23. März 1998 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Oscars | Academy Awards 1998 (3)

Stars und Sterndeuterei

Heute nacht werden zum 70. Mal die Oscars vergeben

Aus der Ferne wirkt das Shrine Auditorium, in dem heute nacht von drei Uhr unserer Zeit an die Oscars vergeben werden, wie eine Fata Morgana. Inmitten der Stadtwüste südlich von Downtown Los Angeles erhebt sich über dem Einerlei von Lagerhäusern und Werbeschildern der strahlend weiße morgenländische Tempel wie ein Wunder aus Tausendundeiner Nacht. Die orientalische Riesentorte steht da in der Ödnis wie bestellt und nicht abgeholt. Außer dem nahe gelegenen Universitätsgelände deutet nichts darauf hin, daß das Gebäude in dieser Umgebung jemals eine Funktion gehabt haben könnte. Im Grunde ist dieser Schrein ein passender Schauplatz für Hollywoods größtes Fest – er wirkt wie eine gigantische Kulisse, die nach Gebrauch wieder demontiert wird.

Wenn man näher kommt, sieht es fürs erste jedoch so aus, als habe hier ein Riesenkind sein Spielzeug auseinandergenommen und vergeblich versucht, es wieder zusammenzuschrauben. Aus allen Türöffnungen quellen Kabel, die sich in einem Gewirr aus Tribünenkonstruktionen und Wohnwägen verlieren. Draußen liegen überlebengroße Oscar-Statuetten zwischen Blumenkübeln und -gebinden auf dem Boden, vier von den Goldjungs stehen schon am Ende des roten Teppichs vor dem Portal, darüber in großer Schrift: 70th Annual Academy Awards.

Was jetzt noch wie Kraut und Rüben aussieht, wird heute Nacht wie aus einem Guß wirken. Die Fernsehkameras werden das Shrine Auditorium mitten ins Land unserer Träume verlegen, Gastgeber Billy Crystal wird zum sechsten Mal seine Witze reißen, und die Oscars werden so golden strahlen wie eh und je. Die Nominierten werden zittern, die Sieger stottern und Millionen auf aller Welt weinen. So muß es sein.

Weltmeisterschaft der Branche

Eine Milliarde Zuschauer hat die Academy im Vorfeld prophezeit, dann hat das örtliche Magazin Buzz nachgerechnet und kam auf knapp hundert Millionen. 75 Millionen werden es in den USA sehen, wo nur das Football-Endspiel um die Superbowl mehr Zuschauer hat, aber in Europa findet es zu nachtschlafender Zeit statt, und in China oder dem Irak (!), wohin die Show ebenfalls verkauft wurde, werden wahrscheinlich auch nicht Millionen vor dem Bildschirm sitzen. Das ändert aber nichts daran, daß dies hier die Weltmeisterschaft der Filmbranche ist – schließlich nennt sich die amerikanische Baseball-Meisterschaft auch ganz vollmundig World Series.

Die Oscars sind eine durch und durch amerikanische Veranstaltung, wo sich Kunst und Kommerz auf unnachahmliche Weise die Hand reichen. Im ganzen Land wird der Abend auf Großbildschirmen übertragen, und Wetten auf den Ausgang kann man sogar in Las Vegas abschließen. Für den Sieg von Titanic und Regisseur James Cameron bekommt man dort kaum mehr als seinen Einsatz zurück – und trotz dieser Vorhersehbarkeit rechnet die Fernsehgesellschaft ABC mit Rekordquoten. Die Titanic läge den Menschen am Herzen, heißt es, deswegen würden alle einschalten. Das einzige Hindernis auf dem Weg zum Rekord könnte sein, daß ausgerechnet Teenidol Leonardo DiCaprio nicht nominiert worden ist, der weitere Millionen fiebernder Mädchen hätte mobilisieren können.

Der Sieg von Titanic ist umso sicherer, als die Oscars im vergangenen Jahr allgemein als Ohrfeige ins Gesicht Hollywoods empfunden wurden. Nur einer von fünf nominierten Filmen war in einem der großen Studios entstanden, und der überlegene Sieger, Der englische Patient, war entstanden, nachdem mehrere Studios bei dem Projekt abgewunken hatten. Die Losung für dieses Jahr lautet also: The empire strikes back – und zwar mit voller Wucht.

Der teuerste Film aller Zeiten ist auf einmal der erfolgreichste Film aller Zeiten. Alle beteuern zwar, daß dieses Beispiel keine Schule machen wird, aber daran glaubt keiner im Ernst. Als Heaven’s Gate, der 1980 die Rekordsumme von 40 Millionen Dollar gekostet hat, ein Studio in den Bankrott gerissen hat, wollten sich das alle eine Lehre sein lassen. Geholfen hat es nichts. Wieso also sollte dieser Film, der auch noch ein spektakulärer Erfolg ist, irgendwen davon abhalten, irgendwann 300 Millionen auszugeben?

Im Grunde handelt es sich bei Titanic ohnehin um einen Autorenfilm, wie er im Buche steht. James Cameron hat ihn schließlich produziert, inszeniert, geschrieben und geschnitten. Ironie des Schicksals ist es, daß Cameron, als die Kosten explodierten, unter Druck seines Studios auf die acht Millionen Gage für Regie und Produktion sowie auf seine Beteiligung am Einspiel verzichtet hat und nur die etwas mehr als eine Million fürs Drehbuch behalten hat – und ausgerechnet dafür ist er nicht nominiert worden. Hundert Millionen hätte er verdienen können, eine ist geblieben – zum Trost, heißt es, habe ihm sein Studio nun aber doch noch freiwillig über 20 Millionen überwiesen.

Reden wir also nicht darüber, welche Oscars Titanic gewinnt, sondern in welchen Kategorien auch andere Filme Chancen haben. Bei aller Begeisterung dürfte selbst die rekordwütige Academy einsehen, daß die Außerirdischen in Men in Black vom Makeup mehr Kunstfertigkeit erforderten als der Alterungsprozeß von Kate Winslet – die Falten der 87jährigen Gloria Stuart werden wohl echt gewesen sein.

Eben jenes Alter dürfte der Dame hingegen helfen, sich im Kampf gegen Kim Basinger durchzusetzen, die für ihre Rolle als Edelhure in L. A. Confidential noch einen Golden Globe gewonnen hat. Andererseits geht in dieser Kategorie nicht immer Alter vor Schönheit. Da muß man sich nur mal an Lauren Bacalls Gesicht erinnern, als die haushohe Favoritin vor einem Jahr gegen Juliette Binoche verlor. Bei den Nebendarstellerinnen gibt sich die Academy vermutlich deshalb so unberechenbar, um sich für ihre sonstige Berechenbarkeit zu entschuldigen. Bleibt Kate Winslet, die wohl keine Chance hat gegen Helen Hunt, die einzige Amerikanerin unter vier Britinnen.

Dem notorischen Minderwertigkeitskomplex der Academy gegenüber den Nachfahren Shakespeares zum Trotz wird der Star aus Besser geht’s nicht gewinnen, weil sie zeigt, was eine gute Schauspielerin aus einer wenig spektakulären Rolle machen kann. Zumal sie gegen Jack Nicholson bestehen mußte, der als Ekel im Grunde leichtes Spiel hatte. Wer seine Leistung feiert, übersieht, daß solche Rollen für Schauspieler ein gefundenes Fressen sind. Behinderungen aller Art waren noch immer der Stoff, aus dem Hauptrollen-Oscars sind. Obwohl es Nicholson schwer haben wird, sich durchzusetzen gegen Robert Duvall, der The Apostle auch inszeniert hat, und Peter Fonda, der in Ulee`s Gold ein Comeback feiert.

Bei den Nebendarstellern ist das Rennen zwischen Burt Reynolds in Boogie Nights und Robin Williams in Good Will Hunting offen. Der eine hat den Golden Globe gewonnen, der andere den Preis der Schauspielgilde. Andererseits würde ein Oscar für Reynolds bedeuten, daß er in seiner Dankesrede erklären muß, warum er nach Ansicht des Films seinen Agenten gefeuert hatte, der ihm zu diesem Unfug geraten hatte.

Bleiben die Drehbücher: Originaldrehbuch geht an Matt Damon und Ben Affleck für ihr Good Will Hunting, denn sie sind jung und Schauspieler – und das mag die von Schauspielern dominierte Academy. Drehbuchadaption geht an L. A. Confidential, der schon vorher alle Kritikerpreise abgeräumt hat, und nun wenigstens diesen einen Trostpreis gewinnen muß. So gewinnt Titanic also elf Oscars und stellt den Rekord von Ben Hur ein. Und wenn es anders kommt, dann beweist das nur, daß Oscar-Tips immer eine Mischung aus Statistik und Sterndeuterei, Wissenschaft und Voodoo sind. Aber was ist das Kino anderes?
MICHAEL ALTHEN

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