser Einsicht muß fast der ganze Ostblock leben, und es gab bislang noch keinen Film, der diese Situation so plastisch, einleuchtend und anrührend in Szene gesetzt hat wie Sweet Emma, Dear Böbe von Istvan Szabo. Gerade hat der Ungar noch für David Putnam das Prestige-Projekt Zauber der Venus fertiggestellt, da drehte er in seiner Heimat für eine knappe halbe Million Mark diesen großen kleinen Film, der einen (Haupt-)Preis verdient hätte. Skizzen und Akte kündigte der Vorspann an, und so wird auch die Geschichte der Russisch-Lehrerin Emma und ihrer Freundin Böbe erzählt. Sie schreitet mal tastend, mal zwangsläufig voran, ein privates Schicksal in historischer Zeit.

Emma und Böbe teilen sich ein Zimmer im Lehrerwohnheim in Budapest, und während die Freundin öfter mit Touristen mitgeht, hat Emma eine Affäre mit dem Direktor ihrer Schule. Aber ihre Beziehung ist eher einseitig, weil der Mann ohnehin schon genügend Probleme mit seiner Kadervergangenheit hat. Emma tut sich aber nicht nur mit ihrer unerwiderten Sehnsucht schwer, sondern auch mit der Umschulung auf Englisch, das Russisch überall ersetzt. Gesellschaft und Gefühl, Beruf und Identität, alles ist im Umbruch – und die Leute wissen kaum, wovon sie lassen und woran sie sich klammern sollen.

In kurzen Szenen, mal pointiert, mal offen, wird ein Leben umrissen, das dem Alptraum gleicht, der Emma immer wieder heimsucht: Nackt auf einem dunklen Abhang, ein Stürzen ohne Halt. Am Ende, als alles verloren ist, steht Emma als Zeitungsverkäuferin in einer Unterführung und schreit verzweifelt immer wieder den Namen ihres Blattes: Heute! Heute! Heute! Ein verzweifelteres Bild für die unerfüllte Lebensgier, für diese Menschen, die weder Vergangenheit noch Zukunft haben, hätte Szabo kaum finden können.

* Das Meisterwerk dieser Festspiele lief nicht im Wettbewerb, sondern im Panorama. Es stammt von Leos Carax und heißt Les Amants du Pont-Neuf. Die Geschichte des schlaflosen Feuerschluckers Alex und der langsam erblindenden Malerin Michèle ist ein Feuerwerk der Bilder und Töne, ein verzückter Taumel in den Liebestod und ins vollkommene Glück. Der Film spielt fast ausschließlich auf dem Pont-Neuf, der für diese lange brachliegende Produktion bei Aix nachgebaut worden ist.
Und diese Brücke zwischen Leben und Tod, Wachen und Schlafen, Blindheit und sehen, ist so groß wie die ganze Welt. Bei einer Umfrage nach den Regisseuren der Zukunft wurde Leos Carax schon nach Mauvais Sang und Boy Meets Girl auf die vorderen Plätze gewählt. Les Amants du Pont-Neuf ist das grüne Leuchten am Horizont des Kinos.
MICHAEL ALTHEN

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