20. Januar 1997 | Süddeutsche Zeitung | Bericht | Bayerischer Filmpreis 1997

Ach, Europa!

Der Bayerische Filmpreis singt beschwingt: 'We are Family'

Zweierlei läßt sich nach dem sogenannten Filmwochenende feststellen: Erstens ist der deutsche Film auf eine Art und Weise bei sich, wie schon lange nicht mehr. Zweitens ist dem europäischen Kino nicht zu helfen, so lange es sich mit Veranstaltungen wie dem CSU-Filmgespräch aufhält. Aber der Reihe nach.

Der Bayerische Filmpreis, der am Freitag zum 18. Mal vergeben wurde, war lange Zeit eine Veranstaltung, bei der man fürchten mußte, daß einer der Preisträger dem jeweiligen von der CSU gestellten Ministerpräsidenten den Handschlag verweigert oder sonstwie den Abend verdirbt. Besonders gut sind die Beziehungen zwischen der hiesigen Regierungspartei und jener Branche, die sich gern künstlerischer gibt als sie ist, sicher auch heute noch nicht, aber das allgemeine politische Klima läßt es durchaus zu, daß bei der Verleihung die Soul-Gruppe Sister Sledge ‚We Are Family‘ singt – und niemand das als ironischen Kommentar versteht. Auch wer das deutsche Kino nicht als große Familie begreift, mußte zugeben, daß es an den Preisträgern wie an der Veranstaltung selbst, die von Senta Berger und Friedrich von Thun bemerkenswert klug und charmant moderiert wurde, nichts zu meckern gab.

Die Preise für Helmut Dietl, den man schon vor ROSSINI als Fernsehregisseur zu den großen deutschen Filmemachern zählen mußte, und für Caroline Link, die im deutschen Komödientaumel mit JENSEITS DER STILLE bewiesen hat, daß es auch anders geht, sind völlig in Ordnung. Die Liberalitas Bavariae ging sogar so weit, daß die Jury Wolfgang Panzers BROKEN SILENCE mit einem Sonderpreis ehren durfte, obwohl der als englischsprachiger Film nicht den Auflagen entsprach. Wenn das so weitergeht, werden sie irgendwann noch mal Herbert Achternbusch einen Bayerischen Filmpreis verleihen. Und der wird dann singen: We are family…?

Aus gegebenem Anlaß darf man also jene Frage stellen, der Dietl einst schon im ‚Ganz normalen Wahnsinn‘ in anderer Richtung nachgegangen ist: ‚Warum es dem deutschen Film so gut geht, wo es dem europäischen Kino doch so schlecht geht‘. Die CSU formulierte es für ihr Filmgespräch am Sonntag im Künstlerhaus etwas anders: ‚Produktionslandschaft Europa – Nationale Isolation oder gemeinsamer Markt‘. Die Antwort lautete wie immer bei solchen Fragen: sowohl als auch; oder besser: weder noch; oder schlimmer: Wen kümmert’s?

Den Verlauf muß man sich so vorstellen: Gesprächsleiter Dr. Klaus Schaefer vom FilmFernsehFonds Bayern bittet die sechs Teilnehmer, kurz die Situation des Filmemachens in Europa aus ihrer Sicht darzustellen – und das machen sie dann auch – und zwar so gründlich, daß hinterher fürs Gespräch keine Zeit mehr ist. Da war es geradezu ein Glück, daß zwei der Gesprächsteilnehmer verhindert waren. Und irgendwie schien dieser Verlauf symptomatisch für die ganze Europafrage hier wie anderswo: Es wird geredet und geredet – und auf einmal wird kompliziert, was so einfach sein könnte. Es wird immer so getan, als sei die abstrakte Idee eines vereinten Europas irgendwie verführerisch. Ist sie natürlich nicht, weil sie eben abstrakt ist. Das erlebte Europa ist es, was lockt. Nicht das, was uns verbindet, sondern das, was uns unterscheidet. Im Kino sowieso.

Wer einen französischen Film ansieht, sucht ja nicht das allgemein Europäische, sondern das speziell Französische. Und dennoch – oder gerade deswegen – spürt man in diesen Filmen etwas von einer einigenden Kraft, die sich im amerikanischen Kino anders darstellt. Amerika ist von Natur aus ein Schmelztiegel verschiedener Nationalitäten und Mentalitäten, die auch im Kino eine Art Esperanto gefunden haben, auf das sie sich verständigen konnten. Das nimmt dem Kino aus Hollywood nichts von seiner Größe und Kraft, aber man darf schon mal feststellen, daß die Filmsprachen, in denen bei uns erzählt wird, mehr Raum und Ausdrucksmöglichkeiten lassen.

Es wird schon seinen Grund haben, warum die Franzosen, die mit allen Mitteln ihre kulturelle Eigenständigkeit verteidigen, mit ihren Filmen im eigenen Land den größten Marktanteil haben. Oder warum die Briten, die mit den Amerikanern ja immerhin eine Sprache gemeinsam haben, auf dem dortigen Markt auch nicht arg viel größere Chancen haben. Hollywood ist eben nicht überall – und am besten fährt man, wenn man sich auf seine Möglichkeiten besinnt. ‚We are family‘ bedeutet schließlich nicht: Wir sind alle gleich. Für den Familiensinn reicht es völlig, wenn man sagen kann: Wir wohnen im selben Haus. Und im Idealfall feiern wir auch unsere Feste zusammen.

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