25. März 1998 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Oscars | Academy Awards 1998 (2)

Oscar-Verleihung: „Und was sage ich, wenn ich gewinne?”

Im Paddelboot neben der Titanic

Warum die deutsche Regisseurin Caroline Link am Ende der glanzvollen Hollywood-Nacht das Gefühl hatte, alles sei vielleicht nur ein Traum gewesen

Los Angeles, 24. März – Manchmal, hat Caroline Link vor ein paar Tagen noch gesagt, komme ihr das alles vor wie ein Märchen. Da fühle sie sich wie Aschenputtel, die weiß, daß um Mitternacht der ganze Zauber vorbei ist. Plötzlich werden die goldenen Schuhe verschwunden sein, das Kleid, der Schmuck und alles andere auch. Und dabei wirkte sie nicht wie jemand, der das für ein großes Unglück hält. Märchen sind eben nicht jedermanns Sache. Aber ein paar Tage leben wie im Traum – oder wie in Hollywood, was ungefähr dasselbe ist – kann man sich schon gefallen lassen.

Als die Regisseurin über Aschenputtels Schicksal sinnierte, saß sie vor dem großen Spiegel ihrer Suite im Sunset Marquis. Gerade war sie von Bulgari zurückgekehrt, wo sie sich zum Kleid passenden Schmuck hatte aussuchen dürfen, Ohrringe für 40 000 Dollar und einen Ring für 10 000. Das machen bei den Oscars alle so. Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Die Stars und Nominierten dürfen einen Abend lang die neuesten Kreationen der Juweliere tragen, dafür nennen sie stets artig den Namen, wenn sie gefragt werden. Tatsächlich scheint die Interviewer der amerikanischen Fernsehketten ohnehin nichts anderes zu interessieren: Von wem ist das Kleid? Von wem der Schmuck? Oh, how wonderful you look. Der rote Teppich, der an den Pressetribünen vorbei zum Shrine Auditorium hinführt, ist also im Grunde nur ein besserer Laufsteg.

Üben unter der Dusche

Was denn passiere, wenn sie den Schmuck verlöre, hat Caroline Link bei Bulgari gefragt. Sie solle die Juwelen am besten im Safe aufbewahren, hieß es, und im übrigen sei man versichert. Gut zu wissen. Als es soweit war, hat ein unauffälliger Herr den Schmuck aufs Zimmer gebracht, und die Regisseurin hat die silbern glänzenden Juwelen zu ihrem bestickten blauen Mantel angelegt. Das war kurz vor der Abfahrt zur Zeremonie, als die Nervosität plötzlich doch so groß ist, daß es auf 50 000 Dollar hin oder her auch nicht mehr ankommt.

Es gibt keinen in dieser Branche, hat Kim Basinger gesagt, der nicht schon mal unter der Dusche seine Dankesrede einstudiert habe. Wobei ihr dieses Geständnis leicht fiel, weil sie zu den Gewinnern des Abends zählte. Alle träumen von einem Oscar, aber nur wenige kommen auch nur in die Nähe dieser Veranstaltung. Und wenn man aus dem Ausland, etwa aus Deutschland, kommt, dann sind die Chancen so gering, daß schon eine Nominierung ein Wunder ist. Aber wenn man aus 44 für den besten fremdsprachigen Film aus aller Welt eingesandten Beiträgen unter die letzten fünf gewählt wird, warum soll man dann nicht auch von einem Sieg träumen? Schließlich geht ihr Debütfilm „Jenseits der Stille”, der von einem Mädchen erzählt, das als Kind taubstummer Eltern ausgerechnet Musikerin werden will, auf eine Art zu Herzen, die auch hier in Hollywood ankommt. Das also ist die Oscarfalle, und es gibt niemanden, der sich ihr entziehen kann: Irgendwann wird jeder nervös, und im letzten Moment glaubt jeder an seine Chance.

Selbst Tommy Lee Jones, der aus der Ungerührtheit fast einen Beruf gemacht hat, hat in der L.A. Times zugegeben, daß er sich vor seinem Oscar für „Auf der Flucht” wie ein Kind gefühlt habe. Genau das ist es, was mit den Schauspielern auf der Bühne passiert: Sie werden Kinder, deren Emotionen bloßliegen. Dies ist der eine Abend, wo man sie so sieht, wie sie sind – oder es zumindest glauben darf.

Caroline Link also hat sich tausendmal gesagt, daß das Ganze nur ein Spiel ist, und es auch geglaubt. Wer sich als Regisseurin in dieser immer noch von Männern dominierten Branche durchsetzt, neigt ohnehin nicht dazu, sich allzu leicht Illusionen hinzugeben. Und dennoch passiert es, daß sie beim Kinobesuch am Abend vorher plötzlich mit der Frage hochschreckt: „Und was sage ich, wenn ich gewinne . . .?” So ist das in Amerika im allgemeinen und bei den Oscars im besonderen: Du bist immer ein Gewinner, solange du nicht verloren hast.
Man hat der Deutschen eine jener Stretch Limos zur Verfügung gestellt, die zweimal so lang wie normale Autos sind und innen eingerichtet wie ein Wohnzimmer. Durch die getönten Scheiben sieht Los Angeles noch unwirklicher aus, als es ohnehin schon ist. Als dann der Moment nahe und das Shrine Auditorium in Sicht ist und Caroline Link mit ihren Produzenten Jacob Klaussen und Thomas Woebke vor den Zuschauern auf dem roten Teppich steht, sagt ihre Agentin, dies sei vielleicht der Moment, ihren Schmuck anzuziehen. Ein Griff zu den Ohren, wo die 40 000 Dollar hängen sollten, es aber nicht tun. Entsetzen. Herzstillstand. Der Schmuck ist weg.

Die Limousine auch schon. Zusammen mit Klaussen macht sich Link auf den Weg, um die Limousine wiederzufinden. Was schwer genug ist, weil auf dem Parkplatz 1200 dieser weißen und schwarzen Ungetüme stehen, die hier zum guten Ton gehören. Sie finden den Wagen – und in den Polstern auch den Schmuck.

Ein neuer Anlauf, wieder auf den roten Teppich, wo die Stars von einem Interviewer zum nächsten wandern und Rechenschaft über ihr Outfit geben müssen. Und alle spielen brav ihre Rolle im Spiel, auch die taubstumme Schauspielerin Marlee Matlin, die einst für „Gottes vergessene Kinder” einen Oscar gewonnen hat. Per Zeichensprache gibt sie der Entertainment-Veteranin Joan Rivers artig Auskunft über die Herkunft ihrer Kleider, aber nachdem die Klatschtante von ihr abgelassen hat, macht sie mit den Händen das Zeichen für bitch, was mit Luder wohl angemessen übersetzt wäre.
Wenn der Aufmarsch auf dem roten Teppich beginnt, sitzen die Fans bereits seit mehr als 30 Stunden auf den Tribünen. Sie campieren dort, werden von einer Fastfood-Kette mit „Überlebens-Paketen” versorgt und wachen über ihre Plätze, auf denen sie anderntags dann quasi nach den Sternen greifen können. Im Inneren des Shrine Auditoriums, das im wirklichen Leben der etwas vermuffte Al Malaikah Temple des Shrine-Bundes ist, wird unterdessen für das große Ereignis geprobt. Auf den Stühlen im Parkett lehnen Kartons mit den Gesichtern und Namen oder Kategorien der Nominierten, damit die Kameras später wissen, wessen gespanntes Gesicht sie einfangen müssen. Irgendwo rechts von der Mitte steht auf einem Sitz auch das Schild „Germany”.

Germany ist zu dieser Zeit noch unterwegs von Empfang zu Empfang. Bei Sony gibt es eine Studioführung für alle nominierten ausländischen Regisseure, abends eine Party bei Arnold Rifkin, dem Chef der William Morris Agentur, die Caroline Link unter Vertrag genommen hat. Das heißt fürs erste nur, daß die Deutsche amerikanische Drehbücher zugeschickt bekommt. Nachdem in Deutschland gute Drehbücher eher rar sind, hat Link nichts zu verlieren. Und es heißt, daß sich eine Agentin um die Newcomerin kümmert. Es ist eine 28jährige namens Nadia, die ganz genaue Vorstellungen davon hat, was man im Falle so einer Nominierung in dieser Stadt zu tun und zu lassen hat.

Weil Caroline Link davon vielleicht keine Vorstellungen hat, aber doch genau weiß, was sie mit sich machen lassen will und was nicht, kommt es durchaus zu Reibungen. Auf der Party von Nadias Chef – dem bei der Gelegenheit unpassenderweise der Nachwuchs aufs Jackett kotzt, woraufhin auf ein Fingerschnippen ein Ersatzjackett gebracht wird –, rückt Link ihrer Agentin den Kopf zurecht, weil sie im Gespräch mit ihr stets den Blick durch den Raum schweifen läßt. Sie erwarte schon, daß sie ein Mindestmaß an Interesse zeige. Schuldbewußt gibt Nadia ihr recht und wendet fortan den Blick nicht mehr von ihr. Sehen und gesehen werden heißt die Regel.

Anderntags gibt es in der Früh in der Academy of Motion Picture Arts and Sciences ein Symposium mit den nominierten ausländischen Regisseuren. Der Saal ist bis zum letzten Platz gefüllt, und die Zuschauer sind interessiert. Und Norman Jewison, Regisseur von „Mondsüchtig” und Leiter der Diskussion, redet so enthusiastisch über die Kraft des Weltkinos jenseits von Hollywood, als gelte es, eine Filiale aufzumachen. 70,3 Millionen Dollar koste ein durchschnittlicher Hollywoodfilm, verkündet Jewison beinahe angeekelt, 125 Millionen Mark. Als dann die Nominierten ihre Budgets nennen, alle um die zwei Millionen Dollar, kommt spontan Applaus auf. Als sei es völlig unvorstellbar, mit so wenig Geld Filme zu machen, die auch Kino sind. Als handle es sich dabei um ein Zauberkunststück, das Hollywood einfach nicht beherrscht.
Was hier allerdings bewundernswert ist, ist diese Fähigkeit, die Welt zu umarmen, die in Amerika nur noch übertroffen wird von dem Talent, sich selbst zu feiern. Als Jewison die Anwesenden aus dem Auswahlkomitee, das die fremdsprachigen Filme sichtet, bittet, sich zu erheben, sieht man, daß das Durchschnittsalter jenseits der Pensionsgrenze liegt. Beim Foreign-Language-Film dürfen nur jene abstimmen, die nachweisen können, daß sie alle fünf Nominierten gesehen haben – das können in der Regel nur Leute, die nicht mehr im Berufsleben stehen. So kommt es, daß von den 5371 Academy-Mitgliedern nach Schätzungen höchstens 200 über den Auslands-Oscar entscheiden – und die haben einen, gelinde gesagt, konservativen Geschmack. Nachdem von allen fünf Filmen fünf Minuten gezeigt wurden, ist das deutsche Team so klug wie zuvor. Der Russe wirkt rührend, der Brasilianer spannend, der Holländer kunstvoll – nur der Spanier sieht ein wenig beliebig aus. Die Nervosität wird dadurch nicht geringer.

Ein Gefühl von Plastik

Endlich der Tag der Entscheidung. Im Shrine Auditorium sind nun alle Nominierten da – und noch ein paar mehr: Matt Damon und Ben Affleck, Robin Williams, Demi Moore, Mira Sorvino, Nastassja Kinski, Amy Irving, Winona Ryder, Dame Judi Dench, Helena Bonham Carter und Madonna. Leibhaftig. Nur Meter entfernt. Und sofort verwandeln sich alle in Teenager, die im Kino von den Sternen träumen. Agenten hin, Produzenten her, hier erlebt man das Kino in Fleisch und Blut. Und man ahnt, warum Leute mehr als 30 Stunden campieren, um diesen Menschen für Sekunden nah sein zu können.

Sekunden nur dauert auch der Traum vom Oscar. Sharon Stone kommt auf die Bühne, verliest die best foreign-language pictures of the year: Beyond Silence, Germany . . . Dann öffnet sie den Umschlag, läßt jenen Moment ewig währen und sagt: „Character from the Netherlands. ” Während der Regisseur Mike van Diem sich freut, macht sich bei den Deutschen Enttäuschung breit, die sogleich einer großen Entspannung weicht. Der Rest des Abends gehört ohnehin „Titanic”.
Hinterher geht es auf den traditionellen Governor’s Ball, wo Kate Winslet und Minnie Driver nicht glücklich aussehen, und dann – nachdem man vor dem Shrine Auditorium eine gute Stunde neben Robin Williams auf die Limousine warten mußte – auf die Party von Miramax im Beverly Hills Hotel, wo Caroline Link Robert De Niro vorgestellt wird. Wie sie es gefunden habe, will er wissen. Ein bißchen wie Fast Food. Häppchenweise Emotionen. Das Gefühl von Plastik. De Niro versteht, was sie meint.

Es ist Mitternacht. Das Märchen hat ein Ende, der Zauber ist vorbei. Das Kleid, die Schuhe, der Schmuck werden verschwinden. Vielleicht war doch alles nur ein Traum.

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