25. März 1996 | Süddeutsche Zeitung | Bericht, Oscars | Academy Awards 1996 (2)

Stolz und Vorurteile

Heute Nacht werden die Oscars vergeben: Was sind sie wirklich wert?

Als man den Autor William Goldman vor zwei Jahren fragte, wie er Steven Spielbergs Chancen einschätze, mit Schindlers Liste endlich einen Oscar zu gewinnen, brachte er mit seiner Antwort das ganze Geheimnis der Oscars auf den Punkt. Er sagte: ‚Spielberg ist der absolute, überwältigende Favorit. Seit zwanzig Jahren hat es nicht mehr einen so sicheren Sieger gegeben. Seit Coppola als bester Regisseur für Der Pate nominiert war. Daran gab es auch nichts zu deuteln – das war eine ganz, ganz große Leistung.‘ So weit seine Vorhersage – und er behielt natürlich recht. Das war auch nicht schwierig. Was Goldmans Antwort jedoch so interessant macht, ist die Tatsache, daß Coppola einst verloren hat. Bob Fosse bekam den Oscar für Cabaret.

So viel zu den Favoriten bei den Oscars. Um so schwieriger ist es, in Jahren Vorhersagen zu treffen, in denen es keine klaren Favoriten gibt. Wie in diesem Jahr. Dabei hatte es eigentlich zunächst ganz nach einem Zweikampf ausgesehen. Bei den diversen amerikanischen Kritikerpreisen, die sich schon oft als Auguren bewährt haben, lagen Sinn & Sinnlichkeit und das Alkoholiker-Drama Leaving Las Vegas übereinstimmend vorn. Dann kamen die Nominierungen – und auf einmal war nichts mehr klar.

Leaving Las Vegas war überhaupt nicht nominiert worden, Sinn & Sinnlichkeit schon, aber sein Regisseur Ang Lee nicht. Und daß ein Film dann noch gewinnt, ist höchst unwahrscheinlich. Zweimal hat es das erst gegeben, einmal 1937 bei Grand Hotel, das andere Mal bei Miss Daisy & ihr Chauffeur. Das gleiche Handicap hat die einzige nominierte amerikanische Produktion Apollo 13, deren Regisseur Ron Howard ebenfalls das Nachsehen hatte. Wie kann das passieren, wo doch jeder weiß, daß sich Filme nicht selbst inszenieren und daß gerade bei den besseren der Regisseur mehr als nur eine Hand im Spiel hat?

5043 Stimmberechtigte

Ganz einfach. Die Nominierungen werden in jeder Kategorie nur von denen gewählt, die in diesem Bereich auch arbeiten. Nur die Regisseure dürfen also darüber abstimmen, wer als Regisseur nominiert wird. Die fünf besten Filme werden jedoch von allen 5043 stimmberechtigten Mitgliedern der Academy of Motion Picture Arts and Sciences, kurz A.M.P.A.S., gemeinsam bestimmt. Wohlgemerkt: Nur bei den Nominierungen. Bei der Schlußwahl dürfen dann alle über alle 19 Kategorien abstimmen.

Man weiß allerdings, daß viele dabei nur nach dem Hörensagen gehen, und Henry Fonda hat einst sogar zugegeben, daß er die Sache seiner Frau überläßt. Gerüchteweise nehmen ohnehin nur die Hälfte der Stimmberechtigten an der Wahl teil. Nur bei den Dokumentar- und Kurzfilmen sowie den fremdsprachigen Filmen können seit kurzem nur diejenigen abstimmen, die nachweisen können, daß sie die fraglichen Werke auch gesehen haben. Ansonsten gilt bei den Nominierungen: Ein Film darf kein Flop sein – aber zu erfolgreich darf er auch nicht sein, denn dann hat er die Auszeichnungen nicht mehr nötig. Ausnahmen wie Forrest Gump sind allerdings die Regel.

Von den restlichen drei Kandidaten des Jahres kann man Il Postino verwerfen, der zwar ein ergreifender kleiner Film ist, dessen Chancen aber so gering sein dürften wie seine Zuschauerzahlen in den USA. Bleiben Braveheart und Babe als mögliche Sieger, wenn heute Nacht ab drei Uhr unserer Zeit im Dorothy-Chandler-Pavillon in Los Angeles die Umschläge geöffnet werden. Und da ist die Entscheidung eigentlich klar. Eigentlich.

Aus zwei Gründen kann es nur einen Sieger geben: Zum einen besteht die Academy mindestens zur Hälfte aus Schauspielern, die sich bevorzugt für Filme entscheiden, die ihre Kunst besonders gut zur Geltung bringen. Deshalb werden Filme, die von Action oder Spieleffekten leben, so gut wie nie berücksichtigt. Da kann man sich ausmalen, welche Vorurteile gegen Babe bestehen, in dem Tiere die Hauptrolle spielen.

Zum anderen träumen die meisten Schauspieler offenbar davon, es den Regisseuren endlich mal zu zeigen, und sind immer stolz, wenn ihresgleichen die Seiten wechselt. Kaum einer zweifelt etwa daran, daß Martin Scorseses Wie ein wilder Stier einer der besten Filme des letzten Jahrzehnts gewesen ist. Dennoch ging 1980 der Regie-Oscar an Robert Redford, der mit dem ganz und gar durchschnittlichen Ordinary People sein Regiedebüt gegeben hatte. Und im Jahr darauf standen Steven Spielberg und Louis Malle zur Debatte, und der Preis ging an Warren Beatty, der mit Reds einen Film gemacht hatte, den heute auch keiner mehr sehen will.

Nun also Mel Gibson und Braveheart. Anständiger Film. Sauber gemacht. Tritt für die richtigen Werte ein. Wurde so oft wie kein anderer nominiert. Zehnmal. Prima. Hat nur einen Fehler: Kevin Costners Der mit dem Wolf tanzt mag mancher gehaßt haben, aber es hat auch eine Menge Leute gegeben, die dafür geschwärmt haben. Braveheart hingegen haben die Leute bestenfalls gemocht. Besondere Leidenschaft hat keiner dafür entwickelt. Trotzdem ist er der klare Sieger. Weswegen der Verdacht naheliegt, daß doch ein anderer gewinnen wird.

Ein Sieg bedeutet an der Kasse im Schnitt zusätzliche 30 Millionen Dollar. Dafür lohnt es sich schon ein paar Millionen zu investieren, um die Mitglieder zu überreden. Die Branchenblätter sind deshalb voll mit ganzseitigen Anzeigen, die noch einmal die Vorzüge der Kandidaten preisen. Das ist übrigens nichts Neues: Für Marty, den besten Film des Jahres 1955, hatte das Studio 400 000 Dollar in die Werbung investiert – gekostet hat er nur 350 000 Dollar. Dazu sind dann überall in Hollywood Lobbyisten unterwegs, die Telephonate führen, Feste geben, Journalisten aktivieren. Manchmal hilft das sogar. Die Schauspielerin Sally Kirkland hat es 1987 durch geschickte Eigenwerbung geschafft, eine Nominierung für ihre Rolle in Anna zu ergattern, obwohl den Film kaum jemand gesehen hatte. Sie verlor dann allerdings gegen Cher.

Schauspieler sind in diesem Jahr kein Problem: John Travolta und Nicole Kidman also? Falsch. Keiner von beiden wurde nominiert. Weil sie nur in Komödien gespielt haben? Oder weil sie bei Scientology sind und sich Travolta bei den Golden Globes etwas zu überschwenglich bei Ron Hubbard bedankt hat? Man weiß es nicht. Aber man weiß dafür: Nicolas Cage, der in Leaving Las Vegas einen Alkoholiker spielt, wird gewinnen, weil die Academy Alkoholiker liebt – aus naheliegenden Gründen. Und Susan Sarandon gewinnt für Dead man Walking.

Warum nicht Meryl Streep oder Emma Thompson? Weil sie schon mal gewonnen haben. Warum nicht Sharon Stone oder Elizabeth Shue? Weil für sie die Nominierung schon Ehre genug ist. Susan Sarandon hingegen hat noch nie gewonnen, obwohl sie schon viermal zur Debatte gestanden hat. Andererseits: Richard Burton und Peter O’Toole waren sechsmal nominiert und haben nie gewonnen. Und Al Pacino und Paul Newman haben erst beim achten Anlauf den Oscar gekriegt.
Man weiß also nichts, und das, was man weiß, ist nichts wert. Welcher Regisseur hatte zum Beispiel die meisten Nominierungen? Orson Welles oder Howard Hawks? Beide wurden einmal nominiert. Ingmar Bergman, Ernst Lubitsch oder Martin Scorsese? Wurden dreimal nominiert. Also Stanley Kubrick oder Federico Fellini? Vier Nominierungen. Alfred Hitchcock hatte fünf. Und? Keiner von ihnen hat je gewonnen. Immer noch besser als Chaplin, der nie in seinem Leben nominiert war.

‚Oliver‘ statt ‚2001‘

Und selbst das ist noch besser als Frank Capras Schicksal. Der war 1935 als bester Regisseur nominiert und tatsächlich hieß es, als es soweit war: ‚Komm auf die Bühne, Frank!‘ Capra stand freudig auf und begab sich zum Podium – und merkte auf halbem Weg, daß Frank Lloyd gemeint war, der für Cavalcade den Oscar gewonnen hatte. Das sei der schrecklichste Moment seines Lebens gewesen, schrieb Capra später in seiner Autobiographie. Aber wenigstens gewann er im darauffolgenden Jahr mit Es geschah in einer Nacht.

Bei den Oscars regieren also häufig die Willkür oder die Moden – und genau das macht ihren Reiz aus. Da steht dann 1952 High Noon zur Debatte – aber es gewinnt die Zirkus-Schnulze The Greatest Show on Earth. Oder 1968 Kubricks 2001 – und der Oscar geht an das dröge Musical Oliver. Was ist der Oscar also wirklich wert, wenn es immer wieder zu so offensichtlichen Fehlentscheidungen kommt? Man kann den Wert sogar auf den Dollar genau angeben. Ein Oscar ist nämlich genau einen Dollar wert. Das ist nämlich der Rückkaufspreis, den die Academy vertraglich festgeschrieben hat, für den Fall, daß jemand auf die Idee kommt, seinen Oscar versilbern zu wollen. Der von Vivien Leigh tauchte dennoch bei Sotheby’s auf und kam für 563 000 Dollar unter den Hammer.

Zu Sinn und Unsinn des Oscars hat Peter Bogdanovich das letzte Wort: ‚Der einzige Preis, der dem Geist der Sache gerecht wird, ist ein Preis für Dichter, der in Spanien vergeben wird. Der Drittplacierte erhält eine silberne Rose, der zweitplacierte eine goldene Rose – der Sieger jedoch bekommt eine echte Rose.‘ Mehr hatte der Regisseur nicht zu sagen, nachdem er 1972 verloren hatte.
MICHAEL ALTHEN

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mailadresse wird nicht öffentlich angezeigt. Pflichtfelder sind mit * markiert. Mit Absenden Ihres Kommentars werden Ihre Einträge in unserer Datenbank gespeichert. Weitere Informationen finden Sie in unserer » Datenschutzerklärung


neunzehn − achtzehn =