20. März 1997 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Leben | Auf den Spuren des „Englischen Patienten”

Auf den Spuren des "Englischen Patienten" durch den Südwesten Tunesiens

Im Palast der Winde

Traumhafte Landschaften und weniger der filmische Wiedererkennungseffekt liefern den Stoff für Ausflüge zu den Drehorten.

Das Tor zur Wüste wird bewacht. Im Flutlicht des Rollfeldes von Tozeur schimmern zwei riesige weiße Vögel, die kilometerweit in die Wüste hinaus sichtbar sind – gigantische Grenzposten zu einer Welt, in der andere Regeln gelten. Zwei Jumbo-Jets ragen da in die Nacht, ganz in Weiß, ohne jede weitere Bemalung. Sie scheinen intakt, aber dennoch nicht zum Flug bestimmt. Es ist nicht zu erkennen, was sie da verloren haben: Als Kulisse für das kleine Flughafengebäude von Tozeur bilden sie einen etwas zu gewaltigen Rahmen für einen etwas zu kleinen Ort. Wer wissen will, was die beiden gesichtlosen Jumbos in dem Wüstenkaff hält, bekommt erstmal keine Antworten. Die Flughafenbediensteten, der Chauffeur, die Hotelangestellten, sie alle übergehen die Frage geradezu peinlich berührt. Nicken nur freundlich, jaja, sonderbar. Allein der Bürgermeister wird die Antwort wissen – doch dazu später. In der Tat sind die beiden eisernen Vögel das geringste der Rätsel, welche die Wüste dem Neuling aufgibt.

Eine andere Geschichte, Tausende Kilometer von den bleichen Stahlvögeln von Tozeur entfernt: Linda Kreusel, die vom Film-Marketing kommt und ein Reisebüro aufgezogen hat, sitzt in Frankfurt im Kino und sieht sich den mit neun Oscars preisgekrönten Film Der englische Patient an. Als die Emotionen verklungen sind und der Abspann läuft, sieht sie, daß der Film in Tunesien gedreht worden ist. Sofort ruft sie ihre Kontaktleute in Tozeur an und erfährt, daß vor Jahresfrist tatsächlich ein Filmteam dort gedreht hat. Warum ihr davon keiner etwas gesagt hat, will sie wissen, das sei doch der ideale Aufhänger für Reisen in den Südwesten Tunesiens: Auf den Spuren des englischen Patienten.

Dies ist also eine Reise in ein Gelände, welches das Kino mit großen Gefühlen und gewaltigen Bildern bereits vermessen hat – aber von Spuren kann kaum die Rede sein. Ein paar Gipsreste in einer Schlucht, die den Eingang zur Höhle der Schwimmer darstellen soll, sind im Grunde schon alles – der fadenscheinige Stoff, aus dem die Träume sind. Daß der Eindruck dennoch gewaltig ist, liegt also weniger am filmischen Wiedererkennungseffekt, sondern an der Landschaft. Sie ist ein echter Traum, der den Stoff für Filme und Romane abgibt.

Der englische Patient war erst ein Roman von Michael Ondaatje, ehe ein Film von Anthony Minghella daraus geworden ist. Weder das eine noch das andere spielt in Tunesien, sondern in Ägypten, aber andererseits muß man vielleicht auch wissen, daß der kanadische Schriftsteller holländisch-tamilisch-singhalesischer Herkunft nicht unbedingt aus eigener Anschauung schreibt. So wie er sich für „In der Haut eines Löwen” die Welt der Brücken- und Tunnelbauer im Toronto der Jahrhundertwende aus historischen Photos und Artikeln zusammenphantasiert hat, so hat er sich für diesen Roman an Berichte der Royal Geographical Society und andere Dokumente gehalten, die das Leben in der Wüste in den dreißiger Jahren lebendig machten. Er hat sich hineingeträumt in diese Welt, und fast scheint es, als sei dies ohnehin die einzig legitime Möglichkeit, der Wüste zu begegnen.

Denn die Wüste ist das Nichts, die Abwesenheit all dessen, womit wir uns üblicherweise umgeben, also eine Bühne für Hirngespinste aller Art. Und wer das begriffen hat, versteht, daß die Wüste alles ist, das Denken und Fühlen ausfüllt bis in den hintersten Winkel des Bewußtseins. Nur Sand und nichts sonst, nur Stille und doch genug. Hören wir also aus dem Schweigen der Wüste noch einmal eine andere Stimme, die der Schauspielerin Kristin Scott Thomas, die schon etwas vorher nach Tozeur gekommen war, um sich auf die Verfilmung von Der englische Patient vorzubereiten: „Das Erstaunlichste an der Wüste war die Ruhe. Das hatte eine besondere Qualität. Jeder Atemzug und jeder Seufzer, den man machte, jedes Rascheln und jedes Stück Stoff, das sich an dir rieb, wurde hundertfach verstärkt. ” Man muß sich das Rascheln des Stoffes und ihr Seufzen dazudenken, wenn man den Film sieht, dann bekommt man einen Eindruck davon, was den Film vom Buch trennt.

Das Gilf-Kebir-Plateau, in dem Almásys Expedition in der Fiktion die Höhle der Schwimmer entdeckt, liegt in Wirklichkeit in der lybischen Wüste beim Dreiländereck Ägypten-Lybien-Sudan, weit weg von jeder Zivilisation und für schwerfällige Filmteams sowieso unerreichbar. Also hat man nach einem Ort gesucht, der zugänglich ist und doch denselben Eindruck vermittelt: „Der Sand in der marokkanischen Wüste hat einen dunkelrötlichen Felston und ähnelt mehr den Wüsten in den USA. Die Sahara in Tunesien war gerade richtig. Die Farbe und die Art des Sandes, die hellbraunen Körnchen der Sahara sind hier so unverwechselbar”, sagte Produktionsdesigner Stuart Craig. Also entschied man sich für Tozeur, das im Landesinneren unweit der algerischen Grenze etwa auf der Höhe der Insel Djerba liegt und einen Flughafen besitzt. Wenn man so will, ist das dort Sahara light, für den Tourismus erschlossen und doch weit genug ab vom Schuß, um einen Eindruck von der Wüste zu vermitteln. Bislang muß man noch über Tunis fliegen, aber ab Herbst soll es eine Direktverbindung von Frankfurt aus geben.

Tozeur ist so aufregend, wie es eine Oase mit 30 000 Einwohnern am Rande der Wüste eben sein kann. Es gibt Palmenhaine, eine Altstadt, eine Einkaufsstraße, zwei Wüstenzoos, in denen ein Kamel stündlich aus einer Cola-Flasche trinkt, sonntags Markt – und ein paar ungewöhnlich luxuriöse Hotels. Vor allem das „Palm Beach Hotel”, in dem die Stars untergebracht waren, und das „Dar Cherait”, dem das bestbestückte Museum des Landes und ein Märchenpark angeschlossen sind. Es gibt nichts, worauf man dort verzichten müßte, wenn man mal davon absieht, daß es hier wie überall im Land nur das flaue Celtia-Bier und die zwei Sorten durchwachsenen Rot- und eine Sorte mäßigen Weißwein gibt, welche die einheimische Produktion bereithält.
Tozeurs Reiz liegt darin, daß es wirklich der letzte größere Posten auf dem Weg ins Innere des Kontinents ist: Nach Westen erheben sich die Ausläufer des Atlas-Gebirges und Algerien, nach Süden der Salzsee Chott el Jerid und die Wüste. Es gibt auch einen Bahnhof, der die Endstation der Linie Tunis-Sousse-Sfax-Gafsa ist, die aber nur einmal in der Woche befahren wird. 1990 war der Verkehr nach Überschwemmungen eingestellt, ist letztes Jahr aber wiederaufgenommen worden.

Ums Wasser dreht sich hier naturgemäß alles. Es ist Segen und Fluch zugleich, denn natürlich ist immer zuwenig da und dann wieder zuviel. Es gibt oder gab in Tozeur und der benachbarten Oase Nefta natürliche Quellen, die aber versiegt sind, weil nicht zuletzt der Tourismus mehr verbraucht, als der Boden hergibt. Also wird gebohrt, um das Grundwasser anzuzapfen, aber der Spiegel sinkt immer weiter. Gerade in Nefta kann man sehen, wozu das führt. Das einstige idyllische Quellbecken am Boden der Senke, um die sich der Ort gruppiert hat, ist versiegt – man arbeitet nun an einer künstlichen Bewässerung.

Andererseits begegnet man auf der Fahrt durchs Land immer wieder ganzen Orten wie Tamerza oder Midès, die nach Regenfällen von ihren Bewohnern verlassen wurden, weil die Lehmziegelarchitektur buchstäblich dahinschmolz. Die Orte wurden ein Stück weiter einfach neu errichtet, während die Gemäuer der alten Gebäude nun als Geisterstädte in der Sonne verdörren, ferne Echos vergangenen Lebens, Parallelwelten im Schatten der Oasen. Dabei hat die Allgegenwart der Ruinen auch und gerade in den Altstädten, den Medinas, ganz pragmatische Gründe: In Gegenden, wo mehr Platz als Bedarf ist, kommt es die Menschen viel günstiger, irgendwo ganz neu anzufangen, statt erst den Schutt ihrer vorherigen Behausungen abzuräumen.

Daß die Faszination für diese Gegend auch eine topographische ist, wußte schon der englische Patient: „Ich bin jemand, der eine ungenannte Stadt an ihrer skelettartigen Form auf einer Karte erkennen kan. Ich kannte mich aus mit Karten vom Meeresgrund, mit Karten, die Schwachpunkte im Schutzschirm der Erde wiedergeben, mit Schaubildern auf Tierhäuten, die die unterschiedlichen Routen der Kreuzzüge zeigen. Und darum kannte ich diese Gegend, bevor ich in ihrer Mitte abstürzte. ” Hier in der Wüste ist die Kartographie an ihre Grenzen gestoßen, arg viel mehr als bleiche Flächen gibt es hier nicht zu verzeichnen. Aber gerade hier wirkt jedes unveränderliche Kennzeichen, jeder Ort, jede Erhebung, für den Kartenleser wie eine echte Eroberung. Hier sind die Spuren, die der Mensch auf der Karte hinterläßt, noch in unseren Dimensionen faßbar. Ein paar Hütten in einem Palmenhain genügen, um einen Fleck auf der Karte zu hinterlassen. Und man hat den Eindruck, man könne mit einem Blick auf die Karte auch all die Geheimnisse fassen, die diese Orte bergen – wohingegen der Fleck New York in jedem Weltatlas zwar voller Verheißungen, aber ohne jedes Geheimnis ist.

Die größte Karte von Tunesien hat den Maßstab von eins zu einer Million, und das reicht natürlich nicht, um all die vom Regen weggeschwemmten Phantomorte, die aufgelassenen Eisenbahnstrecken des Phosphatabbaus um Metlaoui und Redeyef oder die vertrockneten Flußbetten zu verzeichnen, welche die Phantasie beschäftigen. Allein schon den Namen des Ortes Metlaoui muß man sich auf der Zunge zergehen lassen, und vielleicht schmeckt man dabei ein wenig von jener Faszination, die den Besucher packt, wenn er mit dem 1984 restaurierten Zug „Le Lézard Rouge”, den der tunesische Bey 1910 von den Franzosen geschenkt bekam, von dort hinauf durch die Seldja-Schlucht fährt, die wirklich so aussieht, als habe ein verrückter Scheich mit seinem Säbel eine Kerbe ins Gebirge geschlagen. Von dort oben blickt man dann hinab in die wüste Ebene, in der außer ein paar Dromedaren wirklich niemand zu Hause ist. – Metlaoui, was für ein Name! Und man muß sich dazu die Phosphatstollen vorstellen, die über Kilometer in die bergige Wüstenei gegraben und längst aufgegeben worden sind, die Eingänge schwarze Löcher in ein Nichts, von dessen Schrecken man nur eine Ahnung bekommt, wenn man immer wieder die Dynamit-Explosionen das Bergmassiv erschüttern hört. Aber das ist natürlich weit entfernt von den Idyllen, denen der englische Patient auf der Spur war.

Wer den Film vor Augen hat, erinnert sich an jene Szene, da der verzweifelte Ralph Fiennes die in weiße Fallschirmseide gewickelte Leiche seiner Geliebten aus der Höhle der Schwimmer trägt und das wehende weiße Tuch wie eine Flamme seines Schmerzes im Wind flackert. Dort, wo diese Szene gedreht wurde, ist natürlich weit und breit keine Höhle. Aber die Schlucht hinter Sidi Bou Hellal ist majestätisch genug, um alle Höhlen dieser Welt vergessen zu lassen. Wer am Marabut, dem weißen Grabmal über der Ebene, vorbeisteigt, kommt in eine Welt, in der man die Natur und nicht das Kino am Werk sieht. Die sandige Felsschneise, die dem Film solche Emotionen verschafft hat, wirkt selbst so, als haben sich hier menschliche Gefühle einen Weg durch den Fels geschnitten. Die Gipsreste, mit denen der Höhleneingang simuliert wurde und die von der Anwesenheit des Kinos zeugen, wirken eher wie eine Dreingabe, die im Werk der Jahrtausende nichts verloren hat.

Kurioserweise haben die Führer den Film selbst noch nicht gesehen, erzählen deshalb immer wieder von Szenen, die zwar gedreht, dann aber herausgeschnitten wurden. Und Tahar, der Range-Rover und Fahrer vermietet, steckt sich schon mal sicherheitshalber ein Stück Gips ein – als wär’s ein Stück von der Berliner Mauer. Die Szene , in der der eifersüchtige Ehemann Almásy mit dem Flugzeug umbringen will und dabei selbst zu Tode kommt, wurde ebenfalls eine Stunde von Tozeur entfernt im Bergland zwischen Tamerza und Midès gedreht. Auch hier war das Filmteam gründlich und hat alle Spuren beseitigt. Interessanter ist es ohnehin, weiter nach Midès zu wandern, das über einer hundert Meter hohen Schlucht thront, auf deren Boden man sich wirklich wie auf dem Grund der Welt fühlt. Auf dem Weg dorthin geht man buchstäblich über Meeresgrund, was man an den Muscheln sieht, die das Meer vor Millionen Jahren hinterlassen hat und die nun ein ganzes Bergmassiv bilden.

Um an die Dünen im Chott el Jerid zu kommen, durch die auch Karl May seine Mannen reiten ließ, mußte die Filmproduktion eine 35 Kilometer lange Piste bauen, die sie dann zu Ehren des Produzenten „Saul Zaentz Imperial Highway” nannten. Der Salzsee ist gute 200 Kilometer lang, durch die eine befestigte Straße führt, auf der es zwei Raststätten gibt, die die üblichen Souvenirs anbieten: Sandrosen und Skorpione hinter Glas. Es heißt, die Amerikaner hätten Anfang der sechziger Jahre den Plan gehabt, im Salzsee eine Atombombe zu zünden, um einen künstlichen See im Landesinneren zu schaffen. Davon hatte auch schon der Erbauer des Suez-Kanals, Ferdinand Lesepps geträumt, bis Messungen ergaben, daß das Chott etwas höher als der Meeresspiegel liegt und deshalb ein Kanal zum Meer nichts bringt. So wird das Salz auf ewig wie Eis in der Sonne glitzern, und die Fata Morgana ferne Inseln vorspiegeln, die nur Lebensmüde ansteuern würden.

In den paar Dünen, die es hier draußen gibt, bekommt man jedenfalls eine Ahnung, was mit dem Wort vom Palast der Winde gemeint sein könnte. Nichts als Sand, so weit das Auge reicht, und über dem Kopf ein Dach aus Wind. Und wenn man dann auftaucht aus diesem fernen Palast und über die Piste zurückfährt, sieht man am Horizont die beiden weißen Vögel leuchten. Sie stehen da, erzählt der Bürgermeister, seit das Embargo über den Irak verhängt worden ist. Es sollen noch 15 weitere in der Wüste versteckt sein, sagt er auch. Aber er will nicht verraten wo.

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