11. November 2009 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Filmkritiken, Rezension | 2012

Die Welt geht unter - und Mona Lisa lächelt dazu

Roland Emmerich hat mit "2012" den endgültigen Katastrophenfilm gedreht und es geschafft, die Apokalypse als Familienunterhaltung zu inszenieren

Natürlich ist es für Jungs immer ein Ansporn, mit Bauklötzen den höchsten Turm zu bauen – aber der größte Spaß besteht doch darin, das Bauwerk wieder zum Einsturz zu bringen. Je höher, desto wumms! Insofern hat sich Roland Emmerich mit 2012 erfüllt, wovon offenbar Jungs aus aller Welt, besonders aber in Hollywood träumen. Und weil er das in INDEPENDENCE DAY und THE DAY AFTER TOMORROW auch schon getan hat, hier Washington kaputtgemacht, dort New York schockgefrostet, musste es diesmal noch eine Nummer größer sein. In 2012 geht die ganze Welt zu Bruch. Wummms! Es dürfte schwierig sein, sich selbst noch einmal zu überbieten. Das nächste Mal müsste er dann schon das ganze Weltall in ein schwarzes Loch stürzen lassen.

Es ist also ein ungeniert kindisches Vergnügen, dem man hier frönen kann. Eine Viertelmilliarde Dollar wurde dafür verjubelt, und es dürfte einer der seltenen Fälle sein, wo Kapital und Vernichtung eine profitable Beziehung eingehen. Und Emmerich inszeniert das nicht ohne Ironie. Schon in der ersten Szene sieht man einen indischen Jungen mit einem Blechschiff in einer Pfütze spielen, ehe es von einem vorbeifahrenden Auto zum Kentern gebracht wird. So wird der bislang teuerste und erfolgreichste Katastrophenfilm quasi mit einem Platscher beiseitegewischt, indem die Titanic in einer Pfütze versenkt wird.

Nach diesem augenzwinkernden Anfang wird es allerdings erst mal bitterernst, denn kein Katastrophenfilm kommt ohne das Schaudern aus, das einen im Angesicht nahender Havarien erfasst. In einer stillgelegten indischen Silbermine hat ein Wissenschaftler herausgefunden, dass die neuesten Sonneneruptionen auf den Erdkern wie eine Mikrowelle wirken. Die Temperaturen steigen, der Erdkern kocht, die Kruste reißt, die Welt schwappt über. Die Mayas haben es schon immer gewusst, ein paar andere Irre auch, und wer seine Uhr danach stellen möchte, soll sich am 21. Dezember 2012 mal besser nichts vornehmen. Und Weihnachten fällt auch ins Wasser.

Früher hat man für Katastrophenfilme gerne All-Star-Besetzungen zusammengetrommelt, um zu zeigen, dass das Unglück auch vor großen Namen nicht haltmacht – heute genügt auch eine moderat bekannte Besetzung, auf dass keiner den Effekten die Schau stiehlt. John Cusack spielt den erfolglosen Science-Fiction-Autor, der zufällig über die Wahrheit stolpert, Amanda Peet seine entfremdete Frau, Chiwetel Ejiofor den alarmierten Wissenschaftler, Oliver Platt seinen zynischen Boss, Danny Glover den Präsidenten, Thandie Newton seine Tochter, Woody Harrelson einen durchgeknallten Apokalyptiker, der es immer schon gewusst hat, für George Segal ist auch eine Rolle dabei, und Patrick Bauchau gibt den Direktor des Louvre, der in seiner Citroën DS im selben Tunnel in die Luft fliegt wie Lady Di – aber das lässt sich angesichts von fünf Milliarden Opfern leicht verschmerzen. Nur um die schöne DS tut es einem ein bisschen leid.

Emmerich geht schnell dazu über, alle Plausibilität fahrenzulassen, und lässt seine Helden lieber dauernd um Haaresbreite dem Höllenschlund entkommen, so dass man sich bald vorkommt wie in einer dieser Achterbahnen in Disneyland. Die Erde tut sich auf, in Yellowstone entsteht ein Vulkan, Las Vegas klappt zusammen, ein Flugzeugträger namens „John F. Kennedy“ plumpst aufs Weiße Haus, der Petersdom kippt um, ganze Küstenstriche rutschen ins Meer, und am Ende schwappt eine Riesenwelle über den Himalaja. Es ist schon was geboten, aber damit es auf zweieinhalb Stunden nicht zu eintönig wird, geht es darum, dass die G-8-Staaten beschlossen haben, ausgewählte Exemplare der Gattung Mensch in einer Flotte von Archen zu retten, um ihren Fortbestand zu sichern. Die Queen läuft da mit ihren Hunden rum, die deutsche Kanzlerin auch; ein paar Superreiche haben sich eingekauft, die chinesischen Arbeiter müssen hingegen erst mal draußen bleiben, während absurderweise noch Giraffen und Nashörner an Bord gebracht werden. Und Mona Lisa lächelt dazu. So viel Spaß muss sein.

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